Corona-konform?

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Neulich stolperte ich über einen Tweet einer zurzeit sehr gefragten Autorin, die ihren Geburtstag feierte und als Zusatz ergänzte: „natürlich Corona-konform“. Auf einer Bedeutungsklärungs-Webseite finde ich: „Corona-konform bedeutet, die behördlichen Hygieneauflagen einzuhalten.“ So gibt es Handreichungen zu Corona-konformem Reisen, Feiern, Sport treiben und sogar eine Anleitung: „So umarmt man Corona-konform“. Dieser inzwischen oft gehörte Disclaimer brachte mich zum Nachdenken. Was bedeutet Corona-konform eigentlich? Wie ist es um Kritik und Konformismus bestellt in unserer Gesellschaft? Wer schreibt sich Konformität auf die Fahnen und seit wann ist es etwas Positives, „konform“ zu sein?

Während es bis vor kurzem noch ein Merkmal fortschrittlicher Gesinnung war, Gesellschaftskritik zu üben – zum Beispiel Alex Demirovic in Der nonkonformistische Intellektuelle –, besteht heute eine merkwürdige Kopplung von Links- und Progressiv-Sein mit Befürwortung der Corona-Maßnahmen; die Corona-Konformität gehört zum guten Umgangston und fungiert als Abgrenzung gegen „rechts“. Die sogenannten alternativen Medien und viele Anhänger:innen einer maßnahmenkritischen Coronapolitik nehmen dagegen für sich in Anspruch, die letzten verbliebenen Instanzen einer „Kritik“ zu sein. Aber so einfach ist es nicht. Schließlich standen auch Linke und Progressive immer für bestimmte Dinge, zum Beispiel für die Werte der Aufklärung, Weltoffenheit und Gerechtigkeit. Allerdings mit dem gewichtigen Unterschied, dass sie diese Ideale stets als nicht verwirklicht sahen und gerade daraus ihre Kritik resultierte. Heute hingegen sind „Wissenschaftlichkeit“ und in Maßnahmen geronnene „Solidarität“ – beides Leitwerte linker und aufgeklärter Weltsicht – in Person von Christian Drosten und in Form staatlicher Distanzierungspolitik vermeintlich verwirklicht und darum schwenken die ehemals Kritischen auf Gehorsam und Loyalität um. Ihren Grundgestus verlassen sie dabei jedoch nicht, gilt es doch jetzt die vielen Abtrünnigen aufzuklären oder zu canceln, die verhindern, dass die fast restlos aufgeklärte Gesellschaft doch wieder in den vorwissenschaftlichen Zustand zurückfällt („Achtung Aluhüte!“).

Denker wie Adorno oder Michel Foucault, die Gesellschaftskritik im 20. Jahrhundert großgemacht haben, würden jedoch niemals in den Chor der einseitigen Wissenschaftlichkeit und der hygienepolitischen Solidaritätsforderung einstimmen. Allen voran Foucault zeigte detailliert auf, wie historisch Hygiene mit Macht zusammenhing, wie eine „Bio-Politik“, die über und durch Körper herrscht, sich herausbilden konnte und welche Macht im öffentlichen Diskurs konzentriert liegt. Adorno wäre nie auf ein großes Meta-Narrativ wie das der alternativlosen Pandemiepolitik hereingefallen und hätte die Stillstellung der abweichenden wissenschaftlichen Positionen eingedenk des „Nicht-Identischen“ niemals toleriert. Es wäre ein Leichtes, die gegenwärtige Corona-Politik kritisch mit Adorno oder Foucault zu dechiffrieren. Aber die Progressiven von Gestern sind heute lieber „Corona-konform“. Das Unkonventionelle, Nicht-Konforme lebt jetzt dort weiter, wo Diversität der Geschlechts-, Sexualitäts-, Identitäts- und Lebensformen gefordert wird. Hier soll alles – bis in die Sprache hinein – so abweichend und unkonformistisch wie möglich gelebt werden, während Wissenschaft, Moral und eben auch Gesundheitspolitik nur im Singular bestehen dürfen. „Corona-konform“ bedeutet: an den richtigen Stellen so angepasst zu sein, dass ohne Reibungsverlust indirekt oder direkt vom Status Quo und der Krise profitiert werden kann.

Ein Text aus der Ausgabe 7/8 der Zeitschrift info3.

Über den Autor / die Autorin

Alexander Capistran

Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin und an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. Nach seinem Studium an der Universität Witten/Herdecke arbeitet er als Berater und Projektmanager. Außerdem promoviert er an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg über Neue Mobilität im Lichte Walter Benjamins.