Auf die freien Geister kommt es an

Eurythmiker Marian Schmitz vor dem Goetheanum/eurythmiker.com

Müssen Anthroposophen bessere Menschen sein? Sie sind zwar auf der Suche nach tieferen Erkenntnissen, aber auch bei Ihnen findet sich das ganze Spektrum des Möglichen – mitsamt mancher Widersprüche.

So viele Anthroposoph:innen es gibt, so viele Anthroposophien gibt es auch. Das ist Gewinn und Verlust zugleich.

Gewinn ist es, weil darin zum Ausdruck kommt, dass Anthroposophie nichts Fertiges ist und dass sie vielseitig ist, äußerst vielseitig. Der eine bezieht sich ausschließlich auf die philosophisch-erkenntnistheoretischen Grundschriften Rudolf Steiners, die andere schätzt eigentlich nur die esoterischen Vorträge aus seiner frühen theosophischen Zeit, und wieder andere setzen alles auf die Fachvorträge für Waldorflehrer:innen oder die ganz späten Briefe an die Mitglieder der Anthroposophischen Gesellschaft. Zum Beispiel.

Und alle haben sie recht. Denn Anthroposophie verlangt kein Glaubensbekenntnis und gibt keinen Kanon an Ansichten oder Maßregeln, denen man unbedingt zu folgen hätte. Überhaupt kann man vielleicht sagen (aber das ist natürlich nur meine Anthroposophie): Sie will anregen, sie will Gesichtspunkte, Anschauungsweisen, Zusammenhänge vermitteln, durch die Mensch und Welt ganzheitlicher, ja kosmischer, und spiritueller angeschaut werden können. Und welche Folgerungen jemand daraus zieht, das liegt bei ihm. Die Anthroposophie spricht freie Geister an.

Solchen Leuten (wie mir) ist es wichtig, dass Anthroposophie kein Generator für wahre Anschauungen ist und erst recht kein Steinbruch für Anweisungen zum guten Leben. Sie halten hoch, dass sie, so hat es Steiner selbst in einer späten Definition von Anthroposophie formuliert, ein Erkenntnisweg ist. Also um Erkenntnis geht es, nicht um moralische Anweisungen, und um einen Weg geht es, und der geht immer weiter. Was Steiner geschrieben oder gesagt hat, muss man sich erarbeiten, bis es für einen evident ist. Andernfalls ist es eben noch nicht Erkenntnis geworden.

Anstrengende Lektüre

Solche Leute (wie ich) halten dafür, dass das gesamte geschriebene Werk von Steiner diesen Erkenntnisaspekt betont. Man findet in diesen gut 40 Büchern – die die echten, geschriebenen Bücher von Steiner sind, die für die Öffentlichkeit bestimmt waren und über den Tag hinaus gelesen werden sollten – auch so gut wie keine Anweisungen zum guten Leben und übrigens auch so gut wie keine diskriminierenden Äußerungen, keine erstaunlichen Reinkarnationsketten und auch keine Elementarwesen. Aber geistige Wesen, vergangene Weltzustände und Wesensglieder kommen vor – allerdings in gedanklicher, oft schwer zu lesender Form, die auf Mit- und Weiterdenken setzt und schließlich zu Verständnis führt, zu Begriffen, mit denen man die Welt tatsächlich anders anschauen und schließlich auch anders in ihr handeln kann.

Aber weil die Bücher so anstrengend sind und das Verständnis sich keineswegs von alleine einstellt, greift man gerne mal zu einem der 300 Bücher, die Steiners Vorträge enthalten, insbesondere zu denen, die er vor Mitgliedern der Theosophischen oder Anthroposophischen Gesellschaft gehalten hat. (Bei den öffentlichen Vorträgen und auch bei den sogenannten Fachkursen liegt die Sache wieder etwas anders.) Steiner selbst hätte diese Mitgliedervorträge lieber gar nicht drucken lassen, aber es ging, den damaligen Usancen gemäß, nicht anders. Diese Vorträge lesen sich viel leichter, und da kriegt man auch mal erklärt, was richtig und falsch ist und dass „wir“ die Guten sind, während die Welt nichts Besseres zu tun hat als uns zu bekämpfen. (Armer Rudolf Steiner: Fast jedes Wort, das er gesagt hat, wurde mitgeschrieben und gedruckt – da kann man auch schon mal danebenliegen.) Diese Vorträge haben oft starke Bezüge zum damals aktuellen Geschehen und auch zu ganz konkreten Zuhörern. Und vieles in ihnen hat nicht unbedingt Ewigkeitswert. Wer das mag – bitteschön.

Aber da fängt dann auch der Verlust an.

Denn jetzt geht es bald nicht mehr um einen Erkenntnisweg, sondern – um eine Formulierung von Peter Sloterdijk zu verwenden – um eine Gurukratie. Da gab es einen, der wusste, wie’s geht, und dem eifere ich nach. Verstehen spielt nicht so eine große Rolle, ich kann mich ja auf Steiner stützen. Bei dem finde ich schon, wie’s mit dem Impfen ist oder mit der Demokratie, mit ihm kann ich alles rechtfertigen. Und auch das Gegenteil.

Anything goes?

Das merken wir gerade: Aus dem Zusammenhang gerissen, hat sich Steiner fürs Impfen geäußert und auch dagegen. Er hat sehr hässliche Dinge über schwarze Menschen gesagt und gleichzeitig die Unabhängigkeit des Geistes vom Leib betont. Für sich genommen können solche Äußerungen eigentlich nur als Pro oder Contra interpretiert werden. Und darum gibt es unter Anthroposophen Linke und Rechte, Impfbefürworter und Impfskeptiker, Naturschützer und sogar Atomkraft-Befürworter.

Mit dieser Vielfalt müssen wir leben, die müssen wir aushalten, trotz massiver Anfälle von Fremdscham. Sie gehört sozusagen zum Konzept. Denn einerseits gibt die Anthroposophie und geben die vielen Vorträge Steiners das tatsächlich alles her. Und andererseits ist die Anthroposophie eben kein Lehrgebäude, dem man folgen soll, keine moralische Anstalt wie zum Beispiel die katholische Kirche, die Vorschriften macht. Sie will Urteilsgrundlagen geben, die dem Wesen des Menschen und der Welt entsprechen. Welche Urteile ich daraus tatsächlich ableite, welche Folgerungen ich für mein Handeln ziehe, das liegt bei mir. Der junge Rudolf Steiner nannte das „Ethischen Individualismus“, und er hat davon nicht abgelassen sein Leben lang. Die Freiheit des Menschen war sein höchster Wert. Wir Anthroposophen üben noch, das auch sozial und untereinander ernst zu nehmen, erst recht aber mit Menschen, die in ganz anderen weltanschaulichen Ansätzen leben. Uns als freie Geister zu begegnen und nicht als Vertreter von Meinungen und Anforderungen, das steht jetzt eigentlich an. Und da wird dann mit jedem Fortschritt der Verlust doch auch wieder zu einem Gewinn.

Ein Beitrag aus der Ausgabe Januar 2022 der Zeitschrift info3. Hier geht’s zur Bestellung.

Über den Autor / die Autorin

Anna-Katharina Dehmelt

Anna-Katharina Dehmelt, Jahrgang 1959, studierte Musik, Wirtschaftswissenschaft und Anthroposophie. Sie hat intensiv auf dem Feld der anthroposophischen Meditation gearbeitet, geforscht, vernetzt und anthroposophisches Meditieren bekannt gemacht, zuletzt auch mit dem von ihr begründeten Institut für anthroposophische Meditation. Zudem ist sie Dozentin an verschiedenen anthroposophischen Ausbildungsstätten.
Seit Mai 2021 ist sie Redakteurin bei info3.

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