„Die These von der ‚Erziehung zur Anthroposophie‘ ist empirisch widerlegt“

Prof. Dr. Jost Schieren/Foto: Alanus Hochschule

Waldorfpädagogik wird inzwischen auch an verschiedenen Hochschulen erforscht und gelehrt. Jost Schieren von der Alanus-Hochschule erklärt, wie Anthroposophie und Waldorfpädagogik in Forschung und Schulpraxis transparent anwesend sein können.

Herr Schieren, an der Alanus-Hochschule bilden Sie Waldorflehrer:innen aus und setzen sich dabei auch mit grundlegenden Werken Rudolf Steiners auseinander. Wie geht das im Rahmen der akademischen Wissenschaft?

Meiner Überzeugung nach kann man die Waldorfpädagogik beziehungsweise die Anthroposophie durchaus wissenschaftlich behandeln. Das ist wichtig, denn wenn sie in den Rahmen der gegenwärtigen Wissenschaft integriert wird, öffnen sich auch neue Räume für einen Dialog. Das kann ähnlich geschehen, wie man auch andere Gebiete der Kulturwissenschaft wie Kunst oder Literatur erschließt. Dabei wird nicht die Wissenschaftlichkeit des Gegenstandes an sich befragt, sondern der Gegenstand also solcher wird als gegeben betrachtet und wissenschaftlich behandelt. Der Ansatz, das zu tun, ist dann ein kritisch-hermeneutischer, der auf das Verstehen angelegt ist. Das müssen nicht notwendigerweise naturwissenschaftliche Methoden sein, die man bei literarischen oder ästhetischen Gegenständen ja auch nicht anwendet.

Ein gelungenes Beispiel einer solchen kritisch-hermeneutischen Herangehensweise ist für mich die Art, wie der Herausgeber Christian Clement in der historisch-kritischen Neuausgabe an die Werke Steiners herantritt, sie interpretiert, einordnet und kommentiert. Da ist nun etwas nachgeholt worden, was bei anderen Persönlichkeiten wie Böhme, Hegel oder Freud längst stattgefunden hat. Zuvor hatte man Steiner auf Basis einer fast ausschließlich internen Rezeption unter Anthroposophen unfreiwillig isoliert. Steiner ist daher akademisch lange Zeit unbeachtet geblieben. Umgekehrt könnten die neuartigen Begriffsbildungen und Perspektiven, die Steiner erschlossen hat, künftig ein enormer Gewinn auch für die akademische Wissenschaft sein.

Zum Thema Waldorfpädagogik wird ja inzwischen bei Ihnen auch empirisch geforscht. Welche Erfahrungen gibt es da?

Dadurch entsteht eine objektive Vergleichbarkeit: Wie zufrieden sind Schüler:innen und Eltern mit der Waldorfschule, welche Berufe werden nach der Schulzeit ergriffen – da haben Forscher wie Heiner Barz und Dirk Randoll durch ihre Studien Wesentliches zur Reputation der Waldorfpädagogik beigetragen. Ein Beispiel: Noch in den 1980er-Jahren warf der Erziehungswissenschaftler Klaus Prange den Waldorfschulen „Erziehung zur Anthroposophie“ vor – das ist inzwischen durch eine große Ehemaligen-Befragung empirisch widerlegt. Nur etwa ein Prozent der Waldorfschüler hat in der Schulzeit überhaupt etwas von Anthroposophie mitbekommen. Eine eventuelle Indoktrination ist also entweder grandios gescheitert oder sie hat eben nicht stattgefunden (lacht).

Anthroposophische Themen lassen sich also akademisch-wissenschaftlich behandeln. Wie aber sieht es mit den spezifisch anthroposophischen Methoden aus, die Steiner selbst für sein Schaffen verwendet hat, wie etwa imaginatives Schauen?

Darüber habe ich lange nachgedacht. Auf einer ganz grundlegenden Ebene scheint mir das für das heutige Wissenschaftsverständnis Unvereinbare bei Steiner mit dem Aspekt der Vollzugsförmigkeit zusammenzuhängen. Steiner geht in seiner Geisteswissenschaft nicht von einem gegebenen, eher statischen Objekt aus, dem das Subjekt gegenübersteht und das wie von außen betrachtet werden kann. Das wäre aber die Herangehensweise eines gegenwärtigen Objektivitätsanspruches an die Wissenschaft, nämlich dass das Subjekt möglichst außen vor bleibt und eliminiert wird. Für Steiner ist das anders. Sein Geist-Begriff setzt voraus, dass es keine Wirklichkeit gibt, an der nicht das Subjekt mit seinen Vollzügen beteiligt ist. Im Geistigen wird das, was betrachtet wird, zugleich selbst erzeugt. Man ist Vollziehender und Betrachtender in einem, das ist Steiners Konzept der „seelischen Beobachtung“. Damit kommt ein dualistisches Wissenschaftsverständnis nicht zurecht. Man kann also die geistige Welt, über die Steiner spricht, nicht außerhalb des Bewusstseins verorten. Die entsprechenden Inhalte sind auch nicht beweisbar für jemanden, der sie nicht selbst vollzieht. Die Anthroposophie ist eine partizipative Wissenschaft und basiert auf einem meditativ erweiterten Wissenschaftsbegriff. Ihre Forschungsergebnisse lassen sich nicht im Sinne einer objektiv reproduzierbaren Wissenschaft von den dazu nötigen Vollzügen ablösen. Ein solches Wissenschaftsverständnis funktioniert aber nicht im heutigen akademischen Betrieb.

Gibt es aber nicht Übergänge? Die Hermeneutik haben Sie schon angesprochen, zu nennen wäre vielleicht auch die neuere Phänomenologie etwa bei Hartmut Rosa oder die qualitative Sozialforschung. Beginnt nicht auch da ein Einbezug des Subjektes?

Da sind sicher Verwandtschaften und gerade bei Hartmut Rosa wird ja die dualistische Verfasstheit des modernen Bewusstseins in Frage gestellt. Allerdings ist der Steinersche Ansatz schon sehr radikal, denn seine Idee und seine Praxis der Selbstanschauung des Denkens führen nicht nur zu einem epistemischen, sondern zugleich auch zu einem ontologischen Monismus: Das Denken wird als weltschaffende Kraft verstanden. Dieser Gedanke stellt eine große Herausforderung dar.

Eine Grundidee in der Waldorfpädagogik ist die Vorstellung, dass sich in bestimmten Entwicklungsstufen Wachstumskräfte in Erkenntniskräfte verwandeln; davon abhängig sind dann beispielsweise Entscheidungen, von welchem Zeitpunkt aus eine intellektuelle Bildung beim Kind beginnen sollte. Wie kann man mit solchen Hinweisen wissenschaftlich umgehen?

Dieser Komplex zählt für mich zu dem, was am schwersten zu beurteilen ist. Bei Steiner wird das Denken – wie gerade gesagt – als lebendig-geistiges Geschehen aufgefasst, wo Kräfte, die zuerst am Aufbau der Leiblichkeit beteiligt sind, dann als Bewusstseinskräfte frei werden. Das ist eine unmittelbar von Steiner stammende Aussage, die für mich selbst nur eine heuristische Annahme sein kann, denn es ist ja nicht meine eigene Erkenntnis. Ich kann aber aus erziehungswissenschaftlicher Sicht die anthropologische Perspektive, die sich daraus ergibt, bewerten, nämlich dass im Sinne einer modernen Leib-Phänomenologie der Leib nicht nur das Gegenüber des Bewusstseins ist, sondern dass sich Leib und Bewusstsein gegenseitig bedingen. In der Waldorfpädagogik wird ja eben nicht nur der Kopf adressiert, es werden nicht nur kognitive Prozesse berücksichtigt, sondern die Kinder und Jugendlichen werden ganzheitlich betrachtet. Es geht im Sinne Pestalozzis um Kopf, Herz und Hand und dabei wird der leibliche Teil des Menschen in die Bildungsprozesse integriert.

Von den Kritiker:innen der Waldorfpädagogik wird immer wieder vorgebracht, dass für die Lehrer:innen Inhalte der Anthroposophie eine entscheidende Rolle spielen, etwa der Einbezug von Engeln. Wie sehen Sie das?

Bei der Gründung der ersten Waldorfschule gab es tatsächlich so etwas wie eine Anrufung der Engel für ihren Segen bei einer internen Veranstaltung; das ist für mich ein Ausdruck der besonderen Verbundenheit Steiners gerade mit diesen Menschen des Gründungskollegiums zu dieser Zeit an diesem Ort, was man aber nicht als systematisches Element der Waldorfpädagogik bezeichnen kann. Es ist ja gerade interessant, dass Steiner in den unzähligen Darlegungen zur Waldorfpädagogik vorwiegend nicht metaphysisch argumentiert, sondern dass es ihm vielmehr um die konkrete Erziehungswirklichkeit und die reale pädagogische Verbindung zwischen Lehrer:innen und Schüler:innen ging.

Bei Helmut Zander kann man zum Beispiel lesen, alle Waldorflehrer:innen müssten sich mit den früheren Erdenleben der Kinder in ihrer Klasse auseinandersetzen, und so etwas wird dann auch in den Medien weiterzitiert. Was hat es damit auf sich?

Selbstverständlich geht Steiner davon aus, dass sich mit der Geburt des Kindes eine Individualität verkörpert. Aber für den pädagogischen Prozess sind die vergangenen Erdenleben des Kindes oder das Karma im Einzelnen nicht wichtig. Was den Gedanken der Reinkarnation für die Pädagogik spannend und relevant macht, ist anders ausgerichtet: Wir haben es ja heute meistens mit Persönlichkeitstheorien zu tun, die das Kind fremdbestimmt denken. Der Mensch ist dann das, was er durch Sozialisation, durch Vererbung, durch Prägung von außen und so weiter geworden ist. Jede Pädagogin und jeder Pädagoge sieht aber: Kinder sind von Beginn an verschieden, Eltern sehen das auch. Aber woher kommt die Verschiedenheit? Sie kann verschiedene Ursprünge haben, kann zufällig sein. Das Individualitätskonzept Steiners bedeutet, dass jeder Mensch die Möglichkeit hat, sich in Freiheit aus sich selbst zu schaffen. Der Reinkarnationsgedanke ist nach meiner Überzeugung der einzige Ansatz, um Individualität wirklich aus sich selbst heraus begründet zu denken, so dass die Verschiedenheit, die die Kinder mitbringen, tatsächlich auch mit ihnen zu tun hat.  Aber das hat mit dem Karmagedanken erst einmal gar nichts zu tun. Es eröffnet eher einen neuen pädagogischen Möglichkeitsraum: Wenn ich das Kind als in der Anlage und Möglichkeit selbstbestimmt verstehe, mache ich eine andere Pädagogik, als wenn ich ein Konzept der Fremdbestimmung zugrunde lege. Und wenn ich das Kind als aus sich selbst heraus gegründet sehe, erfährt es auch, dass es in diesen Potenzialen wahrgenommen wird und es kann sich entsprechend freiheitlich entwickeln. ///

Prof. Dr. Jost Schieren war Waldorflehrer und leitet heute den Bereich Bildungswissenschaften an der Alanus-Hochschule in Alfter bei Bonn. Unter anderem initiierte er dort ein Doktoranden-Programm, bei dem die Beteiligten an verschiedenen deutschen Universitäten zu Themen der Waldorfpädagogik promovieren können.

Ein Text aus der Januarausgabe der Zeitschrift info3 „Gute Gründe für Anthroposophie“.
Hier bestellen.

Video-Tipp: In einem Gast-Vortrag an der Ruhruniversität Bochum setzt sich Jost Schieren mit aktuellen Vorwürfen zur Waldorfpädagogik auseinander.

Über den Autor / die Autorin

Anna-Katharina Dehmelt

Anna-Katharina Dehmelt, Jahrgang 1959, studierte Musik, Wirtschaftswissenschaft und Anthroposophie. Sie hat intensiv auf dem Feld der anthroposophischen Meditation gearbeitet, geforscht, vernetzt und anthroposophisches Meditieren bekannt gemacht, zuletzt auch mit dem von ihr begründeten Institut für anthroposophische Meditation. Zudem ist sie Dozentin an verschiedenen anthroposophischen Ausbildungsstätten.
Seit Mai 2021 ist sie Redakteurin bei info3.