„Wer Arbeit als Ware verkauft, verkauft sich selbst“

FOTO: STEFAN BOHRER

In der Corona-Krise sind Millionen von Einkommenslosigkeit bedroht. Nie war die Idee eines bedingungslosen Grundeinkommens aktueller. Im Gespräch erörtert Info3 Redakteur Jens Heisterkamp mit dem BGE-Experten Philip Kovce, warum dieses Konzept dennoch mehr ist als nur eine Nothilfe.

Die Bundestagspetition zur zeitlich begrenzten Einführung eines Grundeinkommens in der Corona-Krise von Susanne Wiest hat über 175.000 Unterzeichner*innen gefunden, auf der Kampagnenplattform change.org erreichte eine Petition zum gleichen Thema sogar fast eine halbe Million Unterschriften. Spricht das dafür, dass die Idee gesellschaftlich angekommen ist?

Ja, absolut. Seit der Schweizer Volksabstimmung 2016 wird das bedingungslose Grundeinkommen weltweit diskutiert. Es spielte etwa bei der letzten französischen Präsidentschaftswahl eine Rolle, ebenso bei den spanischen und italienischen Parlamentswahlen. Derzeit wird es im amerikanischen Präsidentschaftswahlkampf debattiert und gemäß repräsentativen Umfragen befürwortete es bereits vor der Corona-Krise rund die Hälfte der Deutschen. Angesichts der aktuellen Lage dürfte dieser Wert weiter angestiegen sein, da plötzlich zahlreichen Menschen das Einkommen unverschuldet weggebrochen ist. Wobei nicht zuletzt im Zuge der genannten Petitionen zu bedenken bleibt, was das Grundeinkommen eigentlich ist – und was nicht: Das Grundeinkommen ist keine Soforthilfe, die man heute einführt und morgen wieder abschafft, sondern ein Grundrecht, das dauerhaft gewährt wird. Es muss nicht im Notfall, sondern im Normalfall etabliert werden. Das schließt natürlich nicht aus, dass wir heute so schnell und unbürokratisch wie möglich helfen, wo Hilfe geboten ist. Und es schließt auch nicht aus, sich einzugestehen, dass wir heute ein großes Problem weniger hätten, wenn wir ein bedingungsloses Grundeinkommen bereits eingeführt hätten.

Grundsätzlich soll ein Grundeinkommen also nicht nur eine Nothilfe sein, sondern es soll das Sozial- und Wirtschaftssystem insgesamt erneuern. Dabei lautet ein immer wieder vorgebrachtes Gegenargument – neben der Frage der Finanzierbarkeit –, dass die Menschen weniger arbeiten würden, wenn ein Teil des Einkommens bedingungslos bezogen wird. Dann gerät man leicht in einen Streit ums richtige Menschenbild. Ich würde die Sache aber gerne einfach mal umdrehen und sagen: Vielleicht wäre es sogar gut, wenn insgesamt weniger gearbeitet würde! Denn heute argumentiert ja beispielsweise der Postwachstumsökonom Niko Paech vor dem Hintergrund der ökologischen Krise, dass wir weniger arbeiten müssten, um die Turbo-Industriegesellschaft mit ihren zerstörerischen Umweltfolgen herunterzufahren. Wie sehen Sie das?

Ich würde die Sache noch radikaler anschauen: Wer ein bedingungsloses Grundeinkommen erhält, hört grundsätzlich auf zu arbeiten! Und zwar nicht nur dann, wenn er vielleicht mal nichts tut und bloß faul herumhängt, sondern auch dann, wenn er freiwillig tätig ist. Arbeit gilt heute gemeinhin nicht als freiwillige Tätigkeit, sondern als fremdbestimmter Frondienst. Ja, noch schlimmer: Sie wird als eine Ware missverstanden, die irgendwie auf dem Arbeitsmarkt feilgeboten werden könnte. Das ist absurd! Wer Arbeit als Ware verkauft, verkauft sich selbst. Arbeit ist ja kein chemisches Element, das sich im Labor isolieren und nach Größe und Gewicht bemessen ließe. Im Gegenteil: Sie ist unmittelbar mit dem Menschen als Menschen, mit seinen Fähigkeiten und Möglichkeiten verbunden. Dass wir unser Tun heute dennoch vorwiegend als Arbeit missdeuten und mit physikalischen Begriffen wie Kraft oder Leistung beschreiben, liegt dem im 19. Jahrhundert popularisierten Irrtum zugrunde, Menschen für Maschinen zu halten. Interessanterweise haben die Wörter „Arbeit“ und „Roboter“ etymologisch die gleiche Wurzel. Das sollte uns zu denken geben, wenn wir uns nicht länger als roboterhafte Arbeitsmaschinen begreifen und von Arbeit als Ware faseln wollen …

… was ja bereits Rudolf Steiner und unabhängig von ihm der Wissenschaftler Karl Polanyi kritisiert hatten. Und gleichzeitig haben beide gezeigt, wie gerade der falsch verstandene Warencharakter von Arbeit einer der zentralen Faktoren ist, der die totale Ökonomisierung aller Lebensbereiche zementiert. Sind wir dabei, das zu überwinden?

Polanyi spricht in Bezug auf die klassischen ökonomischen Produktionsfaktoren Arbeit, Kapital und Boden sehr treffend von „fiktiven Waren“ und Steiner bezeichnet es als einen „Scheinvorgang“, wenn man meine, seine Arbeitskraft als Ware verkaufen zu können. Zumindest was die Arbeit anbelangt, sind wir in meinen Augen auf einem guten Weg, dieses Missverständnis langsam zu überwinden. Dafür spricht auch das zunehmende Bewusstsein in Sachen Care-Arbeit, die sich der Ökonomisierung größtenteils entzieht und dennoch alles am Laufen hält.

Noch einmal zurück zur ökologischen Frage: Würden Sie zustimmen, dass es sinnvoll ist, insgesamt weniger zu produzieren – und damit auch weniger zu konsumieren? Weil wir zu viel Ressourcenverschwendung betreiben, zu viel Müll hinterlassen und das Klima belasten?

Es ist ganz sicher sinnvoll, Mutter Erde nicht zu ruinieren, sind wir doch alle ihre Kinder. Die soziale Frage dabei lautet, auf welchem Weg wir dieses Ziel erreichen. Ich habe keine Lust auf eine Postwachstumsdiktatur, in der mir irgendein ganz besonders gemeinnütziges Gutmenschengremium vorschreibt, wie ich ökologisch korrekt zu leben habe. Ich hege stattdessen die Hoffnung, dass mit einem bedingungslosen Grundeinkommen ein liberaler Weg der Nachhaltigkeit gangbar ist. Warum? Weil es einen intimen Zusammenhang zwischen Arbeitszwang und Konsumzwang gibt. Wenn ich nicht länger dazu genötigt werde, unglücklich zwangszuarbeiten, dann habe ich es auch nicht länger nötig, mich verzweifelt glücklich zu kaufen. Job-Depression und Shopping-Manie sind zwei Seiten einer Medaille. Jenseits davon ermöglicht das Grundeinkommen eine heilsame Bedürfnisklärung. Wer etwas tut, das sinnvoll ist, weil es den tatsächlichen Bedarf anderer angemessen befriedigt, der betritt ohne Sinndefizit die Konsumtempel und muss sich dort nicht länger sein Seelenheil erkaufen. Das wäre der Anfang vom Ende des Kapitalismus als Menschenfresser und Klimakiller.

Viele, die in der Corona-Krise nicht wie gewohnt arbeiten müssen und dabei nicht direkt von Einkommenslosigkeit betroffen sind, entdecken auch so etwas wie eine neue Lust an der Muße, was ich durchaus positiv finde. Ich möchte von daher mal etwas kritisch in Richtung mancher Grundeinkommensbefürworter fragen: Herrscht nicht auch da bisweilen ein pflichtmäßiger Arbeitsbegriff, wenn man dem Menschen beispielsweise zuschreibt, er wolle quasi von Natur aus gerne arbeiten? Oder wenn gesagt wird, dass in jedem Menschen ein kleiner Unternehmer schlummere, der durch ein Grundeinkommen plötzlich erweckt werde? Ich denke daran, dass es zum Beispiel für Aristoteles ein Ideal war, eben nicht zu arbeiten, sondern sich dem Denken und Philosophieren widmen zu können.

Das Gerede vom unternehmerischen Selbst, das sich zwangsläufig frei entfalten will, artet natürlich aus, wenn daraus eine soziale Norm gerinnt, die sich vom protestantischen Arbeitsethos in keiner Weise unterscheidet. Damit dies nicht geschieht, gilt es zu beachten, dass das bedingungslose Grundeinkommen tatsächlich ein Recht auf Faulheit ist. Man kann damit auch ganz einfach nichts tun. Nur wird man dann sehr schnell bemerken, dass gerade das oftmals ziemlich schwer ist. Und zwar nicht bloß aufgrund pflichtmäßiger Erwartungen anderer, sondern auch aufgrund eigener Neigungen. Den Traum vom Nichtstun träumen vor allem diejenigen, die derzeit das Falsche tun. Solange sie es tun müssen, erscheint ihnen Nichtstun als bessere Option. Sobald sie jedoch nichts mehr tun müssen, wächst früher oder später die Lust darauf, etwas Richtiges, Wichtiges, Sinnvolles zu tun. Womit wir bei der Muße wären: Muße ist das Gegenteil von Faulheit. Sie ist die Ruhe, in der letztlich die Kraft zur freiwilligen Tätigkeit liegt. In diesem Sinne ist sie in der Antike Ideal und Privileg freier Bürger, wobei bereits Aristoteles davon träumte, dass dereinst Maschinen existieren, die anstelle der Sklaven schuften und Muße für alle ermöglichen.

In dem Sammelband mit Grundlagentexten zum Grundeinkommen, den Sie bei Suhrkamp herausgegeben haben, ist auch ein Text von Hannah Arendt dokumentiert, in dem sie hellsichtig bereits 1960 sinngemäß schreibt: Die Automatisierung der Arbeitswelt beschere uns mit technischen Mitteln eine Freiheit, von der die alten Philosophen träumten, aber gerade in einer Zeit, wo uns der Sinn dafür völlig abhandenkomme, diesen Freiraum auch entsprechend zu füllen.

Diese Diagnose könnte aktueller kaum sein. Anstatt dass wir ein Leben in Muße führen, arbeiten wir uns dieser Tage zu Tode. Wir richten uns weiterhin zu Arbeitstieren ab, anstatt freie Menschen zu werden. Das bedingungslose Grundeinkommen ist vor diesem Hintergrund ein Versuch, das Paradies der Arbeitslosigkeit zu realisieren, das uns ansonsten als Hölle erscheint. ///

Lesetipp: Zuletzt erschien Philip Kovce und Birger P. Priddat (Hg.), Bedingungsloses Grundeinkommen. Grundlagentexte, Suhrkamp Verlag 2019.

Philip Kovce, geboren 1986, Ökonom und Philosoph, forscht an den Universitäten Witten/Herdecke und Freiburg im Breisgau sowie am Basler Philosophicum. Er engagiert sich für ein bedingungsloses Grundeinkommen und schreibt regelmäßig für Presse und Rundfunk.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.