Im Harz ist die Hölle los – mit Goethe auf dem Blocksberg

Granitische Felsformationen auf dem Brocken: Teufelskanzel und Hexenaltar. Foto: Wikimedia Commons.

Der Goetheweg gehört zu den meistgewanderten Wegen im Nationalpark Harz. Doch gibt es gleichwohl Unterschiede zwischen Goethes Wanderung damals und dem modernen Brocken-Tourismus heute. Beobachtungen im Vorfeld der Walpurgisnacht.

Von Thomas Höffgen

Anno 1777 bestieg Johann Wolfgang Goethe erstmals den Brocken. Doch Goethe kam nicht als Urlauber oder Tourist in den Harz, sondern als Pilger: Er – „der große Heide Goethe“ (Heine) – kam, um die von ihm als heilig und göttlich empfundene Natur zu verehren.

Irgendwie verständlich, ist der Harz doch wahrlich liebenswert – auch heute noch – mit seinen urigen Nadelwäldern, rauschenden Flusstälern und schroffen Felsen, seinen schaurigen Mooren und goldenen Bächlein. Die Region hat durchaus etwas Romantisches. Und die Natur wird streng geschützt: Der Harz ist Nationalpark und Naturpark, Biosphärenreservat und Geopark – sogar der Luchs lebt wieder hier.


„Wo man mit Erstaunen sieht / Wie im Berg der Mammon glüht“

Wahrscheinlicher ist es allerdings, dass man auf einen menschlichen Besucher stößt. Denn der Harz ist hochfrequentiert: Rund zehn Millionen Übernachtungen zählt die Region im Jahr, Tendenz steigend, und um den Brocken tummeln sich nicht Hexen, sondern massenhaft Touristen um die Souvenirläden, Bierstände und Bratwurstbuden. Wer ungestört Natur erleben will, vielleicht sogar ein bisschen Mystik sucht, mag mithin enttäuscht werden: Heute ist der Harz ein hochmoderner Hot-Spot für Aktivurlauber aller Couleur wie Walker, Biker oder Climber. Statt mit dem Besen kommt man mit dem Segway.

Der Brocken hat etwas vom Ballermann, nur konservativ: In Reisebussen wird das Bildungsbürgertum herangekarrt, singt volkstümliche Schlager und hat immer leicht einen sitzen. Tagsüber ein bisschen Goethe, abends dann – kein Scherz – DSDS- und Dschungelstar Menderes Bagci. Sukzessive hat man in den letzten Jahren die touristischen Strukturen hochgezogen und die Region „wettbewerbsfähig“ gemacht. Mittlerweile steht der Harz im wachsenden Interesse von Großinvestoren.

Wo früher sich das kleine Städtchen Schierke malerisch im Wald verbarg, zwischen Feuerstein und Schnarcherklippen, steht jetzt ein riesiges Resort, ebenso in Torfhaus und in Thale. Und der Hexentanzplatz in Thale, einstmals wohl ein altsächsisches Naturheiligtum, ist jetzt ein asphaltierter Parkplatz mit teuren Attraktionen – ein Hexentanzparkplatz mit Tierpark, Bob-Bahn und Theater.

Für Goethe hatte die Harzreise hingegen spirituellen Charakter: Er wusste nämlich, dass die bekannte Volkssage vom Hexensabbat auf dem Blocksberg in der Walpurgisnacht ihren Ursprung in den vorchristlichen Frühlings- und Fruchtbarkeitskulten der Germanen hat, namentlich der Sachsen, die auf dem Brocken naturreligiöse Rituale abhielten. Als im Mittelalter die ersten Missionare in den Harz kamen um das Christentum zu predigen, missinterpretierten sie den heidnischen Dienst an der Natur als einen diabolischen Götzendienst. Goethe nennt sie daher „dumpfe Pfaffenchristen“.

Nun wollte Goethe es den vorchristlichen Völkern gleichtun. Was genau er oben tat, ist nicht überliefert. Doch am Abend seiner Rückkehr schrieb er in einem Brief an Frau von Stein: „Nun Liebste tret ich vor die Thüre hinaus, da liegt der Brocken im hohen herrlichen Mondschein über den Fichten vor mir und ich war oben heut und habe auf dem Teufels Altar meinem Gott den liebsten Dank geopfert“.


„Der ganze Strudel strebt nach oben / Du glaubst zu schieben und du wirst geschoben“

Wer heute auf den Brocken will, tut es natürlich Goethe gleich: In Gedenken an den Dichterfürsten wandert man jetzt auf dem „Goetheweg“ und kommt sich sehr gebildet vor. Der Weg gehört zum auferlegten Pflichtprogramm eines jeden Harzbesuchers. An der Info-Tafel bleibt man stehen und seufzt: „Der Goethe“.

Wirklich „auf den Spuren Goethes“ wandert hier wohl niemand mehr, zumal die Spuren mittlerweile plattgetrampelt sein dürften ob des vielen Fußvolks. Vielmehr hat der Gang über den Goetheweg einen gewissen Wettkampfcharakter erreicht – „wer eher oben ist“ – und rüstige Rentner mit Nordic Walking-Schlagstöcken drängen einen auch mal von der Holzbrücke ins Torfmoor ab.

Wem es auf dem Goetheweg zu eng wird (und wer das nötige Großgeld zur Hand hat), kann aber auch mit der „Brocken-Bahn“ den magischen Gipfel erklimmen. Das geht deutlich schneller, weshalb die Bahn oft überfüllt ist. Während der Fahrt wird Schnaps aus der Region verkauft. Wenn dann noch lustig ein „Tut! Tut!“ ertönt, ist die Stimmung auf dem Siedepunkt.

Man weiß nicht, ob Goethe lachen oder weinen würde, wenn er heute jene bunte Menschenmasse sähe, die sich wie eine Würgeschlange um den Brocken windet – fast eine Millionen Menschen treibt es jährlich auf den Berg. Ironischerweise erinnert dieser Umstand stark an sein erdichtetes Walpurgisnacht-Szenario, in dem sich so viele Hexen auf dem Blocksberg sammeln, dass es sogar dem Teufel zu voll wird: „Lass uns aus dem Gedräng entweichen; es ist zu toll, sogar für meinesgleichen“.
Anfang der 1780er Jahre zog es Goethe erneut auf den Brocken, wieder unter pantheistischen Vorzeichen: „Hier auf dem ältesten ewigen Altare, der unmittelbar auf der Schöpfung gebaut ist, bringe ich dem Wesen aller Wesen ein Opfer. Ich fühle die ersten festesten Anfänge unseres Daseins; ich überschaue die Welt, ihre schrofferen und gelinderen Täler und ihre fernen fruchtbaren Weiden, meine Seele wird über sich selbst und über alles erhaben und sehnt sich nach dem nähern Himmel“.

Der Brocken regte Goethe zu philosophischen Gedanken und religiösen Gefühlen an. Für den durchschnittlichen Brockengänger heute scheinen existenzielle Fragen keine Rolle mehr zu spielen: Das Leben spielt sich ab im Spannungsfeld von Brockenbahn und Pommesbude, und die Stellung des Menschen im Kosmos hängt davon ab, ob man einen Sitzplatz an der Bierzeltgarnitur ergattert. Goethe müsste sich durch eine Menschentraube schlagen, um am Altar des Teufels heute noch ein Opfer darzubringen, weil fast jeder dort ein Foto von sich machen will – Selfie statt Selbsterkenntnis.

Göttliche Erkenntnis findet man hier nimmermehr, ja nicht einmal der Teufel lässt sich blicken, nur ein schwarzer Pudel, der im Vorbeigehen eine Pommes vom Boden frisst. Nicht unwahrscheinlich, dass am ersten Mai gar nicht der Leibhaftige am Firmament erscheint, sondern der Rettungshubschrauber, weil sich so ein armer Teufel wieder einmal mit dem BMX-Rad überschlagen hat.
Wäre es zu viel verlangt, dass jeder, der auf dem Goetheweg wandert, auch halbwegs weiß, warum der Dichter damals überhaupt zum Brocken wollte? Dass jeder, der auf der Teufelskanzel steht, dies in dem Bewusstsein tut, einen vorchristlichen Kultplatz zu betreten? Dass jeder, der sich im Harz aufhält, schöngeistige Gespräche führt und naturromantische Gefühle hegt? Gewiss! Denn diktieren, was andere zu tun und lassen haben, ziemt sich nicht – weder als Hexe noch als Humanist. Schon in der ältesten Brockenliteratur heißt es ja, dass „jeden Stands Personen“ am Hexensabbat teilnehmen: Männer, Frauen und Kinder, Adel und Pöbel, Professoren und Philister, Bürger, Bauern und Bettler. Warum also nicht auch Bobbahnfahrer, Trendsportler und Eisenbahnromantiker? Der Brocken ist ein toleranter Typ, und alle Teufel und auch Toren sind im Harz herzlich willkommen.
Wie ich!

Dr. phil. Thomas Höffgen studierte Germanistik und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum, war Lehrbeauftragter am Germanistischen Institut der RUB und promovierte über die Walpurgisnacht im Werk Goethes. Er ist Autor der Bücher Schamanismus bei den Germanen und Volkspoesie. Von grimmschen Märchen, germanischen Mythen und den Gesängen der Naturvölker sowie Karneval im alten Europa. Ursprung, Brauchtum und Bedeutung eines heidnischen Verkleidungskultes

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