Frau Holle – Begegnungen mit einer Göttin

Frau Holle-Statue am Hohen Meißner. Foto: Thomas Höffgen

Jedes Kind weiß, dass Frau Holle eine alte Göttin ist, die unterirdisch in einem Brunnen und zugleich über den Wolken auf einer grünen Wiese lebt – aber nicht jeder Erwachsene kann sich daran noch erinnern. Feldforschung am Frau-Holle-Teich am Hohen Meißner.

Von Thomas Höffgen

Weltbekannt ist das Märchen von Frau Holle. Weniger bekannt sind viele Sagen, die von ihr handeln. Zum Beispiel die, dass ein kleiner Bergsee in Nordhessen ihr Zuhause sei, der Holle-Teich auf dem Hohen Meißner: „Bald zeigt sie sich als eine schöne weiße Frau in oder auf der Mitte des Teichs, bald ist sie unsichtbar und man hört bloß aus der Tiefe ein Glockengeläut und finsteres Rauschen“, heißt es in den Deutschen Sagen der Gebrüder Grimm. Jacob und Wilhelm Grimm besuchten den Frau-Holle-Teich im frühen 19. Jahrhundert, erkundeten die Gegend und sammelten die Erzählungen der Einheimischen. Schnell waren sich die Germanisten einig: „Berg und Moore in der ganzen Umgegend sind voll von Geistern.“

Rund 200 Jahre später stattete auch ich dem Holle-Teich einen Besuch ab, um Feldforschung zu betreiben und um zu überprüfen, ob die Gegend tatsächlich voll von Geistern ist, ja im besten Fall, um einen Blick auf jene holde Göttin zu erhaschen. Ich setzte mich ans Ufer unter einen herrlichen Holunder und betrachtete den See im Sonnenuntergang. Heute ist der Teich fast vollständig von Rohrkolben umgeben, das Wasser ist sumpfig und tiefschwarz. Ein großer Teil der Oberfläche ist von Seerosen bedeckt. Libellen aller Couleur tanzen nymphengleich über das Gewässer. Eine Holzskulptur, die am südlichen Waldrand des Sees steht und Frau Holle darstellt, erinnert an die altheidnischen Pfahlgötter, welche die Germanen in ihren Mooren aufzustellen pflegten. Im Volksmund heißt es, dass dieser See unendlich tief und ein Eingang in die Anderswelt sei. Tatsächlich strömt am Grund des Teichs der neun Grad kalte Godesborn, auch „Hollequelle“ genannt.

Als die Nacht hereinbrach, war alles seelenruhig, sternenklar der Himmel. Nur aus dem dunklen Wald ertönte immerzu derselbe Ruf: „Kywitt! Kywitt!“ – „Komm mit! Komm mit!“. Ich wusste wohl, dass es sich – rein biologisch betrachtet – um den Ruf des weiblichen Waldkauzes handelt. Aber in meiner Vorstellung verband sich dieser Laut mit allerlei Naturmagischem: Volkstümlich gilt die Eule ja als Todesbote, aber auch als Tier der Weisheit. Nach altem Glauben offenbaren sich in diesem Nachtvogel Naturgeister und Götter: „Waldgeister und andere Dämonen stecken in ihr“, lesen wir im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Und tatsächlich steht die Eule in besonderer Beziehung zu Frau Holle, die in mittelalterlichen Quellen auch striga holda genannt wird, das heißt wörtlich „Eulen-Holda“ oder auch „Hexen-Holda“, die schon Burchard von Worms um 1000 erwähnte. Ja, ich muss gestehen, in dieser wundersamen Nacht, an diesem locus amoenus,fühlte ich mich durchaus in eine Zeit versetzt, die einmal war, und als Opfergabe an die Gott-Natur versenkte ich ein kleines Silberamulett im See.

Frau Holle-Forschung

Dabei entsprachen meine nächtlichen Erlebnisse keineswegs dem Forschungsstand, der vielmehr davon ausgeht, dass Frau Holle eine literarische Erfindung der Gebrüder Grimm sei. Tatsächlich handelt es sich bei der These, dass die volkstümlichen Märchen und Figuren Erfindungen sind und mitnichten ins hohe Altertum zurückreichen, um die vorherrschende Lehrmeinung: Die meisten modernen Akademiker verordnen den Ursprung und die Herkunft der europäischen Volksdichtung in die Frühmoderne und tun sie ab als eine Fiktion romantischer Gelehrter, als Kunstpoesie, nicht Volkspoesie. So wird etwa in Pöge-Alders Standardwerk Märchenforschung die Vorstellung einer langen Überlieferungstradition von Märchen rigoros als „obsolet“ verworfen. Und in Uthers Handbuch zu den Kinder- und Hausmärchen heißt es explizit über Frau Holle: „Ältere Auffassungen, dass die Figur prototypisch in prähistorischer Zeit und germanischer Vorzeit ausgebildet sei und dass es sich bei Frau Holle um eine Vegetationsdämonin handele, einem Wesen der niederen Mythologie, werden heute ins Reich der Spekulationen verwiesen.“

Das Merkwürdige an diesem sogenannten Forschungsstand ist – dass er falsch ist. Das mag sich großspurig anhören. Neuere und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse belegen aber, dass sich vielerlei Folklore, Volksmärchen und Sagenfiguren tatsächlich auf prähistorische, germanische oder indogermanische Göttergeschichten zurückführen lassen.

Zuerst genannt sei eine gemeinsame Studie der Völkerkundlerin Sara Graça da Silva von der New University of Lisboa, Portugal, und der Anthropologin Jamshid J. Tehrani von der Durham University, England: Comparative phylogenetic analyses uncover the ancient roots of Indo-European folk ltales. Darin werden die bekannten Volksmärchen mit Methoden untersucht, die eigentlich in der Naturwissenschaft zur Erfassung phylogenetischer Abstammungslinien von Lebewesen angewendet werden. Das erstaunliche Ergebnis ist, dass einige der bekanntesten Märchen sogar noch viel älter sind, als von den Gebrüdern Grimm angenommen wurde. Manche wurden bereits in protoindoeuropäischer Ursprache überliefert, also noch bevor die einzelnen indoeuropäischen Sprachfamilien wie Germanisch oder Romanisch überhaupt entstanden sind. Oder in Zahlen ausgedrückt: Einige der Märchen sind nachweisbar 6000 Jahre alt!

Göttin Holle

Seit längerem gibt es in der populären Literatur Bestrebungen, Frau Holle als eine Art paläolithische „Urgöttin“ beziehungsweise als „große Göttin“ oder „Muttergöttin“ darzustellen; und dieser Ansatz macht auch durchaus Sinn, man denke nur an die 40 000 Jahre alten Venus-Figuren, die sich womöglich mit Frau Holle in Verbindung bringen lassen. So heißt es zum Beispiel in Heide Göttner-Abendroths Buch Frau Holle: „Wie bei allen diesen großen Muttergöttinnen reicht ihre umfassende Gestalt bis in die matriarchale Epoche Europas zurück, die Jungsteinzeit, worauf einzelne ihrer Mythen mit sehr archaischen Zügen hinweisen.“ Das Problem ist allerdings, dass sich viele dieser Behauptungen schlichtweg nicht belegen lassen.

Trotzdem wissen wir heutzutage weitaus mehr über Frau Holle, als es die moderne Märchenforschung zugibt. Besondere Beachtung verdient eine Untersuchung mit dem Titel Frau Holle, Frau Percht und verwandte Gestalten. 160 Jahre nach Jacob Grimm aus germanistischer Sicht betrachtet der emeritierten Germanistikprofessorin Erika Timm: „In jahrelanger Kleinarbeit“, heißt es da im Vorwort, „rang ich mich zu der damals sehr unmodernen Einsicht durch, dass Grimm recht gehabt hatte und der Hauptstrang der späteren Forschung ein kleinmütiger Irrweg war.“ In ihrer großangelegten Analyse gelangt Timm zu der Gewissheit, dass es sich bei Frau Holle wirklich um eine alte Göttin der Germanen handelt, und zwar um keine Geringere als die Gemahlin des Göttervaters Odin-Wotan, die Göttermutter, die im Norden den Namen Frigg trägt, im kontinentalgermanischen Raum aber – je nach Mundart – Frau Percht beziehungsweise Bertha heißt, Herke oder Erce genannt wird, auf den Namen Frau Gode oder Frau Wode hört, beziehungsweise als Frau Holle oder Holda bekannt ist.

Einstmals brachten auf dem Hohen Meißner wohl die germanischen Chatten („Hessen“) ihrer holden Göttin heidnische Opfer dar, wie archäologische Funde von Goldmünzen aus dem ersten nachchristlichen Jahrhundert nahelegen. Timm interpretiert den Holle-Teich schon aufgrund seiner exponierten geographischen Position als alten Kultplatz der Germanen: „Nirgends kamen in diesem Lande die ‚Wasser der Tiefe‘ dem Himmel so nahe wie auf der Oberfläche dieses kleinen Teiches. Wir erinnern uns hier natürlich zuerst an die räumlichen Dimensionen von Grimms Frau-Holle-Märchen, das ja in Sichtweite des Meißners aufgezeichnet wurde, an Holles Unter-Wasser- und In-den-Wolken-Reich.“

Holles Verbindung mit den drei Welten (Unterwelt, Oberwelt, Menschenwelt) lässt außerdem auf eine mögliche Funktion als germanische Schamanengöttin schließen und macht das Märchen als ekstatischen Initiationsritus lesbar, bei dem sich die Einzuweihenden durch den Brunnen (axis mundi) auf eine geistig-seelische Jenseitsreise begeben (bekanntermaßen ist Frau Holles Gatte Wotan der germanische Schamanengott). Neben der literarischen Überlieferung gibt es bis in die Gegenwart gewisse Volksbräuche im Umfeld der Frau Holle, die stark archaisches Gepräge tragen und sich mit dem Schamanentum in Verbindung bringen lassen. Zum Beispiel ziehen ja in Süddeutschland beim sogenannten Perchtenlauf (Hollelauf) wilde Männer und Weiber umher, um die Wintergeister zu vertreiben und den Frühling anzulocken: Ihre animalischen Verkleidungen mit Fell und Hörnern erinnern durchaus an steinzeitliche Höhlenmalereien von Schamanen, die sich in Tierhäute gehüllt haben und kultische Tänze zur Anrufung der numinosen Tiermutter aufführen.

Grimm nennt Holle gleichsam eine alte Zauber- und Hexengöttin und weist darauf hin, „dass Hexen in Hollas Gesellschaft fahren, schon Burchard wusste es, und noch ist Hollefahren, mit der Holle fahren in Oberhessen und im Westerwald gleichbedeutend mit Hexenfahrt“ (Deutsche Mythologie). Frau Holle führt die wilde Jagd an, die in der Walpurgisnacht durch die Wälder auf die Berge braust (auch der Hohe Meißner ist ein Blocksberg). Aber sie ist eine gütige Göttin und schickt ihren getreuen Eckart vor, der „warnte die begegneten Leute, aus dem Wege zu weichen, dass ihnen kein Leid widerfahre“ (Deutsche Sagen 7). Erst in christlicher Zeit wandelte Holle sich zum bösen Nachtgespenst – zur Unholda – und wurde zu des Teufels Großmutter umgedeutet.

Und sie hatten doch Recht

Natürlich musste ich bei meinem nächtlichen Erlebnis am Frau-Holle-Teich auch an das Märchen vom Machandelboom denken, in dem der Ruf des Waldkauzes – „Kywitt! Kywitt!“ – im Lied des Seelenvogels vorkommt. Der erste Satz des Märchens aber lautet: „Dat is nu all lang her, woll twee dusend Joor.“ Mittlerweile lässt sich dieser Satz nicht länger als poetische Fiktion abtun, sondern steht als wissenschaftliches Faktum fest, allenfalls verbunden mit dem Hinweis, dass manche Mären sogar „dree, veer, fiev odder sogaar sos dusend Johr“ alt sind.

Die Gebrüder Grimm waren sich schon damals sicher, dass die Volksmärchen und -sagen von Frau Holle, die sie gesammelt, nicht geschrieben haben, bis in mythische Vorzeiten zurückreichen. So heißt es im Vorwort zu ihren Kinder- und Hausmärchen: „Gemeinsam allen Märchen sind die Überreste eines in die älteste Zeit hinaufreichenden Glaubens, der sich in bildlicher Auffassung übersinnlicher Dinge ausspricht. Dies Mythische gleicht kleinen Stückchen eines zersprungenen Edelsteines, die auf dem von Gras und Blumen bewachsenen Boden zerstreut liegen und nur von dem schärfer blickenden Auge entdeckt werden. Die Bedeutung davon ist längst verloren, aber sie wird noch empfunden und gibt dem Märchen seinen Gehalt, während es zugleich die natürliche Lust an dem Wunderbaren befriedigt; niemals sind sie bloßes Farbenspiel inhaltloser Phantasie. Das Mythische dehnt sich aus je weiter wir zurückgehen, ja es scheint den einzigen Inhalt der ältesten Dichtung ausgemacht zu haben“.

Heute, rund 200 Jahre später, weiß man, dass die Brüder Grimm Recht hatten! ///

Dieser Text erschien in der Maiausgabe 2022 der Zeitschrift info3 zum Thema „Landschaft neu erleben“. Hier das Einzelheft bestellen.

Dr. phil. Thomas Höffgen, Philologe und Volkskundler, ist Autor mehrerer Bücher, unter anderem: Volkspoesie. Von grimmschen Märchen, germanischen Mythen und den Gesängen der Naturvölker (2019) und Schamanismus bei den Germanen. Götter, Menschen, Tiere, Pflanzen (2021).

Zur Autorenseite von Thomas Höffgen

Youtube Video mit Thomas Höffgen über das Erleben des Waldes

Über den Autor / die Autorin

Gastautor