Elon Musk: der Über-Bringer

Elon Musk in der SpaceX-Fertigung. Foto: Jurvetson/Flickr

Elektromobilität, private Raumfahrt, Satellitentechnik – der Tesla-Gründer und Technik-Vorreiter Elon Musk prägt mit seinen Innovationen wie kaum ein Zweiter unsere Gegenwart. Unter dem geistigen Makroskop fragen wir, wie sinnvoll all das eigentlich für uns ist und in welchen Bahnen dieser Impuls vielleicht fruchtbarer wäre.

Für viele ist er „der Bringer“, ja sogar der „Über-Bringer“. Schließlich gilt Elon Musk, schillernder und streitbarer Tech-Unternehmer, Visionär, Milliardär und Vater von fünf Kindern, vielen als Leuchtturmfigur. Er will die Menschen bis 2040 auf den Mars bringen und bringt bereits tagtäglich mit seinen Tesla-Elektro-Fahrzeugen viele in teilautonomer Fahrweise von A nach B. So manche jungen weißen Männer sehen in ihm einen technologischen Heilsbringer. Aber ist Elon Musk wirklich der „Bringer“? Ist es sinnvoll, was er tut? Was bleibt vielleicht dabei auf der Strecke?

In 80-Stundenwochen um die Welt

Das Bild, das die meisten Berichte über Musk zeichnen, ist das eines besessenen, intelligenten Mannes, der große und manchmal verrückte technische Ideen in atemberaubendem Tempo umsetzt. Er ist auf diese Weise enorm reich geworden (78 Milliarden Euro umfasst sein Vermögen in Aktienanteilen), was häufig die Vorbildhaftigkeit seines Tuns unterstreicht. Wir wollen in diesem Text einen anderen Weg einschlagen und Musk im Kosmos des Zeitgeistes und im Hinblick auf die tieferen Schichten seines Tuns befragen.

Geboren wurde der heute 49-Jährige in Südafrika, wuchs dort unter der Obhut seines Vaters auf, wurde zu Hause drangsaliert und in der Schule gemobbt. Mit 16 Jahren wanderte er mit seinem Bruder zunächst nach Kanada und später in die USA aus, und schlug sich eigenverantwortlich durch, was bald schon zur Gründung erster Unternehmen führte. Der Verkauf eines Google-Maps-Vorläufers sicherte Musk früh seine ersten Millionen. Bald folgte die Gründung von Paypal und anderer Unternehmen sowie eine Haartransplantation für den ideenreichen Kopf. Ab Anfang der 2000er-Jahre war er involviert in die Anfänge der Unternehmen Space X und Tesla, deren prägende Figur er bis heute ist. In den vergangenen Jahren gründete er weitere Firmen, die oft noch in der Beta-Entwicklungsphase ihrer Produkte sind, aber gigantischen Ansprüchen vorauslaufen: zum Beispiel die Tunnelbohrfirma „The Boring Company“, das Künstliche-Intelligenz-Unternehmen „Open AI“ und der Cyborgproduzent „Neuralink“. Bis in physikalische und Ingenieursfragen hinein gestaltet Musk die Unternehmen mit, arbeitet über 80 Stunden die Woche, schläft oft im Büro und kommt nur mit dem Schlafmittel Ambien zur Ruhe.

Was motiviert ihn und was steckt hinter der gelebten Technik-Euphorie? Schon früh im Leben fragte sich Musk, was die größten Probleme der Menschheit seien und nach welchen Lösungen sie verlangten. Das waren für ihn vor allem ein leicht zugängliches Internet (später: verlässliche und sichere Künstliche Intelligenz), ein Abrücken von fossiler Brennstoffabhängigkeit durch Elektromobilität und die langfristige Sicherung der menschlichen Existenz durch Verbindungen von Mensch und Maschine. Und nicht zuletzt: die Besiedlung des Weltraums. An diesen Zielen richtet sich nach wie vor das unternehmerische Handeln von Musk aus. Tesla ist mittlerweile die wertvollste Automarke der Welt, komplett elektrisch, nahezu ohne menschliche Eingriffe fahrfähig.

Die Welt ist nicht genug

„Man braucht Gründe, morgens aufzustehen. Wenn alles automatisiert ist, wie werden wir Menschen noch Bedeutung haben?“ Für Musk ist das Ausschwärmen in den Weltraum solch ein Grund, der das Faszinierende mit dem Nützlichen verbindet: „Ich will auf dem Mars sterben, bloß nicht bei der Landung, hat er einmal gesagt. Daran arbeitet er unermüdlich mit dem Unternehmen SpaceX. Mittlerweile hat dieses größte private Raumfahrtunternehmen über 100 Raketen starten lassen. Zeitgleich entsteht im Rahmen seines Projekts „Starlink“ ein weltumspannendes Satellitensystem für unkomplizierte Internetversorgung. Schon 770 Satelliten wurden in den Orbit geschossen – bis zu 30.000 Satelliten will das Unternehmen bis 2027 in der Erdumlaufbahn haben. Bereits mehrfach in diesem Jahr waren die ersten davon – über unsere Köpfe hinweg – am Nachthimmel sichtbar, als Satellitenketten, die manche für außerirdische Erscheinungen hielten.  SpaceX will in Zukunft Menschen zum Mars bringen und mit der gleichen wiederverwendbaren Rakete Langstreckenflüge für Passagiere weltweit in 30 bis 50 Minuten anbieten. Die Menschheit ist für Musk eine „multiplanetare Spezies“.

Die Autoren Nemitz und Pfeffer analysieren in ihrem Buch Prinzip Mensch die Welt- und Menschenbilder hinter technikbegeisterten Großkonzernen. Sie diagnostizieren schon im kalifornischen Elitenkreis der 60er-Jahre eine „Weltraumbegeisterung“, die das Silicon Valley und auch Elon Musk nachhaltig beeinflusst hat. Diese Begeisterung setzt Musk nun in die Tat um, halb weil es ihn ästhetisch beglückt, den Weltraum zu bespielen, halb aus einem anderen, oft wiederholten Grund: Der Weltraum müsse Einflusssphäre des Menschen werden, damit dieser weiter bestehen könne und nicht den Anschluss an künstliche Intelligenz verliere.

Aus dieser Motivation heraus arbeiten Musks Unternehmen Open AI und Neuralink. Open AI wurde gegründet, um sichere und für alle Menschen verfügbare künstliche Intelligenz zu entwickeln. Mittlerweile ist es ein teilweise profitorientiertes Unternehmen geworden, das übrigens nur Teile seiner Entdeckungen wirklich als Open Source-Code für alle offenlegt. Wir müssen mit der künstlichen Intelligenz gemeinsame Sache machen, so Musk, da sie uns sonst durch ihre Rechenpower und Lernfähigkeit überhole: „Wir haben die Wahl, entweder zurückgelassen zu werden und effektiv nutzlos zu sein – etwa wie eine Hauskatze – oder schließlich einen Weg herauszufinden, in einer Symbiose mit der Künstlichen Intelligenz zu verschmelzen“. Wir seien durch die Nutzung von Smartphones und Datenstrukturen im Grunde schon zu Cyborgs geworden – darum arbeitet Neuralink nun daran, eine Schnittstelle von menschlichem Gehirn mit Mikrochips herzustellen, sodass der Mensch die algorithmische Kraft direkt nutzen kann. Trocken sagte Musk dazu in Dubai 2017: „Wenn du die Maschinen nicht schlagen kannst, ist es besser, selbst eine zu werden“. Nach dem limbischen System und dem menschlichen Gehirn komme jetzt ein „digitales Gehirn und digitales Selbst“ als dritte Schicht hinzu. Ein Arbeitsziel ist dabei laut Musk, möglichst schnell „konzeptuelle Telepathie“ möglich zu machen, also den simultanen Austausch von Gedanken; natürlich ganz sicher, ohne dass jemand darauf Zugriff erhielte, der ihn nicht haben sollte. Die drei Hauptziele von Neuralink sind laut dem Masterplan von 2019: „Gehirnschäden verstehen und kurieren“, „Das Gehirn schützen und leistungsfähiger machen“, und „Eine gut angepasste Zukunft zu kreieren“. Worte, gesprochen oder geschrieben, hätten eine „unglaublich niedrige Datenübertragungsrate“ im Verhältnis zur Geschwindigkeit und Reichhaltigkeit der Gedanken.

An ihren Daten sollt ihr sie erkennen

Wohin das führen würde, prophezeien Nemitz und Pfeffer schonungslos: Für sie „deutet im Augenblick mehr darauf hin, dass wir Menschen … der KI derart angepasst sein werden, dass wir ihr ebenbildlich sein werden. Mit verheerenden Folgen für Freiheit und Selbstbestimmung.“ Die Adepten der kalifornischen Technikgläubigkeit um Musk haben wohl nie verstanden, was das wirklich Menschliche ist – für sie ist der Mensch eher eine störanfällige Maschine zweiten Grades. Die Autoren bringen es auf den Punkt: „Menschliche Freiheit, die aus Kritik und Traum mittels der Vorstellungskraft Neues schafft, ist auch der elaboriertesten KI nicht möglich“. Und gerade die Fähigkeit zur Präsenz, zum Mitgefühl, zur symbolischen Ambiguität, zum Gelingen und Scheitern, zum Drama, zur Langmut, machen ja den Menschen nach seiner schönsten Seite hin aus. Genuine Kreativität, Abenteuer, Lebendigkeit, Begegnung, spekulatives Denken leben von ihrem Rest an Nicht-Berechenbarkeit und einer gekonnten Mischung aus meisterlicher Beherrschung und Demut vor dem Unzähmbaren.

Papst Franziskus hat in seiner jüngsten Enzyklika Anfang Oktober hellsichtig geschrieben: „Die wahre Weisheit beinhaltet die Begegnung mit der Wirklichkeit. Heute jedoch kann man alles herstellen, verbergen und verändern. Das führt dazu, dass man die direkte Begegnung mit den Grenzen der Wirklichkeit nicht erträgt.“ Ein Sich-Besinnen auf das, was schon da ist, gar Heilung, wäre in jedem Falle ratsam und sollte die Entwicklung neuer Formen immer begleiten. Elon Musk ist – neben Gestalten wie Bill Gates – ein prominentes Beispiel der technischen Machbarkeitsriege, die im Namen der Gesellschaft (jedoch ohne ihr Mandat!) Veränderungen im kulturellen Leben bis hin zum physischen Leib veranlasst, ohne die dabei entstehenden Verschlimmbesserungen einsehen zu wollen. Ist das Lebendige wirklich ohne Preis immer weiter manipulierbar? Technologie ist oft nützlich und vielleicht auch schön, aber sie taugt nicht in der Rolle des Heilsbringers.

Verkörpertes Bewusstsein plus Technik = Musk 2.0

Ich werde den geneigten Leser*innen an dieser Stelle nicht den Gefallen tun, zu einseitig gegen den technischen Komplex und seinen Vorreiter Musk zu wettern. Vielmehr möchte ich mit ihm über ihn hinausgelangen. Eine nicht-nostalgische Alternative zur alten, humanistischen Technikkritik wäre eine höhere Einheit aus Technikdenken und Lebendigkeit. Im Grund hat Elon Musk ja recht, wenn er uns bereits als Mischwesen aus Technik und Natur sieht. Warum sollten wir damit nicht also konstruktiv umgehen? Auch ich würde gerne beim Denken und Gestalten auf größere Rechenkapazitäten und Datenmengen zugreifen können, als ich das ohnehin schon tue. Allerdings nicht um den Preis der potenziellen Steuerbarkeit von außen, der undemokratischen Überstülpung technischer Innovation und der Verkümmerung meiner bereits vorhandenen Innerlichkeit. Mein Denken, mein Fühlen und Wahrnehmen, bis hin zu meinem Darstellen in der Welt verlangen jahrzehntelanges Üben in Räumen, wo dies möglich und erwünscht ist. Präsenz, samt ihrem Leiden, Scheitern und Zaubern kann mir die Maschine nicht abnehmen, zumindest nicht ohne Verlust der „Bandbreite“, um einmal eines von Musks Lieblingswörtern zu bemühen. Es geht also um eine Balance von technischer Weltformung und gesteigertem inneren Bewusstsein. Das braucht aber auch Mittel und Räume, gerade inmitten der technisierten Welt. Wäre nicht Elon Musk ein wahrer Segen für die Menschheit, wenn er neben seinen smarten und in Teilen umwelt- und menschenfreundlichen Erfindungen auch globale Strukturen des präsenten, ganzheitlichen Bewusstseins und der Tugendhaftigkeit fördern würde?

Wie das konkret aussehen könnte? Ich hätte Ideen: Zum Beispiel ginge es um Ausdrucksmöglichkeiten und Therapien für kollektive Traumata, wirkliche Lösungen für globale Konflikte im Nahen Osten und anderswo, dauerhafte globale Gerechtigkeit, die Aufhebung der Schere von Arm und Reich. Wem das nicht spektakulär genug ist: Prozeduren und Produkte, die sich nur durch aktives Denken entfalten (etwa nach Art der Allegorie eines Reflexionswürfels, der nur dann bewegt werden kann, wenn Fragen des Sinns und der Selbstreflexion beantwortet werden). Oder ein Medium erschaffen, das die Vielfalt der menschlichen Sprachen und die Vielfalt der Denkstile, den Schatz der Bedeutung und Symboliken, nachhaltig vertausendfacht, eine Art Wiederaufforstung im Bereich der Sprache und des Denkens. Vorhaben in diese Richtung des gesteigerten Bewusstseins würden im Verbund mit den technischen Möglichkeiten zu einem visionären Handeln, das den Kosmos nicht bloß unterwerfen, sondern selbst universal, ja „Universum-tauglich“, machen würde. Vielleicht sollte Musk also ab und an, statt zu den Sternen zu stieren, der Tiefenökologin Joanna Macy lauschen, die dort schon ist, wo er wohl niemals hinkommen wird, weil sie weiß: „Das Herz, das aufbricht, kann das ganze Universum enthalten“.

Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin und an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. Nach seinem Studium an der Universität Witten/Herdecke arbeitet er als Berater und Projektmanager. Außerdem promoviert er an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg über Neue Mobilität im Lichte Walter Benjamins.

Dieser Text erschien in der Januarausgabe der Zeitschrift info3 zum Thema “Grenzen der Digitalisierung”. Einzelheft hier bestellen.

Über den Autor / die Autorin

Alexander Capistran

Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin und an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. Nach seinem Studium an der Universität Witten/Herdecke arbeitet er als Berater und Projektmanager. Außerdem promoviert er an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg über Neue Mobilität im Lichte Walter Benjamins.