“Gefährliche” Esoterik?

Foto: Mohamed Nohassi / unsplash

Esoterik war in den Medien bislang vor allem ein unklarer Sammelbegriff, mit dem viele nur Räucherstäbchen und Klangschalen assoziierten. Der Umgang damit schien Privatsache. Seit neuestem aber wird das Interesse für Spiritualität und geistige Welten unter den Generalverdacht gestellt, gesellschaftlich schädlich zu sein. Was steckt hinter dem neuen Narrativ?

Anfang September 2022 veranstaltete die Bundeszentrale für politische Bildung in Fulda eine Tagung zum Thema Esoterik und Demokratie – Ein Spannungsverhältnis. Warum diese Themenstellung bei einem staatlichen Bildungsträger? Eine Erklärung liefert die in letzter Zeit häufig unterstellte Verbindung von Esoterik, Wissenschaftsfeindlichkeit und politischer Radikalisierung. Zentraler Referenzpunkt dabei sind die Corona-Proteste. Menschen mit unterschiedlichsten Motiven gingen gegen die Maßnahmen auf die Straße, ein buntes Völkchen von grün-liberal bis rechts, auch Menschen mit Esoterik-Hintergründen. Speziell auf diese zielt neuerdings der generelle Verdacht: Wer an übersinnliche Dinge glaubt, verlässt den „Konsens der Wissenschaft“ und zieht für sein Leben Folgerungen, die den gesellschaftlichen Zusammenhalt gefährden – von der Impfskepsis bis zur Systemfrage. Viele Artikel, Online-Beiträge und Radio-Features folgen momentan der Gleichung: Esoterik = irrational = radikal. Wer an Reinkarnation und Karma glaubt, will irgendwann auch unsere Gesellschaft umstürzen. Auch Rudolf Steiner und die Anthroposophie werden in dieses neue Narrativ eingereiht.

Die meisten, die so denken, wissen in Wirklichkeit von Esoterik kaum etwas. Deshalb war es gut, dass die Veranstalter der Bundeszentrale einem der wenigen Wissenschaftler zum Thema den Einführungsvortrag überlassen hatten: dem Esoterik-Experten Wouter Hanegraaff von der Universität Amsterdam. „Zuhören zuerst, urteilen später“, lautete der einleitende Rat des Professors, der 2005 die Europäische Gesellschaft zur Erforschung westlicher Esoterik ins Leben rief. Esoterik sei ein „Regenschirm-Begriff“, unter dem alles Mögliche subsumiert werde. Sein grundlegendes Buch von 2013 mit dem Titel Western Esotericism skizziert wichtige esoterische Strömungen im Abendland: Gnosis und Neuplatonismus, die Kabbala, das Rosenkreuzertum, das esoterische Christentum oder die Freimaurerei. Diese und andere Beispiele von Esoterik sind in unserer westlichen Kultur nicht nur aus der öffentlichen Wahrnehmung, sondern erst recht aus der akademischen Forschung verdrängt worden. Hanegraaff gibt dafür in seinem Vortrag eine überraschende Erklärung: Er nennt Esoterik ein „zurückgewiesenes Wissen“, das im Mainstream des Westens schlicht unerwünscht war, weil es eine Konkurrenz zum zunächst konfessionell und später dann naturwissenschaftlich geprägten Weltbild der Herrschenden darstellte. Und er fügt eine hoch interessante Perspektive hinzu: Die unterstellte Überlegenheit der „westlichen Zivilisation“, die schließlich auch in den Imperialismus und Kolonialismus führte, ruhte auf der Durchsetzung des rationalistisch-wissenschaftlichen Weltbildes und der Zurückweisung aller anderen Formen des Wissens. Diese wurden, so Hanegraaff in seinem Vortrag, „mit pejorativen Labeln wie ‚Esoterik‘, ‚Aberglaube‘, ‚Irrationalität‘ oder ‚das Okkulte‘“ belegt. Heute müsse endlich die westliche Esoterik „ernsthaft und ohne Vorurteil erforscht werden wie jede andere Manifestation westlicher Kultur und wiederhergestellt werden auf ihren legitimen Platz“.

Selbstverständlich weiß auch Hanegraaff, dass es immer wieder gewisse Verbindungen zwischen Esoterik und Rechtsextremismus gab, er kennt die Nähe mancher Menschen, die der Esoterik zugetan sind, zu Verschwörungsideologien und neo-autoritären Führergestalten. Aber er sagt auch: „In einer liberalen Demokratie, einer offenen Gesellschaft, welche die Religionsfreiheit feiert, gibt es keinen speziellen Grund, die Anwesenheit von ‚esoterischen‘ Bewegungen oder Ideen als problematisch anzusehen.“

Zusammenhänge, die keine sind

Als Wouter Hanegraaff auf der Tagung in Fulda angekündigt wurde, hieß es einleitend von Veranstalterseite: „Wer sich mit dem Thema Esoterik beschäftigt, kommt an ihm nicht vorbei.“ Dennoch wird seine Arbeit von den derzeitigen Esoterik-Warner:innen nicht wahrgenommen. Das Buch des Autorinnen-Duos Pia Lamberty und Katharina Nocun beispielsweise heißt pauschal: Gefährlicher Glaube – die radikale Gedankenwelt der Esoterik. Behandelt werden hier popularisierte Spielarten von Spiritualität, die das Duo auf Esoterikmessen und im Internet kennengelernt hat. Dabei gibt es sicher auch manche Verbindungen mit rechter Ideologie, die zurückzuweisen wichtig ist. Aber das Buch wirft alles in einen Topf, von holistischer Weltsicht bis Karma-Denken, von der Moon-Sekte bis zu Lanz von Liebenfels. In ihre Stoffsammlung reihen die Autorinnen dann auch Rudolf Steiner und die Anthroposophie ein, die sie unter dem Stichwort „menschenfeindliche Weltbilder“ subsumieren (Seite 217). Die biodynamischen Präparate werden als „unwissenschaftlich“ kritisiert und wieder einmal geht es um den angeblichen Rassismus Steiners, wohlweislich ignorierend, dass Anthroposophen sich seit langem schon selbst kritisch mit fragwürdigen Äußerungen Steiners befassen und rassistische Kategorien in dieser Bewegung nie eine Rolle gespielt haben.

Die Sendung Kulturzeit auf dem Sender 3Sat greift das Buch von Lamberty und Nocun am 27. Oktober 2022 in einem Beitrag auf. Gezeigt werden einleitend Szenen vom Sturm aufs Kapitol in Washington am 6. Januar 2021, bei dem auch ein „Schamane“ beteiligt war, der groß ins Bild kommt – ein Beleg für „gefährliche Esoterik“? Unmittelbar anschließend Schnitt und Schwenk auf ein Foto Rudolf Steiners, den „selbsternannten Hellseher“. Eine Sequenz wie aus dem Lehrbuch für mediale Manipulation: Wie konstruiere ich Zusammenhänge, wo keine sind? Abrundend warnt dann der evangelische Weltanschauungsbeauftragte Matthias Pöhlmann noch, die Beanspruchung höherer Erkenntnisse bei Steiner relativiere das herkömmliche, diskursorientierte wissenschaftliche Arbeiten. Und das ist natürlich „gefährlich“. „Gefühlte Wahrheiten anstelle evidenzbasierter Wissenschaft“, raunt die Stimme der Kommentatorin aus dem Off. (Man wüsste gern, wie der Mann seinen eigenen Glauben von Tod und Auferstehung vor der „evidenzbasierten Wissenschaft“ verteidigt.) Direkt im Anschluss folgt noch ein zehnminütiges Interview mit Autorin Katharina Nocun und das Zitierkarussell ist geschlossen. Gegenstimmen: keine. Das Buch Gefährliche Esoterik wurde inzwischen auch in dutzenden anderen, immer gleichlautenden Medienbeiträgen regelrecht beworben.

Offene Esoterik

Anthroposophie indessen steht für eine Esoterik, die geistigen Bedürfnissen Nahrung gibt, aber dabei alles andere ist als irrational und „rechts“, sondern aufklärerisch und universalistisch. Hanegraaff betonte in seinem Vortrag, es sei nicht zufällig, dass die einflussreichste esoterische Bewegung des späten 19. Jahrhunderts, die Theosophie – aus der später die Anthroposophie hervorgegangen ist – , „mit einem globalen Programm sozialer Reformen warb, das die Grundlagen legen sollte für eine universelle Bruderschaft der Menschlichkeit, ohne Unterschied von Rasse, Abstammung, Geschlecht, Stand oder Farbe“. An diese Gesinnung knüpfte auch Rudolf Steiner mit seiner Anthroposophie an. Er gründete mit der Anthroposophischen Gesellschaft ein öffentliches Projekt, bei dem jeder Mensch laut Satzung ohne Rücksicht auf nationale oder ethnische Herkunft, Geschlecht oder religiöse Überzeugung mitwirken kann. Ihm ging es um ein öffentliches Verfügbarmachen von Wissen, das früher als verborgen galt. „Es schlummern in jedem Menschen Fähigkeiten, durch die er sich Erkenntnisse über höhere Welten erwerben kann“ – mit dieser Aussage beginnt Steiners Grundlagenwerk Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?, und das Wort jedem ist betont kursiv gesetzt. Kein elitärer Kreis für wenige Auserwählte also, nicht etwa eine Art Geheimbund schwebte ihm vor. Waldorfpädagogik, Biodynamik und Anthroposophische Medizin zeigen, wie Wissen mit esoterischen Hintergründen öffentlich, freilassend und heilsam wirkt.

Anthroposophen sind vielleicht manchmal tatsächlich radikal in dem Sinne, dass sie auf der Suche nach Antworten auf Sinnfragen „an die Wurzel“ gehen. Sie deswegen als „gefährlich“ zu bezeichnen ist absurd. Von daher wirkt es tröstlich, wenn kürzlich sogar der oft nicht eben zimperliche Anthroposophie-Kritiker Ansgar Martins am Ende einer Sendung mit dem Motto Sternstunde Philosophie des Schweizer TV-Senders SRF sagte: „Ich habe mit der Zeit immer mehr schätzen gelernt, was das für umtriebige Leute sind und es ist wahrlich nicht so, dass Anthroposophie und Anthroposophen eine ‚Gefahr‘ sind oder irgendwie die Gesellschaft unterwandern, ich glaube, da werden sie zum Gegenstand von Verschwörungstheorien …“ ///

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.

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