Die Ungeimpften – eine kleine Tages-Schau des Bashings

Foto: Mat Napo/unsplash

Geh‘ nicht mit den Ungeimpften – die sind nicht nur gefährlich, sondern auch Schuld daran dass Corona nicht aufhört. Ganz besonders schuld aber sind die Anthroposophen. Eine Glosse.

Ich würde nicht mit Ungeimpften drehen“, sagt die Schauspielerin Natalia Wörner. Auch die Comedians Hazel Brugger und ihr Mann wollen sich nicht mehr mit Ungeimpften treffen. Peter Maffey meint: „Wer nicht geimpft ist, kann eigentlich nicht unter Leute gehen.“ Und die Berliner Gesundheitssenatorin Dilek Kalacyi rät: „Vermeiden Sie Kontakt zu Ungeimpften!“ In Österreich gilt ab dem 15. November ein Lockdown für Ungeimpfte und eine ÖVP-Politikerin bezeichnet diese als „Todesengel“.Sogar der von mir hochgeschätzte Kolumnist Axel Hacke weiß: „Es gibt keine Langzeitfolgen von Impfungen. (…) Alle Nebenwirkungen sind bekannt. Jeder könnte das wissen. Aber nicht jeder weiß es.“ Und weiter, mit eigenartig patriarchalem Staatsverständnis: „Erinnert der Umgang mit jenen, die partout keine Spritze wollen, nicht manchmal schon an langmütige Eltern und deren Kinder, die morgens nicht zur Schule wollen? (‚Möchtest du dir nicht jetzt doch mal die Schuhe anziehen, ich helfe dir auch. Und dann singen wir auf dem Weg ein Lied zusammen und sind ganz toll fröhlich, oder was meinst du?‘)“

Selbst unser Staatsoberhaupt Frank Walter Steinmeier bläst munter ins gleiche Horn und trägt zur Ausgrenzung der Ungeimpften bei: „Die Mehrheit in unserem Land lässt sich impfen, um sich und andere zu schützen. Diejenigen, die sich nicht impfen lassen, setzen ihre eigene Gesundheit aufs Spiel, und sie gefährden uns alle.“

Etwas anders sieht es der Virologe Christian Drosten: „Es gibt im Moment ein Narrativ, das ich für vollkommen falsch halte: die Pandemie der Ungeimpften. Wir haben keine Pandemie der Ungeimpften, wir haben eine Pandemie.“ Und der Virologe Hendrik Streeck macht deutlich: „Die Ungeimpften sind verantwortlich für die Toten, heißt es oft, auch aus dem Munde von Politikern. Solche Aussagen sind falsch. (…) Wir alle können das Virus weitergeben. Der Anspruch der Impfung war nie, eine Infektion zu unterbinden, sie sollte vor einem schweren Verlauf schützen. Die Impfung ist Eigenschutz, kein Fremdschutz.“

In einem Spiegel-online Kommentar Umgang mit Ungeimpften. Die vierte Welle ist politisch von Christian Stöcker heißt es:   

„Die neue Corona-Eskalation ist sehr ungleich über das Land verteilt, und das ist ein Hinweis auf ein noch ungleich größeres Problem. Am schlimmsten ist sie derzeit in Sachsen, Thüringen, Bayern, Baden-Würtemberg und Brandenburg. Drei dieser Bundesländer gehören zu denen, in denen die AfD bei der Bundestagswahl die höchsten Stimmanteile bekam. In Bayern und Baden-Württemberg landete sie unter dem Bundesdurchschnitt, aber dafür ist dort Die Basis erfolgreicher als anderswo. Und in Bayern sitzen auch die Freien Wähler in der Regierung, die vom gerade erst geläuterten lange ‚impfskeptischen‘ Hubert Aiwanger angeführt werden.“

Interessant! Es gibt also offensichtlich eine Koinzidenz zwischen AfD-Wählern und hohen Inzidenzen. So betrachtet muss dann Polen die Hochburg der AfD sein. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens etwa mit der geographischen Verbreitung der Boreliose! Wie darf man sich da die Affinität der Zecken zum AfD-Wähler vorstellen?

Aber meine unbestrittene Nummer 1 auf der Hitliste des Ungeimpften-Bashings ist Waldorfschule und Impfgegner. In Steiners Sekte. Ein „autobiografischer Essay“ von Tobias Rapp auf Spiegel online. „Nirgendwo in Westeuropa ist die Impfquote so niedrig wie im deutschsprachigen Raum. Das liegt auch an einer einflussreichen Gruppe: den Anthroposophen. Als Waldorfschüler habe ich sie kennengelernt.“ Jetzt muss ich mich schwer beherrschen, nicht Witze über Waldorfschüler und die Mathematik zu machen! In Deutschland gibt es rund 20.000 Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. Ich kenne viele geimpfte Anthroposophen (ich bin selbst einer davon), aber sagen wir der Einfachheit halber mal, sie wären alle nicht geimpft, dann wären das bei 82 Millionen Deutschen 0,0002439 Prozent. Das Risiko an Covid 19 zu sterben lag seit Beginn der Pandemie in Deutschland bei ca 0,00121951 Prozent, also ca. fünf mal höher.  Dass die, wie behauptet, niedrigere Impfquote an dieser leider (!) so kleinen Gruppe liegen soll, ist zumindest mathematisch überraschend!

Zu Beginn erinnert sich der Autor daran, dass in seiner Schulzeit ein Mitschüler verstarb: „Der Junge war an einer schweren Grippe gestorben. Keine Krankheit, die in den Achtzigerjahren des 20. Jahrhunderts noch den sicheren Tod bedeutete. Es gab danach eine Menge Gerede an der Schule. Das Kind war der Sohn von sehr überzeugten Anthroposopheneltern gewesen, und der behandelnde Arzt war ebenfalls Anthroposoph. Man hatte sich offenbar gegen eine ausreichende medikamentöse Behandlung entschieden.“ Es gab also damals „Gerede“, erinnert er sich nach etwa 40 Jahren und „offenbar“ war die Behandlung nicht ausreichend. Aber ganz krass: Es waren „Anthroposopheneltern“ und der Arzt auch! Man fragt sich, trugen sie ein großes A auf der Stirn? Haben sie ihm ihre Mitgliedsausweise gezeigt? Woran erkennen eigentlich plötzlich alle, wer ein Anthroposoph ist und wer nicht? Der Höhepunkt kommt aber jetzt: „Was bei mir hängen blieb, war: Es gibt Leute, die opfern für ihre Überzeugung im Zweifelsfall ihre Kinder.“ Das ist nun die abgründigste Unterstellung gegenüber Eltern, die ihr Kind verloren haben, geradezu bösartig. Ich bin zu hoffen versucht, dass die Eltern nicht mehr leben oder es sonst nicht erfahren müssen. Falls doch, möchte man ihnen rechtliche Schritte wegen Verleumdung empfehlen.  

Die Hexenjagd gegen die Ungeimpften ist längst eröffnet und im verzweifelten Versuch, selbst auf der richtigen Seite zu stehen und vom kompletten Versagen von Politik und Gesellschaft abzulenken, zerrt man kleinste Gruppen – und hier gar vom Schicksal geprüfte Eltern – auf den Scheiterhaufen, um sie im öffentlichen Meinungsfeuer zu verbrennen. Es ist eine Schande.

Zum Abschluss meiner Tages-Schau las ich in der Berliner Zeitung: „Gates-Stiftung unterstützt den Spiegel mit weiteren 2,9 Millionen Dollar. Zweck der Unterstützung sei „über soziale Spaltungen weltweit zu berichten und ein Verständnis für deren Überwindung zu vermitteln“, heißt es von der Stiftung. Die brauchen das Geld wirklich ganz dringend!

Über den Autor / die Autorin

Johannes Denger

Johannes Denger ist Heilpädagoge, Waldorflehrer und Info3-Autor.