„Materialien sind nur ausgeliehen“

Architekt Thomas Rau / Foto: Jeanette Schuffelen

Baustoffe werden weltweit knapp. Schon länger plädiert der Architekt Thomas Rau für einen anderen Umgang mit Rohstoffen: Material muss in einer begrenzten Welt als etwas betrachtet werden, das nur vorübergehend genutzt wird und dann wieder dem Kreislauf der Dinge übergeben wird. Info3 sprach mit ihm über seine revolutionäre Idee.

Herr Rau, Ihr Buch Material Matters, das Sie zusammen mit Ihrer Frau Sabine Oberhuber geschrieben haben, kam 2016 in den Niederlanden heraus und wurde seither vielfach übersetzt. Eine Ihrer Kernaussagen lautet: „Unser Energieproblem ist inzwischen endlich, dagegen ist unser Rohstoffproblem unendlich. Aber auch das muss einen endlichen Charakter bekommen.“ Sie wollen dem ein vollkommen anderes Denken über Nutzung, Besitz und Verantwortung entgegenstellen. Wie sieht das aus?

Da muss ich grundsätzlicher werden. Wir leben auf dem Planeten Erde als Gäste, niemand, auch Sie und ich nicht, werden diesen Planeten lebend verlassen, das steht schon mal fest. Und eine der Hausregeln dieses Planeten besteht darin, dass er ein geschlossenes System ist. Darin ist alles gleich wichtig, es gibt nichts Unwichtiges, denn sonst wäre es nicht Teil des geschlossenen Systems. Die Tatsache, dass wir Gäste sind bedeutet, dass unser Sein zeitlich ist, alles Sein ist zeitlich. Das impliziert auch, dass alle Bedürfnisse von zeitlicher, vergänglicher Art sind und alles, was wir zur Befriedigung der Bedürfnisse produzieren, einen zeitlichen Charakter hat.

Wenden wir das auf die Architektur an, sehe ich jedes Gebäude als ein zeitlich begrenztes Aggregat mit dem Zweck, zeitliche Bedürfnisse zu bedienen in dem Wissen, dass es einen Moment geben wird in der Zukunft – und das kann morgen sein oder erst in 30 Jahren – wann dieses Gebäude keines der gesellschaftlichen oder persönlichen Bedürfnisse mehr bedient und deswegen scheinbar wertlos wird. Und dann wollen wir es normalerweise nur noch loswerden. Für diese zeitlichen Aggregate haben wir Ressourcen zur Verfügung, die aber limitiert sind. Wertlosigkeit wird also organisiert durch wertvolle, weil limitierte Materialien. Also haben wir, wenn wir ständig neue zeitliche Antworten bauen müssen, mit immer derselben Menge an endlichem Material, ein unendliches Problem.

Es gibt Prognosen, wonach bis 2060 der Bedarf an Immobilien noch um 40 Prozent weltweit steigen wird – die Verfügbarkeit der Rohstoffe kann aber nicht in gleichem Maß steigen, weil in einem geschlossenen System Rohstoffe begrenzt sind! Wo sollen denn die Rohstoffe herkommen? Das gilt auch für andere Bereiche: Für die Bahnunternehmen in Europa beispielsweise wird langsam der Schotter knapp, um neue Gleise zu legen. Für das angestrebte Elektroautovolumen haben wir zu wenig Kobalt um alle Autos zu bauen. Die Endlichkeit und Limitiertheit der Materialien kommt also massiv auf uns zu und drängt auch in unser Bewusstsein. Die Politik hat bisher keine Lösung dafür.

Was wäre eine unendliche Quelle, um unsere Endlichkeit der Materialien unendlich zur Verfügung zu haben?

Jetzt muss ich einen kleinen Umweg über die Energiefrage machen: Die Sonne ist eine unendliche – das stimmt wahrscheinlich auch nicht ganz, aber verglichen mit unserer Endlichkeit auf der Erde ist sie eine unendliche Quelle der Energie. Und diese Sonne kommt jedes Jahr an dem Apfelbaum vorbei und sagt: „Hör mal, Apfelbaum, deine Äpfel sind so unglaublich lecker, ich habe beschlossen, ich komme nächstes Jahr wieder vorbei und das Jahr danach auch – ach, weißt du was? Ich habe beschlossen, ich komme jetzt immer wieder bei dir vorbei!“ Das nennen wir die Jahreszeiten.

Das heißt, die unendliche Quelle der Sonne macht die endlichen Prozesse in der Natur unendlich verfügbar. Wir können die Energiefrage im Prinzip mit einer unendlichen Quelle bedienen. Für die Produktionsfrage beim Bauen haben wir aber nur endliche Mittel. Was unlimitiert ist, was also zum Beispiel nachwächst, stellt kein Problem dar, was limitiert ist macht uns Probleme. Also, physisch ist in einem geschlossenen System alles endlich und daher gibt es kein unendliches Wachstum. Da herrscht ein totales Missverständnis. Das einzige Wachstum, das in einem geschlossenen System möglich ist, ist das geistige Wachstum, ist unser Bewusstsein. Und das Bewusstsein ist unendlich! Deshalb müssen wir uns unseres Bewusstseins bedienen um diese Lebensfragen zu beantworten.

Rohstoffe wandeln sich Ihrer Idee entsprechend im wirtschaftlichen Kontext von einer Ware zu einer Dienstleistung, bei der ein Anbieter in der Verantwortung für alle Rohstoffe bleibt. Wie sehen Sie die Zukunft für dieses revolutionäre Modell?

In einer Serving-Economy geht es darum, dass wir in der Wertschöpfungskette und in der Werterhaltungskette dafür sorgen, dass nie wieder etwas, das endlich ist, verloren geht. Und alle Menschen müssen eigentlich unbegrenzten Zugang haben zu Materialien. Es heißt ja mit Recht, dass wir nur zu Gast sind auf dieser Erde – wir sind Gäste, nicht Gastherren. Wer ist eigentlich in dieser Perspektive der Eigentümer der Materialien? Da gibt es nur eine Antwort: Der Eigentümer sind jedenfalls nicht wir! Es scheint aber, dass sie uns anvertraut sind und wir verantwortlich für das sind, was uns anvertraut wurde. Ähnlich hat in frühen Zeiten beispielsweise ein Gutsverwalter so auf das Gut seines Herrn so achtgegeben, als sei es sein eigenes. In diesem Sinne könnten wir heute auch den Umgang mit Material organisieren. Die Quellen der Materialien, etwa Minen für Metalle oder Wälder für Holz, wären dann wie Bibliotheken, aus denen man etwas leiht und wohin man das Geliehene irgendwann wieder zurückgibt. Jeder erhält die Materialien nur auf Zeit und gibt sie dann an die Nächsten weiter und irgendwann gehen sie vielleicht auch zum Ursprung zurück. So wäre Geschwisterlichkeit im Wirtschaftsleben nicht nur eine schöne Idee, das könnte man wirklich organisieren.

Würde ein solches Modell auch unser Verhältnis zu Eigentum und Identität ändern? Was ist der Unterschied, ob ich mir durch Besitz Status verschaffe oder ob die Dinge mir nur für die Nutzungsdauer anvertraut sind?

Wir sind heute in der westlichen Welt so materialistisch geworden, dass wir an einem Umkehrpunkt stehen: Das Irdische haben wir nun ausreichend ausgereizt, jetzt müssen wir wieder ins Spirituelle hineingehen. Sind wir doch spirituelle Wesen auf einer menschlichen Reise und nicht umgekehrt. Wir sollten also lernen, uns selbst nicht über das zu definieren was wir haben, sondern durch das was und wer wir sind. Das steht aber auch nicht dem Gedanken des Eigentums im Wege. Im deutschen Grundgesetz heißt es ja „Eigentum verpflichtet“. Mir könnte sogar ein wertvolles Gemälde gehören, das ich trotzdem mit anderen teile, wenn ich das richtig organisiere. ///

Interview: Jens Heisterkamp und Thomas Baier, erschienen in der Zeitschrift info3 6/2021.

Thomas Rau war ursprünglich Kinderpfleger. Durch einen Traum kam er zum Architekturstudium, das er in Aachen begann und an der Alanus Hochschule fortsetzte. Heute arbeitet er mit seinem Büro in den Niederlanden, wo er unter anderem den neuen Geschäftssitz der Triodos Bank realisiert hat.

Über den Autor / die Autorin

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