Corona-Dämmerung

Die Moderne hat ihren Zenit überschritten. Corona lässt das Kommende am Horizont aufscheinen. Was wir philosophisch aus der gegenwärtigen Krise lernen können.

Von Alexander Capistran

Wenn es dunkel wird, beginnt der Erzählung nach die Eule der Minerva ihren Flug. Die personifizierte Weisheit macht sich also am besten im Zuge der Dämmerung, wenn bereits viel geschehen ist, auf den Weg der Erkenntnis. Mit etwas Glück dämmern dann auch bereits erste neue Einsichten in der Morgenröte.

Es zeigt sich heute, ob die Gesellschaft als Ganze reflexionsfähig ist, ob sie aus der Botschaft von Corona lernen kann. Aktuell sieht sie sich einem Zwischenzustand gegenüber, den sie als Atempause oder als umfassenden Schwellenmoment begreifen kann. Von der Philosophie kann sie lernen, aus der Verletzlichkeit, dem Nicht-Wissen, dem Abgeben von Kontrolle, aus einer Endlichkeits-Vertrautheit heraus die Welt zu gestalten; sprich: die Errungenschaften der Moderne mit einem postmodernen Bewusstsein zu veredeln.

Schwaches Denken – pensiero debole

Geistesgeschichtlich stehen wir dank Corona an einem Wendepunkt: Die auf Wachstum, Quantität und materialistische Exzesse ausgerichtete globalisierte Welt hat die Kurve der Ausbeutung, der Extreme und der Krisen in die Höhe schnellen lassen. Diese Sehnsüchte der Moderne könnte man als ein Streben nach „Stärke“ interpretieren.

Der italienische Gegenwartsphilosoph Gianni Vattimo hat mit dem „schwachen Denken“, il pensiero debole, ein postmodernes Denken etabliert, das im Interesse der Schwachen und der Schwäche überhaupt auftritt.[1] Die herkömmliche westliche Weltsicht versteht Vattimo als Versuch, stets „stark“ zu denken und den Fokus insgesamt auf „Stärke“ zu richten. Damit ist gemeint, mit dem Anspruch auf Letztgültigkeit und Verallgemeinerung aufzutreten und einer unorganischen Phantasie grenzenlosen Wachstums nachzuhängen. Es wird die absolute Wahrheit gesucht, eine unvergleichliche Erfolgsstory für das eigene Leben erwartet, und zu „starken Männern“, Stars und extremen Performern aufgeschaut. Schwach zu sein ist dabei nicht erwünscht und führt zu Stigmatisierung und Exkommunikation. Ein Denken der Schwäche, welches das Nicht-Wissen, die eigene Blindheit, die Schwachen und Unterprivilegierten der Gesellschaft mit in den Blick rückt, setzt sich dem radikal entgegen.

In Zeiten von Corona gibt es erfreulicherweise eine Hochkonjunktur des schwachen Denkens, vor allem nach seiner sozialethischen Seite hin: Es ist mir nicht bekannt, dass sich je zuvor eine ganze Gesellschaft zum Wohle und Schutze der Alten, Kranken und Schwachen in einem derartigen Ausmaß selbst beschieden hätte. Der darin enthaltene altruistische Augenaufschlag ist eine große Chance für die soziale Zukunft der Menschen inmitten der sonst so fragmentierten und beziehungslosen Spätmoderne. Wahre Größe und Stärke würde natürlich auch ein ökonomisches Umdenken im Hinblick auf die Schwachen und Geschwächten erfordern: Die Bezahlung von Pflegekräften, Care-Arbeiter*innen oder Künstler*innen wird wohl aber schwächlich bleiben, von einer ökonomischen Gerechtigkeit gegenüber Erdteilen mit geschwächtem Wirtschafts- und Gesundheitssystem ganz zu schweigen. Die Berufung auf Werte der Nächstenliebe und Solidarität mit den Alten, Kranken und Schwachen strahlt dennoch ein erfreuliches Maß an Herzlichkeit, ja Barmherzigkeit aus. In der bewussten Überwindung von Eindeutigkeit, Kontrolle und Beziehungslosigkeit läge demnach das Potenzial einer wahren Stärke, die nur durch ein Umarmen der „Schwäche“ zu haben ist.

Wissenschaft von der Krise als Krise der Wissenschaften

Aber nicht nur unsere soziale Zukunft, auch unser Bewusstsein, unser Denken, stehen momentan vor der Herausforderung, ihre eigene Schwäche als Stärke zu realisieren. In der Corona-Krise rückt nämlich die Wissenschaft in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit – und mit ihr die Wissenschaftsskepsis. Das Resultat sind eine Konkurrenz der Deutungshoheit, Urteilsunfähigkeit und drohende Lähmungserscheinungen.

Die Frage, was Wahrheit sei, ist in den letzten Jahrhunderten vor allem an die Naturwissenschaften abgegeben worden. Gerade jetzt erleben wir die Situation, dass die Naturwissenschaften, namentlich die Virologie, im Zentrum des öffentlichen Interesses stehen. Politiker*innen und Medien greifen unbändig auf die Expertise der Virologen zurück, wenn es um politische Entscheidungen und deren Begründungen geht. Die Wissenschaft hat es also geschafft: Sie hat in gewissem Sinne Macht über die Politik erlangt. Platons Ideal des Gelehrten als „Philosophenkönig“ des Staats ist in Person des Virologen Wirklichkeit geworden. Zwar beklagte sich der wohl prominenteste Virologe der Krise, Professor Christian Drosten, darüber, dass ihm als wertfreiem und neutralem Wissenschaftler quasi politische Macht zugesprochen würde, was allerdings reichlich naiv wirkt. „Wissen ist Macht“ gilt in einer hochspezialisierten, spätmodernen Gesellschaft umso mehr und der Transfer seiner virologischen Expertise in politische Maßnahmen ist kein aus dem Nichts kommender Schritt, denn gerade Drostens Position hat qua prominenter Stellung im Diskurs eine unmittelbar politische Wirkung. Es findet ein Übersprung der wissenschaftlichen Qualität zu politischen Entscheidungen statt, der die politische Natur von Wissenschaft im Grundsatz nur allzu deutlich werden lässt. Man kann als Wissenschaftler gar nicht anders, als bestimmte Phänomenbereiche auszuklammern, ein bestimmtes Paradigma zugrunde legen und einen bestimmten Adressatenkreis anzusprechen. Das Wissen selbst ist so immer mit der Lebenswelt verbunden, und kann sich dann erst recht nicht gegen seine „Instrumentalisierung“ sträuben, wenn es als neutrales Erkenntnis-Instrument verstanden wird. Wer sich als wandelndes Instrument begreift, muss auch damit rechnen, besonders von denjenigen gespielt zu werden, in deren Nähe er oder sie sich bewegt.

Die vermeintlich objektiven und wertfreien, anerkannten Virolog*innen, die meist im Modus des „starken Denkens“ auftreten, bekommen in der Corona Krise ungebetenen diskursiven Besuch von alternativen Ärzt*innen und Wissenschaftler*innen, die ihren Deutungen und Handlungsempfehlungen widersprechen. Sofern diese auch mit seriösen Methoden arbeiten und nicht bloße Verschwörungstheorien verbreiten, könnte dieser Umstand eigentlich als ein Fest der Wissenschaft gefeiert werden, ja erst als Wissenschaft im eigentlichen Sinne: Es gibt verschiedene Deutungen, die in einen Wettstreit um die überzeugendste von ihnen treten.

So aber stellt sich die Lage leider nicht dar: Es findet Lagerbildung und auch Diffamierung statt. Schon wer alternative Experten wie etwa den Lungenfacharzt Dr. Wolfgang Wodarg und zahlreiche andere überhaupt ernsthaft konsultiert, wird zum Verschwörungstheoretiker und potenziellen Seniorentöter erklärt. Ich muss das als zweifelhaften Einschüchterungsversuch moderner Weltanschauung gegen postmoderne Zustände interpretieren. Moderne Ansprüche an Wissenschaft und Erkenntnis sind uneinholbar obsolet geworden: Das Ideal der Objektivität von Wissenschaft, uneingeschränkte Expertengläubigkeit, die Möglichkeit einer ewig geltenden „Normalwissenschaft“ (Thomas Kuhn), die vorgeben kann, was als wahr gilt, lassen sich im Zeitalter von globaler, hypertexueller, medialer Vernetzung und einer Auflösung klassischer Gewissheiten in allen Lebensbereichen nicht mehr durchhalten – diese Schwächung des Denkens ist nicht zu leugnen. Die Pluralität der Deutungen, die Interessengeleitetheit jeder Tatsachenbekundung und generell die Möglichkeit, dass alles auch anders sein könnte, sind zu einem Gebot der Dekade geworden. Die Corona Krise zeigt dies ganz deutlich, nur leider noch in verkehrter Form: Jeder hat die Möglichkeit, „seinen“ Virologen ins Feld zu führen, die Lager polarisieren sich, anything goes – Vulgärpostmoderne. Die Krise der Wissenschaft bei gleichzeitiger Hochkonjunktur der Wissenschaft wird in der Corona Krise deutlicher denn je. Sie muss einen Sprung vollziehen: von einer modernen, objektive Tatsachen postulierenden Wissenschaft zu einer postmodernen, die Vielfalt der Paradigmen und Deutungen im Wettstreit aushandelnden Wissenschaft – und zwar so, dass gleichzeitig Schnelligkeit und ein möglichst fundiertes Urteil möglich bleiben. Sonst spielen sich die im Hintergrund dieser Wissensauffassungen rumorenden Ahnen in den Vordergrund und Regression hält Einzug: Von Emotion, Mythos und Angst geleitete „Wahrheiten“ und von ihnen abgeleitete Entscheidungen über das Coronavirus und Folgeerscheinungen wären ein schlechter Berater. Wenn zwei sich schlecht streiten, freut sich der Dritte: Drosten, Wodarg, Trump.

Dank Kairos zum Inter-Sein

Am Horizont dämmern bereits einige philosophische Möglichkeitsfenster. Um bald wieder langfristig planen zu können, sind wir jetzt dazu angehalten, in den Tag hinein zu leben, können wir nur kurze Zeiträume von wenigen Tagen oder Wochen überblicken. Im zeitlichen Bereich bedeutet das eine Verschiebung von Chronos hin zu Kairos. Chronos – das ist die linear verlaufende Zeit, Kairos dagegen meint die herausgehobene Entscheidungszeit. Könnte man argumentieren, dass unser Alltag ante Virus ein pathologisches Übergewicht von gestundeter, messbarer Zeit aufwies, ist jetzt das genaue Gegenteil zu beobachten. Im Zeitmodus des Kairos kommt es darauf an, Gelegenheiten beim Schopf zu packen und sich offen und bereit zu machen, einmalige Momente von besonderer Qualität anzuziehen und sie überhaupt erst als solche wahrzunehmen. Ist es also ein Wink, dass die Friseursalons geschlossen sind, und so die Schöpfe der Republik sprießen können? Auf individueller Ebene, in Unternehmen und Organisationen wie auch gesamtgesellschaftlich tut eine Kairos-Kompetenz zurzeit allen gut. Die von Unverfügbarkeit, Offenheit, Demut und Verbundenheit mit der Umgebung geprägte Kairos-Tugend haben wir gesamtgesellschaftlich wohl noch nie in diesem Maße geübt. Jetzt haben wir einen häufig mit Ruhe und Muße einhergehenden Lockdown: Im individuellen Bereich und auch im Umfeld von Organisationen kennen wir das in gewissen Maßen von Yoga-Retreats, Fastenzeiten, Achtsamkeitstrainings oder Sabbaticals. Dies jetzt einmal als Gesamtgesellschaft anzunehmen und daraus zu lernen, ist eine ganz wesentliche und potenzialreiche Erscheinung dieser Zeit.

Im Raum ist es ähnlich: Weil eine globale Pandemie droht, müssen wir derzeit mit unseren Liebsten in nächster Nähe vorliebnehmen. Wir können das uns Nahe, unsere Umgebung neu erwandern, unser Zimmer neugestalten. Mit Walter Benjamin könnten wir sagen, es kommt dieser Tage darauf an, mehr zum Flaneur zu werden und weniger zu quasi viral-mobilen Jetsettern. Wer jetzt die räumlichen und zeitlichen Möglichkeiten der Stunde ergreift, wird nicht nur eine angenehme Krise erleben, sondern auch etwas über das gute Leben lernen und in den wahrscheinlich wiederkehrenden Alltag integrieren können.

Wir sollten die Zeit der Schwelle nutzen, um in neue Räume der Entwicklung einzutreten. Mit dem amerikanischen Autor Charles Eisenstein gesprochen täten wir gut daran, auch nach dem Passieren der Schwelle das Zwischen mehr zu schätzen, uns bewusst und voller Emphase in unser Inter-Sein zu schmiegen. Gegenüber dem auf Trennung basierenden Weltbild der Moderne betont Eisenstein die Verbundenheit alles Lebendigen, der Kultur mit der Natur, der Menschen untereinander, der Wissenschaft und der Politik. Aber auch die Zwischenräume und Unbestimmtheiten, für die ein schwaches Denken sensibilisiert. Wir können nicht alles wissen, aber wir können auch nicht mehr leugnen, dass wir durchaus in der Lage wären, innerhalb kürzester Zeit die ganze Gesellschaft umzustrukturieren zum Wohle des Ganzen. Noch grundlegender: Corona zeigt, dass wir auf eine fundamentale Weise alle miteinander verbunden sind, dass Arme und Reiche doch eine Welt teilen, und ihre Körper füreinander anfällig und gefällig sind. Auch diese Lektion ist ganz im Sinne des Inter-Seins. Soziale Annäherung, eine Allianz von Mensch und Umwelt und das Potenzial von Muße und Hingabe erwachen aus ihrem Schlummer und dämmern mittlerweile hoffentlich nicht mehr nur den Eulen. Diese einmalige globale Gelegenheit macht Liebe und sollte beim Schopf gepackt werden. ///

Ein Text aus der Maiausgabe der Zeitschrift info3. Das Themenheft zur Coronakrise ist hier für 6,80 Euro erhältlich.

Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin und an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. Nach seinem Studium „Ethik und Organisation“ an der Universität Witten/Herdecke arbeitet er als Berater und Projektmanager, unter anderem für das Kongress-Festival „Soziale Zukunft 2021“ und das Orientierungssemester für junge Menschen „Bachelor of Being“ im Lebensgut Pommritz, Sachsen. Außerdem promoviert er an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg über Neue Mobilität im Lichte Walter Benjamins.


[1] Vattimo, G., & Engelmann, P. (2018). Jenseits vom Subjekt: Nietzsche, Heidegger und die Hermeneutik. Wien: Passagen Verlag.

Über den Autor / die Autorin

Redaktion Info3

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