Die Anthroposophen-Verschwörung

Das Goetheanum in Dornach. Foto: Wladyslaw/Wikimedia Commons

Die Angst vor Corona hat ein neues Ventil gefunden – obwohl rein zahlenmäßig eine fast verschwindende Minderheit, beschwören manche Medien jetzt den angeblich gefährlichen Einfluss der Anthroposophen herauf.

Anthroposophen sind daran gewöhnt, mit ganz unterschiedlichen Reaktionen umzugehen: Während die einen die Qualität von Demeter-Lebensmitteln, Waldorfschule und Misteltherapie bei Krebserkrankungen schätzen, rümpfen die anderen die Nase angesichts von mystischen Inhalten und radikalem Individualismus. In diesem Spannungsfeld bilden Anthroposophen eine sozial engagierte, aber eben doch eine sehr kleine Minderheit, die sich darüber freut, als Teil einer pluralen Zivilgesellschaft mitzumischen.

Umso überraschender wirken eine Reihe von Äußerungen in jüngster Zeit, die plötzlich glauben, einen geradezu unheimlichen Einfluss der Anthroposophen auf das soziale Gefüge im deutschsprachigen Kulturraum herausstellen zu müssen. Corona ist das Stichwort, an dem die Macht „anthroposophischer Netzwerke“ deutlich werden soll. So hat beispielsweise der Journalist Dietrich Krauß kürzlich in einem SWR-Interview und auch andernorts behauptet, die große Dichte an Waldorfschulen in Baden-Württemberg sei daran schuld, dass die Impf-Quote im Süden Deutschlands vergleichsweise gering sei. Jedes kurze Nachrechnen der Größenverhältnisse lässt diesen Schluss als grotesk erscheinen. Dennoch koppelt Krauß, der auch für die beliebte TV-Sendung Die Anstalt arbeitet, an seine Mutmaßungen allerlei Szenarien, in denen etwa die Anthroposophische Medizin als Gefahr für die etablierte Medizin aufgebauscht wird. Anthroposophie habe man lange im Sinne der Toleranz gegenüber anderen Weltanschauungen dulden können, aber bei Corona höre der Spaß nun auf. Mit der Anthroposophischen Medizin müsse jetzt Schluss sein, so Krauss. Dass diese Medizin in ihrem Selbstverständnis die etablierte Medizin nicht ersetzen, sondern ergänzen will, wird unterschlagen.

Die Geschichte von der Schuld der Anthroposophen an der niedrigen Impfquote versucht der Basler Professor Oliver Nachtwey in einem Interview mit dem Deutschlandfunk und dem österreichischen Standard soziologisch zu unterlegen. „Sie müssen sich nur Baden-Württemberg anschauen. Das ist in Deutschland der Hotspot der Querdenker-Bewegung. Gleichzeitig gibt es dort mehr als 50 Waldorfschulen“, raunt der Mann der Wissenschaft. Und macht gleich noch einen weiteren Makel dieser Szene aus: „Was sie aber haben, ist eine starke Autoritätsskepsis. Und gleichzeitig trauen sich diese Menschen zu, aufgrund ihrer teils hohen Bildung, Wissenschaft selbst zu beurteilen.“ Oha!

Noch eins drauf legt der Spiegel-Autor Tobias Rapp. Er rahmt seinen „autobiographischen Essay“ auf Spiegel Online mit einer kaum überprüfbaren Jugenderinnerung, wonach an der von ihm besuchten Waldorfschule einmal ein schwer an Grippe erkrankter Mitschüler gestorben sei. Und zwar deshalb, weil „die Anthroposophen“ ihm, so Rapp ohne Beleg, „offenbar“ die nötigen Medikamente vorenthalten hätten. Es folgt ein ironiereicher Blick in allerlei ihm seltsam vorkommende Praktiken der Anthroposophie, der mit dem Resümee endet: „Das könnte man nun alles unter der Art von Spinnerei abbuchen, auf die jeder Bürger und jede Bürgerin ja ein gutes Recht hat. Es wird jedoch gefährlich, wenn es ums Impfen geht.“ Der gleiche Duktus also wie bei Krauß: Bei Corona muss Schluss sein mit der Toleranz, Anthroposophie als Risiko für die Bevölkerungsgesundheit. Er zitiert angebliche Äußerungen von Steiner gegen das Impfen, die so allerdings nirgends nachweisbar sind; polemische Vergleiche der Anthroposophie mit Scientology und anderen „Sekten“ tun ihr übriges.

Sicher gibt es unter Anthroposophen (die ja bekanntermaßen autoritätsskeptisch sind, siehe oben) auch Menschen, die sich gegen eine Corona-Impfung entscheiden. Dass aber alle Anthroposophen das Impfen grundsätzlich bekämpfen ist ebenso falsch wie die krude Vorstellung, dass „die Anthroposophen“ eine geheime Kampagne zum Impfboykott organisieren. Selbstredend, dass die impffreundlichen Positionen der anthroposophischen Ärzteschaft oder die differenzierten Empfehlungen der Waldorf-Sprecher nirgends in den Medien zu Wort kommen. In Zeiten der „Corona-Apokalypse“, die neulich Markus Söder ausrief, wird das alte journalistische Prinzip der Ausgewogenheit und das Gebot, immer auch die andere Seite zu hören, inzwischen ganz offen als gefährlicher Luxus verworfen.

Als relativ kleine Gruppe könnten sich Anthroposophen freuen, plötzlich als so bedeutungsvoll eingeschätzt zu werden – wenn hier nicht ein Verschwörungsmythos ganz eigener Art gestrickt würde. Wie fast alle Verschwörungsmythen zielt auch dieser darauf ab, einen Sündenbock für gesellschaftliche Fehlentwicklungen – hier: die offenbar unbefriedigende Impf-Politik in Deutschland – auszumachen. „Der deutsche Rückstand beim Impfen hat viele Gründe, aber er liegt sicher nicht in erster Linie an der Geisteshaltung von Anthroposophen, Waldorfbewegten, Esoterikern oder einer sonstigen Bevölkerungsgruppe“, meinte dazu der T-Online-Nachrichtenchef Florian Harms, eine der wenigen Ausnahmen im Anthroposophen-Bashing dieser Tage. „Mit dem Finger auf Einzelne zu zeigen, bringt uns auch nicht schneller aus der Krise heraus“, so Harms, der übrigens selbst Waldorfschüler war und an diese Zeit „dankbar zurückdenkt“, wie er gesteht. Hoffen wir, dass sich irgendwann nach Corona die Maßstäbe wieder zurechtrücken. ///

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Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.