Auf Island „Gegen den Strom“

Halla ist den Helikoptern gerade so entkommen. Foto: Pandora Film Verleih.

Island gilt als grüne Musterschülerin: Zwei Drittel der Energie werden aus Geothermie und Wasserkraft gewonnen. Dass aber die Aluminiumindustrie große Umweltschäden anrichtet und Island dadurch den weltweit höchsten CO2-Verbrauch pro Kopf hat, geht nicht in die Rechnung mit ein. In dem komisch-dramatisch-skurrilen Spielfilm Gegen den Strom von Benedikt Erlingsson kämpft eine Frau alleine gegen die Ausbreitung der Industrie in der unberührten isländischen Natur.

Halla (Halldóra Geirharðsdóttir) kämpft einen globalen Kampf auf der grünen nordischen Insel. Gekonnt durchschießt sie mit Pfeil und Bogen Stromleitungen – und bleibt selten dabei ungestört: Ein Helikopter oder eine Drohne schwirren ständig über ihr. Halla wird von der Polizei verfolgt, weil sie den Betrieb der Aluminiumindustrie schon mehrmals lahmgelegt hat. Die einzigen Personen, die von ihrem Öko-Aktivismus wissen, sind Baldvin (Jörundur Ragnarsson) – Regierungsmitglied und Sänger im Chor, den Halla hauptberuflich leitet – und der gutmütige Schäfer Sveinbjörn (Jóhann Sigurðarson) – ihr „vermutlicher Onkel“, der sie im Notfall deckt.

In Hallas Herzen schlummert noch ein anderer Lebenstraum, für den sie allerdings ein sauberes polizeiliches Führungszeugnis braucht: Sie möchte seit Jahren ein Kind adoptieren. Und genau zu dem Zeitpunkt, als sich die Situation zuspitzt, weil Halla bei ihren Taten Spuren hinterlässt, erhält sie die Nachricht, dass sie ein vierjähriges Mädchen aus der Ukraine zu sich nehmen kann. Aus dieser Bredouille rettet sie im letzten Moment ihre Zwillingsschwester Ása (ebenfalls von Halldóra Geirharðsdóttir gespielt), eine Yogalehrerin, die ihr Leben der Suche nach sich selbst verschrieben hat. Ása und Halla verkörpern zwei unlösbare Fragen: Gebe ich alles für ein Ziel, das größer ist als ich selbst oder wurde mir dieses Leben gegeben, um mich selbst und tiefen Frieden in mir zu finden?

Neben der Hauptrolle hat Erlingsson eine komisch-skurrile und geniale Nebenrolle als Running Gag eingebaut. Ein südamerikanischer Fahrradtourist (Juan Camillo Roman Estrada) gerät beinahe schicksalhaft immer wieder in polizeiliche Verfolgungsjagden, die eigentlich Halla zum Ziel haben. So landet der unschuldige Tourist mehr als einmal in Untersuchungshaft. In diesen Momenten liegt eine deutliche Kritik an Racial Profiling. Dem Filmemacher gelingt es somit, noch mehr politische Themen auf subtile Art in den Hintergrund der offensichtlich politischen Handlungen hineinzuweben. „Ich sehe mich als Geschichtenerzähler und Unterhaltungskünstler und in diesem Sinne bin ich irgendwie auch ein Politiker … Politiker sind ja auch Geschichtenerzähler. Sie streiten sich um das richtige Narrativ,“ so Erlingsson in einem Interview mit dem Deutschlandfunk.

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Ein Kunstgriff, der dem Film einen außergewöhnlichen Charme verleiht, liegt in der Umsetzung der musikalischen Begleitung. Erlingsson fügt reale Musiker*innen in verschiedene Szenen ein: Ein Instrumentaltrio beobachtet Halla, wie sie im Kopierraum ihr politisches Manifest druckt und drei Sängerinnen stehen in der Nähe, als sie die Zusage für eine Adoption erhält. Erlingsson verbindet verschiedene Assoziationen mit diesem „Experiment“: Es wirkt als Verfremdungseffekt, wenn die Musiker*innen an scheinbar unmöglichen Orten auftauchen, sie erinnern aber auch an den antiken Chor. „Es ist aber auch so, dass jeder von uns einen Soundtrack zu seinem Leben im Kopf hat. Und ich habe den für Halla einfach mal aus ihrem Kopf rausgeholt und ihn neben sie gesetzt,“ so der Regisseur.

Für ihre Rolle in Gegen den Strom (2018) scheint Halldóra Geirharðsdóttir wie gemacht.Sie war selbst jahrelang alleinerziehende Mutter, ist Feministin und Kämpferin. Und es macht enorm viel Spaß, ihr dabei zuzuschauen, wie sie nach einer ihrer Fluchten ihr Gesicht genüsslich aufs Moos legt, wie sie mit ihrem Rad durch Reykjavíks Straßen fährt und durch offene Fenster hindurch die Abendnachrichten belauscht, die von ihren Sabotageakten berichten, und wie sie sich in ihrer Wohnung, in der Porträts von Mandela und Gandhi an der Wand hängen, mit Tai-Chi auf weitere Anschläge vorbereitet. „Ich musste mir über Halla nicht so viele Gedanken machen, weil wir in Island viele Frauen haben, die so sind wie sie: stark, politisch, engagiert,“ erklärt Erlingsson.

Der Regisseur Benedikt Erlingsson hat für Gegen den Strom unter anderen den LUX-Preis des Europäischen Parlaments gewonnen. Der Film ist bei info3 im DVD-Shop erhältlich!

Über den Autor / die Autorin

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel hat Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis an der Universität Witten/Herdecke studiert und ist seit 2019 redaktionelle Mitarbeiterin bei Info3.