Loslassen und gesund werden

Loslassen, Info3 Februar 2018. Foto: © prachid - Fotolia.com
Loslassen, Info3 Februar 2018. Foto: © prachid - Fotolia.com

Es gibt unendlich viel, das wir für unsere Gesundheit tun können – und vielleicht noch mehr, das wir für sie lassen können.

Gedanken

Wir Menschen verdanken unsere Sonderstellung in der Welt der Fähigkeit zu denken. Die richtigen Gedanken können uns frei von inneren und äußeren Einschränkungen machen, uns helfen, Situationen zu verstehen, Ziele zu setzen und sinnvoll zu handeln. Gedanken können aber auch eine Eigendynamik bekommen, zwanghaft werden und Übermacht über unser Inneres gewinnen. Dazu gehören z.B. Gedanken, die uns veranlassen, uns ständig mit anderen zu vergleichen, Gedanken, die immer wieder zu Verlusten und Niederlagen in der Vergangenheit schweifen oder ängstlich in die Zukunft gerichtet sind. Solche Gedanken schränken ein, binden unsere seelischen und körperlichen Energien, machen uns handlungsunfähig und krank. Eine einfache Methode, sie loszuwerden, besteht darin, in dem Moment, wo sie auftauchen, bewusst den Kanal zu wechseln und die Aufmerksamkeit auf den Körper zu richten, beispielsweise auf die Atmung oder die Bewegung der Beine beim Gehen – oder rauszugehen und sich bewusst den Sinneseindrücken zu öffnen, welche die Natur für uns bereit hält.

Meinungen

Die meisten Menschen, die ich kenne, sind stolz auf ihre Meinungen. Dabei hat noch keine Meinung irgendetwas in der Welt verändert. Viele Meinungsträger spüren das und reagieren ihren Frust an Mitmenschen ab, die eine andere Meinung haben. Das verstärkt noch die seelische Verhärtung und Isolation. Bei den meisten Menschen, Männern wie auch Frauen, lässt sich ab dem 30. Lebensjahr ein kontinuierlicher Rückgang der Offenheit für neue Erfahrungen – einem Hauptkriterium für seelische Gesundheit! – beobachten. Das ist vielfach der erste Vorbote eines Alterungsprozesses, der Demenz und anderen Erkrankungen des Nervensystems Vorschub leistet. Viel gesünder ist es daher, Meinungen aufzugeben und jene seelische Offenheit, Lockerheit und Beweglichkeit zuzulassen, wie sie uns von Kindheit an eigen ist.

Aufstehen

Schlaf ist ein guter Arzt, darauf hatte bereits Rudolf Steiner hingewiesen. Denn im Schlaf spielen sich die gesunden Rhythmen, die für Harmonie und Ausgleich der körperlichen Funktionen sorgen, wieder ein. Zu wenig Schlaf erhöht den Stress, macht anfällig für negative Gedanken und Gefühle, begünstigt Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und schwächt das Immunsystem. Daher ist es gut, wenigstens einmal in der Woche auszuschlafen und länger im Bett liegen zu bleiben.

Rauchen

Rauchen ist weltweit die Todesursache Nr. 1; jeder siebte Deutsche stirbt daran. Auch hier war Rudolf Steiner seiner Zeit weit voraus, indem er bereits 1909, fast ein halbes Jahrhundert bevor die Medizin das erkannte, in einer Fragenbeantwortung darauf hinwies, dass Nikotin ein „außerordentlich gefährliches Genussmittel“ sei. Rauchen ist nicht für jeden Menschen gleich gefährlich, es kommt auf zusätzliche Lebensstilfaktoren an, und auch auf die genetische Disposition. Ich kenne Raucher, die bei fortgesetztem Zigarettenkonsum 100 Jahre alt geworden sind. Die durchschnittliche Lebenserwartung für Raucher liegt jedoch zehn bis zwölf Jahre unter derjenigen für Nichtraucher, und es lohnt sich, selbst noch im hohen Alter aufzuhören. Manche Raucher zelebrieren ihr Laster, als sei es das letzte Abenteuer, das ihnen geblieben ist, und fühlen sich wie Desperados in einer zunehmend rauchfreien Welt. Solche Menschen tun mir leid, denn viele von ihnen sitzen irgendwann mit ihrer Diagnose bei mir und beklagen sich, weil sie niemand rechtzeitig vom Qualmen abgebracht hat. Dabei ist es ganz leicht, mit dem Rauchen aufzuhören, denn es handelt sich noch nicht einmal um eine echte Sucht, sondern lediglich um eine schlechte Angewohnheit. So wie Fernsehen oder Naschen (siehe unten).

Fernsehen

Ein 65-Jähriger erleidet während des WM–Halbfinales Brasilien-Deutschland einen Herzinfarkt. Ein anderer bekommt einen akuten Gefäßverschluss im Kopf, während Donald Trump redet. Zwei denkbar unterschiedliche Ereignisse. Beiden Fällen gemeinsam ist jedoch der Ort, wo sie sich ereignet haben: vor dem Fernseher. Beim Fernsehen können Stresshormone, Blutdruck und Puls so stark ansteigen, als sei man mitten im Geschehen. Stattdessen befinden sich die Betroffenen in sitzender oder halbliegender Position und naschen zudem häufig krankheitsauslösende TV-Snacks. Wieviel Fernsehen ist noch gesund? Mein Tipp: am besten gar nicht erst einschalten.

Süßigkeiten

Süßigkeiten, und dazu zähle ich auch Weißmehlprodukte, sind Lebensmittel, die den Blutzuckerspiegel sehr stark erhöhen. Sie machen auf Dauer nicht nur krank (in Deutschland ist jeder Neunte zuckerkrank), sondern auch depressiv und unausgeglichen. Vor allem sättigen Süßigkeiten nicht, sondern sind verantwortlich für Heißhungerattacken und die ständige Gier auf Mehr, die es so vielen Menschen schwer macht, ihre Nahrungszufuhr zu begrenzen. Wer auf Zucker und Weißmehl verzichtet und stattdessen vollwertige Lebensmittel mit einem hohen Anteil an Vitalstoffen (wie Faserstoffen, Mineralien, Vitaminen, Spurenelemente) bevorzugt, verliert nach und nach den Appetit auf Süßes, ist gesünder und zufriedener.

Fleisch

In einem Land wie Deutschland muss heute niemand Fleisch essen, um sich gut und genussvoll zu ernähren; noch nie in der Geschichte war das Angebot an fleischlosen Alternativen so groß. Wer es gerne zünftig mag, findet sogar vegane Äquivalente zu rustikalen Gaumenkitzeln wie Jägerbraten und Holzfällersteak. Und doch nimmt der Fleischkonsum wieder kontinuierlich zu, mit bedrohlichen Auswirkungen nicht nur auf die Gesundheit, sondern auch für Umwelt und Klima. Ganz zu schweigen von den 56 Milliarden Tieren, die jedes Jahr geschlachtet werden und ihr kurzes Leben unter qualvollen Bedingungen verbringen müssen. Dabei ist längst bekannt, dass Fleisch ungesund ist. Fleischverzehr gilt unter anderem als Risikofaktor für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Gicht, Rheuma, Alzheimer oder Krebs. Ich kenne kaum jemanden, der sich eine zeitlang fleischlos ernährt und dann wieder die alten Gewohnheiten angenommen hätte. Die meisten fühlen sich so viel besser, dass sie für den Rest ihres Lebens vegetarisch oder auch vegan bleiben. Hinzu kommt das gute Gefühl, das Leid auf diesem Planeten durch die eigenen Essgewohnheiten nicht noch zu vermehren.

Über den Autor / die Autorin

Frank Meyer

Dr. med. Frank Meyer ist Facharzt für Allgemeinmedizin, Naturheilverfahren, Akupunktur. Niedergelassen als Anthroposophischer Hausarzt in Nürnberg. Seminar- und Vortragstätigkeiten, Bücher und Artikel in Fach- und Publikumszeitschriften zu den Schwerpunkten Selbstregulation, Integrative Medizin und Naturheilverfahren.

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