Atlas eines Lebens

Eine neue Bild-Biografie breitet das Leben und Schaffen Rudolf Steiners in bisher unbekannter Materialfülle aus.

Vor uns liegt ein opulentes Buch, fast 500 Seiten stark und rund zweieinhalb Kilo schwer – ein nicht nur äußerlich gewichtiges Werk. Zum ersten Mal wird hier in umfassendster Weise das Leben Rudolf Steiners anhand von Originaldokumenten anschaulich präsentiert.

Wie die Herausgeber das großzügige Format zur Präsentation der schier unerschöpflichen Lebenszeugnisse genutzt haben, macht beim Lesen auf jeder Doppelseite Freude. Es ist, als gingen wir durch eine große Ausstellung: Reiches Bildmaterial wird vor uns ausgebreitet, zahlreiche Fotografien von bekannten (und auch heute weniger bekannten) Geistern seiner Zeit lassen ein weitgespanntes menschliches Netz hervortreten, in dem sich Steiner bewegte. Wir tauchen ein in die historische Atmosphäre der Lebensschauplätze wie Wien, Weimar, Berlin, München oder Prag. Dazu immer wieder handschriftliche Briefe, bearbeitete Buchmanuskripte, viele Notizen und Skizzen –  wir dürfen Steiner bei der Entwicklung der Anthroposophie gleichsam über die Schulter sehen.

Die Herausgeber haben das Material sinnvoll in acht größere Lebensabschnitte gegliedert, von den Kinderjahren Steiners in Österreich bis zu den großen spirituell-sozialen Impulsen, die er vor seinem frühen Tod noch setzte. Das Buch bietet so eine durchaus repräsentative Einführung in wesentliche Themen der Anthroposophie, hält aber auch für die schon etwas mit dem Werk Vertrauten noch so manche Entdeckung bereit. Wer weiß beispielsweise schon, dass Steiner bereits vor seiner theosophischen Zeit allein im Jahr 1901 in Berlin über 100 Vorträge gehalten hat; dass Albert Einstein lachend aus einem Vortrag Steiners in Prag gekommen sein soll; oder dass Steiner bereit war, sich einer wissenschaftlichen Überprüfung seiner Hellsichtigkeit durch einen ausgewiesenen Experimentalpsychologen zu stellen? Die Beispiele ließen sich beliebig vermehren.

Natürlich ziehen immer wieder auch die (relativ seltenen) Fotografien von Steiner selbst die Aufmerksamkeit auf sich, und zwar nicht nur diejenigen, bei denen er für einen Fotografen in Position ging, sondern auch eher beiläufige Gruppenfotos und Zufallsaufnahmen, die ihn etwa als Redner kurz vor einem Vortrag in der Dornacher Schreinerei oder entspannt bei einer Schiffsüberfahrt zeigen. Wer war dieser Mensch? Wie mag er aus der Nähe gewirkt haben? Die vielen unterschiedlichen Aufnahmen können zu einer Übung werden, sich im Mitvollzug seiner sich metamorphosierenden Züge einem Wesen zu nähern, das sich nie ganz in einer Aufnahme zeigen kann.

Obwohl wir hier durch das Leben wie durch ein offenes Buch sehen, bleibt mit Rudolf Steiner ein Rätsel verbunden. Am Ende des Bandes fragt man sich unwillkürlich, ob hier wirklich nur das Leben eines einzelnen Menschen ausgebreitet wurde. Die philosophisch-literarischen Jahre ziehen an uns vorbei, die ersten Aufführungen der Mysteriendramen, sein sozialpolitisches Engagement nach dem Ende des Weltkriegs, die Gründung der Waldorfschule, der Aufbau des Goetheanums und die vielen, vielen Vortragsreisen. So zahlreiche Werke und so unterschiedliche Themen, so viele Begegnungen und Projekte, so manche Niederlage und immer wieder ein Neuanfang – ein ganzer Kosmos im Brennglas eines Lebens.

Die Kategorie „Bildbiographie“, wie es auf dem Umschlag heißt, ist zu bescheiden für dieses Werk. Es ist ein großer Katalog, ja ein Atlas zum Werk Rudolf Steiners geworden. Dank des kaum zu ermessenden Einsatzes der vier Herausgeber:innen und mit Hilfe von Stiftungen ist hier eine monumentale Würdigung entstanden, die gerade in unserer Zeit ein Zeichen für Rudolf Steiner setzt. ///

David Marc Hoffmann, Albert Vinzens, Nana Badenberg und Stephan Widmer: Rudolf Steiner. Eine Bildbiografie. Rudolf Steiner Verlag, Dornach, 496 Seiten € 88,-

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Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.

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