Globale Assoziationen bilden!

Foto: Hannah Busing/unsplash

Gerade wenn es um die Veränderung des ganzen Gesellschaftssystems geht, müssen viele Akteure gut zusammenwirken. Tiefgehende Kooperationen, auch Assoziationen genannt, können dabei helfen. Die World Goetheanum Association erprobt seit drei Jahren den Aufbau eines solchen Wirkungsnetzes.

Jeder Mensch, der ein Gefühl für Statistik hat, weiß, wie unermesslich die Welt ist. Was in Deutschland passiert, hat, global gesehen, kaum einen Effekt, und doch ist es so wichtig, sich für eine nachhaltige und soziale Welt einzusetzen – ein Missverhältnis, das quälender nicht sein könnte. Um diesem Missstand wenigstens etwas auf den Leib zu rücken, kann man sich mit anderen Menschen zusammentun und gemeinsam versuchen, größere Wirkungskreise zu ziehen.

Die World Goetheanum Association ist genau aus diesem Geist 2018 gegründet worden und hat sich nun zum vierten Mal in Dornach getroffen. Der Zusammenschluss zählt mittlerweile um die 180 Initiativen und Unternehmen, die vornehmlich, aber nicht ausschließlich, aus dem anthroposophischen Spektrum kommen. Inhaltlich geht es um eine globale Verbundenheit, die in praktisch-tätiger gemeinsamer Arbeit neue Kräfte für eine nachhaltige und menschengemäße Welt fördern soll. In der Schreinerei des Goetheanums trafen sich nun Vertreter:innen der Organisationen zum „World Goetheanum Forum“, um inhaltlich und administrativ zu arbeiten. Verena Wahl schildert ihre Eindrücke: „In der Gründungsphase war die World Goetheanum Association noch mehr auf die Zukunft hin orientiert, jetzt scheint sie mir im Jetzt angekommen zu sein.“ Es gelte, an konkreten Fragestellungen zu arbeiten, dabei immer dem Leitsatz folgend: „Was können wir gemeinsam noch besser als als Einzelne?“ Klar: Begegnung, inspirierende Vorträge, Netzwerken, Geschäfte machen, gutes Essen, die erhabene Silhouette des Goetheanums vor der Tür – das alles gehört zu den Treffen dieser Gruppe. Aber welche Idee verbindet die Akteure eigentlich und was macht sie überhaupt zu einer Assoziation?

Assoziation als Kooperation 2.0

In anthroposophischen Kontexten hört man immer wieder von Assoziationen und assoziativem Wirtschaften – aber was ist damit überhaupt gemeint? Für Rudolf Steiner, der in Vorträgen und Schriften oft von assoziativem Wirtschaften gesprochen hat, waren Assoziationen freie Zusammenschlüsse von Produzent:innen, Händler:innen und Konsumierenden, die durch Kooperation miteinander das Wirtschaftsleben in Gang halten. Das ist verbundener und sichtbarer als das Wirken der unsichtbaren Hand des sogenannten freien Marktes. Im Mittelalter, so Steiner, habe es instinktive Assoziationen gegeben, wo die Menschen von Dorf zu Dorf wirtschaftlich verbunden waren und auf gegenseitige Unterstützung durch Herstellen, Handeln und Kaufen hoffen konnten. Jetzt stünde an, daraus einen bewussten und gut gegriffenen Prozess zu machen. Aber wie kann das gehen – und ist sich zu assoziieren nicht einfach dasselbe wie zusammenarbeiten?

Kooperation oder Zusammenarbeit kann auch in einer reinen Um-zu-Logik passieren und technisch-äußerlich bleiben. Assoziation hingegen ist eine tiefe und von Verbundenheit mit dem Ganzen geprägte Kooperation. Sie ist auf ein Ideal ausgerichtet, an dem die Beteiligten zusammen arbeiten. Beides muss in einer zeitgemäßen Assoziation zusammenkommen: Reine wirtschaftliche Verbindung reicht nicht, aber nur im Geiste seelenverwandt zu sein ebenso wenig. Die praktische Arbeit am Ideal im Miteinander, die sich in Produkten niederschlägt, ist assoziativ. Sofern sie eine rechtlich transparente Kultur im Miteinander pflegt, geistig ausgerichtet ist, und wirtschaftlich in Erscheinung tritt, sind alle Sphären der sozialen Dreigliederung in ihr versöhnt. So gesehen, schlage ich ein Verständnis von Assoziation vor, das nicht allein im Wirtschaftsleben verankert ist. Um den Zauber von Assoziationen zu verstehen, ist es wichtig, ihre Wirkungsweise zu verstehen. Assoziationen sind nicht organisierbar im Sinne von herstellbar, sie entstehen aus freiem Zusammenwirken der einzelnen Akteure und dessen atmosphärischer Ausstrahlung, die auf alle Beteiligten zurückwirkt. Sie entstehen spontan, sie kommen in einem Moment der schöpferischen Offenheit zustande und werden nicht geplant. Assoziationen haben eine bestimmte Größe: Sie sollten für ihren Zweck nicht zu klein und nicht zu groß sein, da sie sonst ineffizient oder unüberschaubar werden.

Eines der schönsten Merkmale einer Assoziation ist wohl: Je assoziierter zwei Parteien sind, umso unabhängiger werden sie voneinander. Gleichzeitig werden sie verbundener. Die Freiheit der Einzelnen wird nicht nur gewahrt, sondern potenziert. Zum Beispiel kann ein Unternehmen in Europa seine Rohstofflieferanten aus anderen Kontinenten proaktiv mit weiteren potenziellen Kunden in Europa zusammenbringen, um so dem Lieferanten zu helfen, unabhängiger zu werden. Konkret hilft beispielsweise das niederländische Pflegeunternehmen Buurtzorg direkten Konkurrenten durch Beratung weiter. Außerdem kann beobachtet werden: Je weitschweifender die Assoziation ist, umso abstrakter wird das Assoziierende. Das Assoziierende einer Camphill-Einrichtung kann, symbolisch verdichtet, das gemeinsame Essen sein. Das Verbindende der World Goetheanum Association ist eher ein kontextübergreifendes Ideal von globaler Verbundenheit und Einsatz für ein zukunftsfähiges Welt- und Menschenbild.

Eine untypische Assoziation

Die World Goetheanum Association ist in diesem Sinne eine merkwürdige Angelegenheit: Weder produzieren alle Beteiligten zusammen ein Produkt, noch passen ihre Branchen alle zusammen oder sind ausschließlich Wirtschafts-Akteure vertreten. Was assoziiert also die Mitglieder? Mein Antwortversuch: Sie verbindet ein entwicklungsbasiertes, dialogisches und ökologisches Welt- und Menschenbild, das in konkreten Produkten ästhetisch-ökonomisch in Erscheinung tritt und die Anthroposophie als Inspirationsquelle hat. Das könnte zumindest das Ideal sein, um das sie sich in ihrer praktischen Tätigkeit scharen und in dessen Dienst sie stehen und sich jährlich treffen.

Ganz konkret wird bis in die späten Abendstunden gedacht, konferiert und erste eigene Projektideen entworfen. Holger Wilms vom Anthropoi Bundesverband stößt im Plenum auf breite Zustimmung mit seiner Beobachtung: „Der Planet erhitzt sich, das Soziale erkaltet. Wir können beidem entgegenwirken.“ Es dauert nicht lange, bis World-Goetheanum-Association-Geschäftsführer Andrea Valdinoci einen spontanen Aufruf startet, ob sich nicht zehn Unternehmen im Saal finden ließen, die zusagen könnten, bis 2030 klimaneutral zu sein. Als die ersten sich erheben, kehrt eine entschlossene Stimmung ein. Aber auch gegen die soziale Kälte wurde etwas unternommen. Die Initiative Beherzt Unternehmen hat ein Forschungsprojekt gestartet und im Workshop zum Thema Verletzlichkeit viele Herzen erreichen können. Zu drängenden Fragen, wie Unternehmen mit der drohenden Ausgrenzung Ungeimpfter umgehen sollen, fand eine bereichernde Runde statt, an deren Ende die Gründung einer „Task Force“ dazu stand.

Übergänge und Lösungsschmerz

Das Forum trug den Titel „Übergänge“, wobei besonders der Übergang von der Pioniergeneration eines Unternehmens zu seinen Nachfolgern im Fokus stand. Herbert Dreiseitl, Landschaftsarchitekt und Gründer von Atelier Dreiseitl, sprach davon, wie zentral es für Gründer:innen sei, den „Lösungsschmerz auszuhalten“. Irene Reifenhäuser, ihrerseits Unternehmensberaterin mit Geschäftsführungserfahrung, fand für eine gelungene Unternehmensübergabe das Bild eines Tanzes von Pionieren und Nachfolgern. Ein rituelles Abschiednehmen der alten Geschäftsführung könne zudem hilfreich sein. Aber die Frage bleibt brisant: „Wenn der Gründer geht, vibrieren die Erinnerungszellen“, mahnt Irene Reifenhäuser zum Ende ihres Workshops.

Übergänge geographischer Art spielten auch eine Rolle, spätestens als im großen Plenum auch Mitglieder-Organisationen aus der ganzen Welt zugeschaltet wurden. Aus China, Indien und vielen anderen Ländern gesellten sich Menschen zum Forum dazu und erlebten am Bildschirm neben Vorträgen auch die eurythmischen Übungen Stefan Haslers mit, mit denen er die ganze Gruppe in Bewegung hielt. Fast poetisch sagte Ueli Hurter, Leiter der Landwirtschaftlichen Sektion am Goetheanum zum Motto der Tagung: „Ein Übergang ist etwas, was in der Zukunft schon da ist, aber noch nicht zur Erscheinung gekommen ist.“ In diesem Sinne äußert sich auch Mathias Forster von der Biostiftung Schweiz zum noch jungen Wesen der World Goetheanum Association, das weiter in Bewegung bleiben wird, um vielleicht wirklich einmal eine global umspannende Bewegung zu werden: „Ich wünsche uns, dass wir Mut, Kraft und Wachheit genug haben, dasjenige, was die World Goetheanum Association ist, solange offen zu halten, bis sie aus sich selbst heraus zeigt, was sie werden will.“ ///

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Ein Text aus der Ausgabe November 2021 der Zeitschrift info3.

Über den Autor / die Autorin

Alexander Capistran

Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin und an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues und an der Universität Witten/Herdecke. Er arbeitet schwerpunktmäßig bei dem Unternehmen "Sonett", lebt am Bodensee und promoviert an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. Seit Januar 2021 ist er Mitarbeiter in der info3-Redaktion.