Waldorfschulen: Höchste Zeit für einen Wandel

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Mehrere Studien aus der Schweiz und Deutschland haben sich in den vergangenen Jahren mit der pädagogischen Qualität und der Eltern-Zufriedenheit an Waldorfschulen im jeweiligen Land befasst. Nun wurden ihre Ergebnisse miteinander verglichen, um wichtige Aktionsfelder für die Zukunft aufzuspüren.

Von Heinz Brodbeck

Fast alle Schuleltern empfehlen die Waldorfschule weiter und die allermeisten würden ihr Kind wieder dorthin schicken. Auch für diejenigen Eltern, die ihre Kinder von der staatlichen Schule an die Waldorfschule brachten, erfüllten sich die Erwartungen klar. Etwa die Hälfte der Ehemaligen erreichten später ein Hochschuldiplom, mehr als an anderen Schulen. Retrospektiv hätten vier Fünftel der Ehemaligen auch selbst die Waldorfschule gewählt. Die Lehrpersonen werden als gute Vorbilder empfunden, denen es gelingt, Interesse für den Lehrstoff zu wecken. Schuleltern, die ihre Erfahrungen mit der Waldorfpädagogik schildern, unterstreichen, „dass man das Bestreben spürt, die Schüler*innen in ihrer seelischen, geistigen und körperlichen Entwicklung maximal zu unterstützen, sodass sie zu starken, eigenständig denkenden Menschen heranwachsen.“ Die Waldorfschulen erreichen also wichtigste Erziehungsziele bestens.

Die Eltern, unabhängig davon wo ihre Kinder beschult werden, wünschen sich von der Schule hauptsächlich, dass Bildung nach den Bedürfnissen der Schüler*innen frei gestaltet wird, dass die Lehrperson den Unterricht nach den Fähigkeiten ihrer Schüler*innen selbstständig formt sowie eine vielfältige humanistische Bildung, die auf das Leben vorbereitet und selbstbewusste Persönlichkeiten hervorbringt und auch den Erwerb praktischer und künstlerischer Fähigkeiten mit einschließt. Das heißt doch, dass das, was alle Eltern für ihre Kinder wünschen, genau das ist, was Waldorfschulen versprechen und in hohem Masse einlösen.

Beunruhigende Fakten

Was hier zutage tritt, lässt vor den Türen der Waldorfschulen lange Schlangen neuer Schuleltern erwarten. Dem ist nicht überall so. Leider schwinden die Schülerzahlen an schweizerischen Waldorfschulen und in Deutschland wachsen die Waldorfschulen langsamer als andere Privatschulen.

Die Zehn-Jahres-Statistik verdeutlicht: Die Schweizer Waldorfschulen verloren über tausend Schüler*innen, während die übrigen Privatschulen zehnmal mehr dazugewannen. Die Schülerzahlen deutscher Waldorfschulen stiegen erfreulicherweise um sieben Prozent, jene anderer privater Schulen hingegen um elf Prozent. An Gründungen überflügelten die Privatschulen die Waldorfschulen beträchtlich. Der Anteil der Waldorfschüler*innen an allen Schüler*innen der obligatorischen Schulstufen in der Schweiz beträgt nur ein halbes, in Deutschland immerhin gut ein Prozent. Wegen der staatlichen Zuschüsse zahlen Waldorfeltern dort rund viermal weniger für den Schulbesuch ihrer Kinder als in der Schweiz. Es sei dahingestellt, ob quantitatives Wachstum überhaupt Ziel der Waldorfbewegung ist. Einen Durchbruch dieser Pädagogik belegen die Zahlen trotzdem noch nicht. Die Elternschaft deutet auch eher auf eine vom mittelständischen Bildungsbürgertum bevorzugte Nischenschule.

Es ist also paradox: Die Waldorfschule bekommt für ihre pädagogische Leistung gute Noten, aber tendenziell stagniert sie mancherorts bei den Schülerzahlen. Sind die Vorzüge und Erfolge der Waldorfschule zu wenig bekannt, um mehr in die Bildungslandschaft auszustrahlen? Wieso suchen Eltern zunehmend alternative Schulen, die eher mehr kosten und unerprobtere Pädagogiken verfolgen, deren Fortbestand ungewiss ist?

Beobachtete Probleme

Erstaunlich: Die empirische Analyse wiederholt seit Jahren ähnliche Schwachstellen. Die Waldorfschule ist zweifellos eine erfolgreiche Lehrinstitution, als selber lernende Organisation tut sie sich schwerer.

Wegen Überlastung gehöre die Hälfte der Lehrkräfte zu gesundheitlichen Risikogruppen. Ehemalige Schüler*innen meinen, die Schule sei auch deshalb oft entwicklungsreaktionär und weniger leistungsorientiert. Lehrpersonen meinen, es müssten unter anderem geistige Fesseln überdacht, die heutigen Schüler*innen besser wahrgenommen und die Rekrutierung von Lehrpersonen verbessert werden. Neben intransparenter Organisation bemängeln ausgetretene Lehrpersonenunkritischen Umgang mit Aussagen Rudolf Steiners und fehlende Zeitgenossenschaft vieler Kolleg*innen. „Eine Entrümpelung des ideologischen Überbaus zugunsten einer spirituellen Verinnerlichung der anthroposophischen Menschenkunde muss die Kollegien ergreifen.”

Eltern wünschen sich darüber hinaus pädagogische Neuerungen und mehr Weiterbildung der Lehrpersonen. Sie finden, die Kommunikation sei ungenügend und zweifeln an der Innovationsfähigkeit der Waldorfschule: „Die Schule könnte sich da und dort etwas zeitgemäßer entwickeln. Rudolf Steiner selber wäre wohl nicht stehengeblieben”.   

Ein großes Krisenpotenzial birgt die Selbstverwaltung mit sich: Sie fördere die Beschäftigung mit sich selbst, sei kräfteraubend, frustrierend, strukturell eher auf Entscheidungsunfähigkeit angelegt, und hemme Fortschritt mehr, als dass sie ihn voranbringe. Sie sei zu lehrerfokussiert und es gelänge selten Führungsverantwortung zielführend zu delegieren. Ein Schulpräsident meinte lakonisch: „Die Kollegien sind mit der Selbstverwaltung überfordert. Gute Pädagogen sind meist nicht talentierte Manager. Jene, die beides können, gehen im Zwang kollektiver Kollegiums-Entscheide unter.”  

Zentrale Aktionsfelder

Die Zusammenschau der Befunde erschließt vier Arbeitsgebiete:

  • Zeitgemäße Weiterentwicklung der Didaktik und Methodik unter Einbezug sozialer, technischer und wirtschaftlicher Phänomene;
  • Schärfen der Rekrutierung von Lehrpersonen, permanente Fortbildung und Förderung anthroposophischer Grundlagenarbeit;
  • Interaktion zwischen Eltern und Lehrpersonen; etablieren und pflegen einer Kultur vertrauensvoller Erziehungspartnerschaft;
  • Erneuern von Selbstverwaltung und Konferenzen in Richtung auf Teilhabe, effiziente Prozesse, klare Verantwortlichkeiten; Öffnung und Kommunikation.

Diese Bereiche beinhalten die Elemente, die von den untersuchten Studien übereinstimmend, explizit oder implizit, kritisch moniert wurden. Die abstrakt formulierten Vorschläge können durch kooperative, interdisziplinäre Teamarbeit zu schulspezifischen Veränderungsinitiativen werden.  

Wege nach vorn

Wenn die Schulgremien das Spektrum der Aktionsfelder anschauen, kommen Fragen auf: Warum ist es an unserer Schule so, wie es seit Jahren ist? Was ist noch zeitgemäß, was hat seine Gültigkeit verloren? Was ist jetzt für die Führung unserer Waldorfschule in die Zukunft nötig?

Als Antwort folgt ein inspirierter Veränderungsprozess. Für manche wird das schmerzhaft sein, denn es bedeutet, liebe Gewohnheiten loszulassen und sich durch Neugestaltung in Unsicherheit zu begeben. Bildlich gesprochen schafft Zukunft, wer Wege baut und nicht, wer im Wege steht. Die Schwierigkeit bleibt, zu erkennen, was aus der Zukunft kommen will, um dann die richtigen Wege zu den Lösungen zu beschreiten. Diese Verpflichtung obliegt allen, die Verantwortung für eine Waldorfschule tragen, die mitdenken und mittun dürfen.

Die Praxis zeigt, dass die Waldorfpädagogik das Potenzial einer zeitlosen, ganzheitlichen Modellpädagogik hat. Sie richtet sich stets am Individuellen aus, deshalb ist sie gegenwärtig und zukünftig. Das ist einzigartig und für die Lehrenden gleichermaßen motivierend wie anspruchsvoll. Auch nach hundert Jahren will sich die Waldorfpädagogik weiter entfalten. Es scheint hohe Zeit, die noch gegebene Autonomie für die Festigung einer freien Schule zu nutzen. Die wuchtige Aufgabe, Schule mit dem Leben zu verbinden, ist dringender denn je. Die Waldorfschulbewegung weiß, wie notwendig schöpferisches Gestalten zu jeder Zeit ist, und dass es nicht automatisch geschieht. ///

Dr. Heinz Brodbeck ist ehrenamtlich beim Netzwerk Steinerschule Schweiz aktiv. Nach Berufslehre und Studium war er Manager bei globalen Firmen. Im Ruhestand forschte er über soziale Banken (Values in internal Marketing, Nomos, Baden-Baden). 2018 verfasste er die Studie Rudolf Steiner Schule im Elterntest (PubliQation, BoD, Norderstedt) und 2019 zusammen mit Robert Thomas das Buch Steinerschulen heute (Zbinden, Basel).

Quellen:

Brodbeck, 2020. Entwicklungsfelder für die Rudolf  Steiner Schulen (Triangulationsstudie). [Folienpräsentation. Online] available at https://strathclyde.academia.edu/HeinzBrodbeck

darin zitiert:
– Randoll/Barz, 2006. Bildung und Lebensgestaltung ehemaliger Schüler von Rudolf Steiner Schulen in der Schweiz. Frankfurt a.M.: Peter Lang.
– Randoll/Da Veiga, 2013. Waldorfpädagogik in Praxis und Ausbildung. Wiesbaden: Springer VS.
– Brodbeck, 2014. Waldorflehrer: Hohe Arbeitszufriedenheit trotz enormer Belastung. https://strathclyde.academia.edu/heinzbrodbeck
– Koolmann/Nörling, 2015. Zukunftsgestaltung Waldorfschule. Wiesbaden: Springer VS.
– Koolmann/Petersen/Ehrler, 2018. Waldorf-Eltern in Deutschland. Weinheim: Beltz Juventa.
– Brodbeck, 2018. Rudolf Steiner Schule im Elterntest. Norderstedt: PubliQation Academic Publishing, Books on Demand.
– Stöckli, 2020. Was bewegt Steinerschullehrer welche die Steinerschule verlassen haben?, Solothurn: Institut für Praxisforschung.
– Barz, 2019. Bildung und Schule – Elternstudie, Einstellungen von Eltern in Deutschland zur Schulpolitik. Münster: Waxmann.

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