Der blinde Fleck

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Der Immunologe und Wissenschaftstheoretiker Ludwik Fleck formulierte vor über 80 Jahren eine provokante These: Wissenschaft ist immer esoterisch, besonders da, wo sie am wissenschaftlichsten und methodischsten ist. Das wird nun in der Coronakrise einmal mehr offenbar.

Die Coronakrise ist eine Hochzeit der Wissenschaft und gleichzeitig deren Krise. Einer Schar von Virolog*innen, deren bekanntestes Gesicht Christian Drosten ist, stehen anders denkende Wissenschaftler*innen gegenüber. Erstere beeinflussen die Entscheidungstragenden und die öffentliche Meinung stark, während Letztere zu Abtrünnigen und gefährlichen Idioten erklärt werden. Im öffentlichen Diskurs scheint das Phänomen Corona klar und evident zu sein und die abzuleitenden politischen Maßnahmen gleichermaßen. Die Einschätzung des Coronavirus als exorbitanter Gefahr und die Sinnhaftigkeit von AHA-Regeln und Lockdowns haben sich mittlerweile in weiten Teilen der Gesellschaft quasi als allgemeine Vernunft sedimentiert. Nicht nur die Impfstoffentwicklung, auch die Bedeutungszementierung ging in diesem Falle rasend schnell voran. Und die Wissenschaft ist eine der treibenden Kräfte dieser Dynamik – „die Wissenschaft“?

Am 8. Dezember 2020 veröffentlichte die Nationale Akademie der Wissenschaften, die Leopoldina, ein Schreiben, in dem sie „aus wissenschaftlicher Sicht“ einen harten Lockdown empfahl. Am gleichen Tag veröffentlichte der Wissenschaftstheoretiker Professor Michael Esfeld, selbst Mitglied der Leopoldina, ein Protestschreiben an den Präsidenten, in dem er seine Bestürzung über die Stellungnahme der Leopoldina ausdrückt. Darin heißt es unter anderem: „Wir haben es mit der üblichen Situation einer wissenschaftlichen Kontroverse zu tun, in der verschiedene Standpunkte mit Gründen vertreten werden: Innerhalb des engeren Kreises der Experten von Virologie und Epidemiologie ist die Strategie zum Umgang mit der Ausbreitung des Coronavirus umstritten.“ Argumentativ nennt Esfeld den vermehrten Schutz von Risikogruppen als Alternative und gibt im Blick auf den Lockdown zu bedenken: „Es gibt zahlreiche wissenschaftliche Studien, gemäß denen die verlorenen Lebensjahre den maximal erreichbaren Nutzen geretteter Lebensjahre um ein Vielfaches übersteigen werden.“ Schlussendlich kritisiert er die vorgetäuschte Einhelligkeit des Leopoldina-Schreibens und bittet um dessen Rücknahme. Es ist nicht auszuschließen, dass ihn das seinen Job kosten wird.

Wissenschaft als heterogenes Feld

Dabei drückt Esfeld nur aus, was die Mehrzahl der angesehensten Wissenschaftstheoretiker in den letzten Jahrzehnten herausgearbeitet haben: Wissenschaft ist ein heterogenes Feld, das gesellschaftlichen Einflüssen unterliegt und keine absolute Objektivität beanspruchen kann.  Wolfram Eilenberger sekundiert im Philosophiemagazin: „Es bleibt grundsätzlich problematisch, von ‚der Wissenschaft‘ so zu reden, als könnte sie uns sagen, was passiert, wenn wir dieses oder jenes unterlassen.“

Etwas genauer hat das schon in den 30er Jahren des 20. Jahrhunderts der Immunologe Ludwik Fleck aufgeschlüsselt.  Fleck diagnostiziert der modernen Wissenschaft eine „gemeinsame Verehrung eines Ideals, des Ideals objektiver Wahrheit“. Für ihn – der als Mediziner hauptsächlich Beispiele aus der Virologie und Bakteriologie heranzieht – geschieht der Prozess der Entstehung einer wissenschaftlichen Tatsache sinngemäß wie folgt:  Innerhalb eines Denkkollektivs bildet sich ein bestimmter Denkstil heraus, der ein spezifisches „Gestaltsehen“ mit sich bringt, das bestimmte Beobachtungen implizit plausibler als andere macht und dabei vielfältigen sozialen Einflüssen unterworfen ist. Die Begriffe, mit denen die wissenschaftlichen Theorien umgehen, entstehen aber selbst aus sogenannten mythischen „Präideen“ oder „Urideen“, also vorwissenschaftlichen Annahmen, die dann im Rahmen einer Evolution immer mehr ausgearbeitet werden. Je länger nun ein Denkkollektiv eine wissenschaftliche Tatsache untersucht, umso stilgemäßer wird diese, „bis in der Frage die Antwort größtenteils vorgebildet ist“, wie Fleck schreibt. Am Anfang des Erkennens stehe ein unklares Schauen, ein Streit der gedanklichen Gesichtsfelder, denn „die erste stilverworrene Beobachtung gleicht einem Gefühlschaos: Staunen, Suchen nach Ähnlichkeiten, Probieren, Zurückziehen; Hoffnung und Enttäuschung. Gefühl, Wille und Verstand arbeiten als unteilbare Einheit.“ „Wenn eine Auffassung genug stark ein Denkkollektiv durchtränkt […] dann erscheint ein Widerspruch undenkbar“ schreibt Fleck. So erscheint es derzeit geradezu wahnwitzig, die pathozentrische Sicht auf Viren, die Sinnhaftigkeit von Impfungen, den Zusammenhang zwischen Lockdowns und Infektionszahlen auch nur in Frage zu stellen.

Esoterische und exoterische Wissenschaft

Warum ist aber die Wissenschaft – abgesehen von den Präideen – nach Fleck esoterisch zu nennen? Denn tatsächlich bezeichnet er den inneren Kreis der Wissenschaftler*innen, also den elitären, fachmännischen, komplexen Diskurs als „esoterisch“, und den populärwissenschaftlichen, anschaulich vereinfachten Teil der Forschungen als „exoterisch“. Zwischen diesen Ebenen gibt es zahlreiche Zwischenstufen und Vermittlungen, die Fleck auch benennt, etwa die Unterschiede von wissenschaftlichen Journalen, wissenschaftlichen Handbüchern und populärer Literatur. Je allgemein zugänglicher die wissenschaftliche Theorie, um so exoterischer; je detaillierter und spezifischer, aber auch je neuer und experimenteller sie ist, desto esoterischer.

Natürlich ist hier etwas anderes mit „esoterisch“ gemeint als die im Volksmund gebräuchliche Bedeutung im Sinne von „unwissenschaftlich“, „übersinnlich“ oder „magisch, aber seine Formulierung trifft trotzdem einen Punkt: Wissen, auch das über Viren, ist immer sozial konstruiert, es entspricht keiner beobachterunabhängigen objektiven Wahrheit und es entzieht sich dem detaillierten Verständnis der breiten Masse, je spezifischer es ist. Die Wissenschaftstheoretikerin Karin Knorr-Cetina schreibt passend dazu: „Betrachten wir allerdings den Prozess der Wissensproduktion in genügendem Detail, so stellt sich unter anderem heraus, dass Wissenschaftler im Labor ihre Entscheidungen und Selektionen ständig auf die vermutliche Reaktion bestimmter Mitglieder der Wissenschaftlergemeinde, die als ‚Validierende‘ in Frage kommen, beziehen, ebenso wie auf die Politik der Zeitschrift, in der sie zu publizieren vorhaben.“

Man kann an die Schlüssigkeit der Theorien, die der esoterische Forscherkreis postuliert, glauben, aber um sie wissenschaftlich nachvollziehen zu können, müsste man selbst Teil des inneren Kerns des Denkkollektivs dieser Wissenschaftler sein. Das Glauben an Wissen ist immer noch besser als bloßes Glauben an Glauben, aber es besteht stets ein metaphysisches bzw. im Verborgenen bleibendes Moment in der modernen Expertenwissenschaft. Zwar wird erfolgreich versucht, durch Podcasts und soziale Netzwerke eine Nähe zum esoterischen Kreis der Wissenschaftler*innen herzustellen, aber durch die Asymmetrie in der Kompetenz und der verfügbaren Forschungsmittel muss dem vorherrschenden Wissenschaftsdenkstil letztlich Glauben geschenkt werden.

Besser wäre – wie es auch Michael Esfeld fordert – den wirklich stattfindenden wissenschaftlichen Diskurs und Dissens neutraler abzubilden, um dann eine Entscheidung auf komplexerem Boden zu treffen. Das erforderte aber mehr Willen zur Wahrheit, als es politisch zurzeit opportun ist. Schließlich regiert es sich mit einfachen Erklärungen, Angst und Feindbildern leichter, zumal es doch auch noch unbequeme Themen auf der politischen Agenda durchzuwinken gilt: Digitalisierung, biopolitische Kontrolle, Demonstration von Entschlossenheit und Autorität für angezählte Volkspartei-Politiker*innen im Wahljahr und so weiter.

Trotz oder gerade wegen der Denkstiltheorie ist wissenschaftliche Forschung etwas Wunderbares: Sie zeigt, dass Wissen organisch ist, ebenso wie der menschliche Körper und die Gesellschaft. Und ebensowenig wie bei Letzteren ist in der Wissenschaft Beliebigkeit am Platz. Der Tod ist denkstilunabhängig ein Faktum, deswegen gehört Corona auch ernst genommen. Aber die Erklärungsansätze und Handlungsempfehlungen sind untrennbar mit einem bestimmten Denkstil verbunden. Hier die Wechselwirkung zwischen verschiedenen Denkstilen möglichst hochzuhalten, anstatt sie zu kappen, wäre wissenschaftliche Redlichkeit und würde in Pandemiezeiten sicher Leben und Freiheit gleichermaßen im bestmöglichen Maße bewahren.  Den Mangel an solcher organischen Forschung benennt auch Rudolf Steiner in seinen Vorträgen über Grenzen der Naturerkenntnis: „Es ist der Ohnmacht der modernen naturwissenschaftlichen Denkweise, welche uns auch so ohnmächtig vor die soziale Begriffsbildung hingestellt hat.“ (GA 322, 1. Vortrag.). Nicht nur das geistige Moment gehört ernst genommen, auch das sozial bedingte Moment von Naturwissenschaft. Würde sich das vorherrschende Narrativ in Wissenschaft und Medien in der Coronakrise seines blinden Flecks bewusst, wäre das ein gewaltiger Schritt in Richtung auf einen intelligenteren Denkstil hin, der durch seine Evidenz auch den nicht-esoterischen Kreisen klar vor Augen und gut zu Gesicht stehen würde. Die Blindheit gegenüber Flecks wissenschaftlichen Ansätzen bildet den blinden Fleck der Wissenschaften. ///

Dieser Text erschien in der Ausgabe März 2021 der Zeitschrift info3.

Info3-Redakteur Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin und an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. Nach seinem Studium an der Universität Witten/Herdecke arbeitet er als Berater und Projektmanager. Außerdem promoviert er an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg über Neue Mobilität im Lichte Walter Benjamins.

Über den Autor / die Autorin

Alexander Capistran

Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin und an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. Nach seinem Studium an der Universität Witten/Herdecke arbeitet er als Berater und Projektmanager. Außerdem promoviert er an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg über Neue Mobilität im Lichte Walter Benjamins.

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