Schönheit und Berührung

Circus Sonnenstich in Aktion! Foto: Sandra Schuck

Alle Jahre wieder, kurz vor Weihnachten, präsentiert der inklusive Berliner Circus Sonnenstich seine Charity-Gala im Theater CHAMÄLEON im Herzen von Berlin-Mitte in den Hackeschen Höfen. Traumziel ist das angestrebte inklusive „Haus der Künste“ unter „visionärer Zusammenführung von Kompetenzen und Kunstformen jenseits von Kategorisierungen.“

Und wie in der Mode, bei Veranstaltungen und auf Partys überall zu bemerken: Die Renaissance der 20er Jahre ist spätestens seit der Kultserie Babylon Berlin im Kommen. Was passt da besser als die Räumlichkeiten des CHAMÄLEON, wo wir uns wie in einem Varietétheater von damals fühlen, bei Getränkeservice am Tisch auch während der Show. Obwohl Champagner eher in Maßen fließt, wirkt der pickepacke volle Raum mit seinem jubelnden Publikum, als sei die Luft darin zum Schneiden wie in einem Film aus den Zeiten der Prohibition. Was natürlich Einbildung ist. Wirklichkeit aber sind die begeistert gellenden Pfiffe und der immer wieder aufbrandende Applaus für die Show „KaraK“ und ihre Artisten, Akrobaten, Tänzer, Zauberer, Jongleure, Sänger und Musiker mit Beatbox und Rap bis hin zum elektronischen, neoklassizistischen Soundscape und Live-Looping.

Der seltsam geschriebene Titel KaraK umspielt das Thema „Charaktere“. Wie würden ihre Künstler dies aussprechen?, fragten sich die Macher Michael Pigl-Andrees (Choreografie) und Anna-Katharina Andrees (Regie / Kostüm / Produktionsleitung). Vielleicht würden sie weniger Silben benutzen? Das kräftige „K“ am Anfang und Ende erzählt über Kampf und Kontrast, über Kraftfelder, die entstehen, wenn Gegensätze sich treffen und im Zusammenspiel der Künstler deren ureigne inklusive Farbe zum Leuchten kommt. Daher, so erklärt Anna-Katharina Andrees, verwendete sie diesmal bei den Kostümen kaum Farben. Die Beteiligten sollten aus sich heraus leuchten. Alle sind anders verschieden und verschieden stark – das feierte die Show KaraK. Nur Künstler können diese verrückt gewordene Welt noch ändern, behaupten diese Zirkus-Künstler – durch Schönheit und Berührung. Sich im Herzen berühren zu lassen, das ist die Botschaft von Circus Sonnenstich.

Ich kann nur sagen, es ist geglückt, ich habe den Abend in farbenfroher Erinnerung. Ausgelassen, laut, zu Herzen gehend und farbenfroh.

Die Mutter eines mittlerweile groß gezogenen behinderten Sohnes sitzt neben mir am Tisch und fragt mich, was ich denn zur Empfehlung des Schwangerschaftsabbruchs bei festgestellter Beeinträchtigung halte. Ich gebe die Frage an sie zurück. Beinahe euphorisch berichtet sie mir über die Vorteile eines Lebens mit Behinderung für alle Beteiligten – es laufe nicht so im Quadrat.

Auch auf der Bühne läuft es nicht im Quadrat, das gehört zum mitreißenden Charme dieses Abends – neben den hochartistischen, hochartifiziellen Nummern. Es wird auf riesigen roten Laufkugeln zu Walking on the Moon getanzt (Sarah Walther, Roman Škadra), wir erleben eine achtbeinige Medusa (Vanessa Lee) und einen kopflosen, akrobatisch tanzenden Rumpf, aus dem eine hell strahlende junge Künstlerin „schlüpft“, um sich bald wieder kopflos zu verpuppen (Annika Hemmerling). Wie es sich auch für einen „Neuen Zirkus“ gehört, wird viel jongliert – mit roten runden Diabolos. Diese Doppel-Kugelhalbschalen werden an der Achse mit Schnüren geführt. Sie heißen so, weil das Diabolische die Zerstreuung ist. Passt man nicht auf, zerstreuen sie sich über die Bühne. Davon erleben wir ebenso ein paar Kostproben wie von den „dressierten“ Diabolos.

Die inklusive Zirkusarbeit ist das Anliegen des Circus Sonnenstich. Doch was ist inklusiv?, fragte in einem Interview für info3 Michael Pigl-Andrees. Wo fängt man an? Wo hört man auf? Es gehe ja auch um Menschen mit Fluchthintergrund, mit psychischen Erkrankungen. „Wir haben also unsere Methoden zu einer eigenen Didaktik unter eigenem Namen entwickelt: ‚IN.ZIRQUE‘. Auf ganzheitlicher Ebene in Verbindung von Tanz, Theater und Zirkus ist dies eine Bewegungs- und Formensprache, die in künstlerisch-pädagogischer Haltung Zugang zum Lernen für alle ermöglicht.“ Neuer Zirkus eben.

So werden inklusive Tandems aus international tätigen Künstlern und professionellen Künstlern mit Trisomie 21 gebildet; die Artistin Estrella Urban leitet eine solche Handstand- und Partnerakrobatik mit Christian Wollert.

Doch auch die Company Cia Omkara um den Kolumbianer Oskar Mauricio an den Strapaten und die Komponistin und Musikerin Lih Qun Wong am Cello, das sie mit elektronischen Loops aus ihrer Stimme und Percussion zum ureigenen Leben erweckt, eine Formation, der es scheinbar notgedrungen um Perfektion gehen sollte, profitiert von der Leichtigkeit der Trisomie 21-Künstler. Es geht darum, so Anna-Katharina Andrees, sich zu freuen, wenn die Nummer klappt. Oder sie zu wiederholen, wenn es nicht klappt.

Oskar Mauricio erzählt mit seiner Performance über die Notwendigkeit, wieder zurück zur Erde zu kommen, um einander zu begegnen, indem wir das Irdische mit der technischen Welt verbinden, ohne die Seele aufzugeben. Mauricio wirkt wie ohne Knochen in einer Luftakrobatik an den Seilen, ein leidender Christus mit Mohamedbart, und nacktem Oberkörper; mal beißt er sich übers Mundstück am Seil fest, das ihn so trägt, dann im nächsten Augenblick dreht er halsbrecherische Pirouetten oder lässt sich in der Leere im Lotussitz nieder, um sich sogleich wieder in andere Figuren aufzulösen. Es war einer dieser Höhepunkte von KaraK, die davon lebten, das Individuum im Ganzen wirkmächtig eingebunden zu sehen, was immer neuen Jubel erzeugte.

Nach der Show blieben die Künstler und ihr Publikum noch länger zusammen. Die berührten Seelen und Herzen mussten gelüftet werden. Weihnachten war nah.

Über den Autor / die Autorin

Ronald Richter

Ronald Richter

Ronald Richter ist ständiger Mitarbeiter von Info3, freier Autor und betreibt von Berlin aus Kult.Radio auf www.kultradio.eu