In treuen Händen

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Rudolf Steiner formulierte ein „Soziales Hauptgesetz“, das uns Menschen ein tiefes Miteinander zutraut. Wenn man genauer hinschaut wird deutlich: Das Soziale ist noch viel mehr, es ist die Grundlage für Wirtschaft, Ökologie und womöglich sogar für Erkenntnis.

„In der Hölle steht ein gutes Mahl für alle bereit und es gibt zwei Meter lange Löffel. In der Hölle schaffen sie es nicht, an das Essen heranzukommen. Sie kriegen es nicht in den Mund, weil die Löffel zu lang sind und verhungern. Im Himmel steht die gleiche Suppe, genauso angerichtet mit den langen Löffeln, aber im Himmel haben sie gelernt, sich gegenseitig zu füttern, das heißt jeder gibt dem andern. Das ist, was Steiner in seinem sozialen Hauptgesetz sagt“, erzählt Hermann Pohlmann, Gründer von Teikei Coffee. Steiner selbst wählte verschiedene Formulierungen seines Hauptgesetzes, von denen ich eine weniger bekannte hier zitieren möchte: Er verrät, „was das Urgeheimnis ist aller menschlichen Gesellschaft, dass dasjenige, was wir selber innerhalb der Gesellschaft tun, nicht Früchte trägt für uns selber, sondern für die anderen, und dass alle Früchte für uns selbst von den anderen kommen.“ (GA 266c, S. 427f)

Diese elementare Ausrichtung auf den Anderen ist aber nicht nur auf Menschen beschränkt, sondern auch auf alles Andere. In einer seiner „esoterischen Stunden“ führte er aus: „In einem sozialen Zusammenleben muss der Antrieb zur Arbeit niemals in der eigenen Persönlichkeit des Menschen liegen, sondern einzig und allein in der Hingabe für das Ganze“ (aus der esoterischen Stunde vom 3. März 1906). Vor allem geht es darum, dass man die Dinge, die man tut, nicht für sich selber tut, sondern für die anderen beziehungsweise die Ganzheit. Deswegen wurde dieses Prinzip auch als „altruistisches Gesetz“ bezeichnet. Wer Steiner kennt, weiß natürlich, dass diese Selbstlosigkeit für ihn nur auf einem entwickelten Ich fußen kann und hier keine Selbstvergessenheit oder frömmelnde Selbstaufopferung gemeint ist. Nimmt man die individuelle Freiheit und den Bezug auf das Ganze hinzu, könnte man das soziale Hauptgesetz auch wie folgt neu fassen: „Aus eigener Freiheit und Tatkraft für den Anderen, die Umwelt und das Ganze tätig sein und von diesen empfangen, was ich zum Leben brauche“.

Strahlende Arbeit

Vermutlich schaffen es viele von uns noch nicht, direkt und intuitiv diesem altruistischen Ideal gemäß zu leben, obwohl wir uns womöglich bereits an ihm auszurichten versuchen. Das muss kein Grund zur Resignation sein, denn es passiert schon mehr, als wenn wir uns gar nicht erst auf ein Ideal hin ausrichten in unserem Tätigsein: Je mehr vom (globalen) Ganzen, je mehr Ehrung der Natur, je mehr Achtung vor anderen Wesen und Menschen in meinem Tun aufscheinen, umso größer ist der ausstrahlende Effekt, den meine Arbeit auf mich und die Umwelt hat. Steiner führt aus, man bekomme „einen direkten Wert der Arbeit und einen indirekten, einen rückstrahlenden Wert der Arbeit“ (in der Vortragsreihe Nationalökonomisches Seminar S. 15f.) Der direkte Wert ist der reine Warenwert einer Sache, also etwa der Preis für ein Kilo Spargel, aber der rückstrahlende Wert ergibt sich aus dem Grad, in dem Qualitäten der Huldigung fürs Ganze im Entstehungsprozess der Ware präsent waren. Das kann sich teilweise im Preis niederschlagen (siehe Bio-Siegel oder True-Cost-Accounting), ist aber zu subtil und komplex, um restlos im Preis abgebildet werden zu können. Der rückstrahlende Wert unseres Tätigseins in der Welt ist der geistig gestiftete Glanz der menschengemachten Dinge.

Arbeitsteilung in Verbundenheit

Ebenso wie bei der Idee der sozialen Dreigliederung oder dem Bilden von Assoziationen möchte Steiner jedoch mit dem sozialen Hauptgesetz kein abstraktes Prinzip formulieren, nach dem die Praktiker:innen dann die Welt umbauen sollen. Vielmehr geht es ihm um Beschreibungen dessen, was eigentlich schon lebt im sozialen Organismus, wie immer unvollkommen und unbewusst es auch sein mag. Die Notwendigkeit des sozialen Hauptgesetzes ergibt sich aus der arbeitsteiligen Gesellschaft. In einer arbeitsteiligen Welt sind die Produkte durch viele Köpfe und Hände gegangen. Kaum ein Produkt wird allein von einem Menschen hergestellt. Das bedeutet: In der geteilten Arbeit sind die Menschen immer schon voneinander abhängig, ohne den einen kann der andere nicht arbeiten. Hier sind sie nur nicht auf ein Ideal hin gespannt, sondern auf ein konkretes Produkt, das entsteht und eine Idee realisiert. Je gewidmeter die Menschen gemeinsam arbeiten, umso vielschichtiger, komplexer und ausstrahlender wird das Produkt werden. Spannenderweise werden die Menschen und Unternehmen in diesem Prozess immer verbundener und gleichermaßen unabhängiger, eigenständiger. Johannes Stellmann von WALA erzählt über ein Projekt für Bio-Sheabutter in Burkina Faso: „Die erste Lieferung waren drei Tonnen. Jetzt liefern sie uns ungefähr fünf Tonnen. Aber sie führen inzwischen mehr als 700 Tonnen nach Europa aus. Was ist geschehen? Immer wenn unsere Projektpartner bei uns waren – nach den drei Tonnen – ist der Leiter unserer Rohstoffbeschaffung mit ihnen zu anderen möglichen Kunden gefahren. So hatten unsere Bio-Sheabutter-Partner immer WALA als Referenz … Inzwischen exportiert unser Lieferant mehr als das Hundertfache der von uns benötigten Menge. Das finden wir großartig, weil wir wollen, dass unsere Lieferanten unabhängig von uns werden.“

Arbeit, Einkommen, Eigentum

Direkt vom Sozialen Hauptgesetz abzuleiten ist die Trennung von Arbeit und Einkommen, die Steiner für angemessen hielt. Den Lohn, den jemand erhält, erhalte er nicht für die geleistete Arbeitszeit, denn Arbeitszeit ist keine Ware des Wirtschaftslebens. Vielmehr fließe ihm der Lohn vom Ganzen zu, zu dem er beitrage. Wenn überhaupt, dann kann von einer gegenseitigen Erwirtschaftung des Lohnes gesprochen werden: „Im Grunde genommen ist jeder Lohnempfänger im gewöhnlichen Sinn heute noch ein Selbstversorger … Denn Selbstversorgen heißt, für den Erwerb arbeiten; für die anderen arbeiten heißt, aus der sozialen Notwendigkeit heraus arbeiten“, stellt Steiner klar.
Die Grundstruktur des Für-den-Anderen zieht sich durch sämtliche Organisationsbereiche, also Unternehmenskultur, Konfliktlösung, Führung, Entscheidungsfindung und auch Eigentum. Privateigentum ist nach dem Sozialen Hauptgesetz nur dann sinnvoll, wenn das betreffende Ding wirklich durch eigene Nutzung oder Geschichte zu mir gehört. Sobald es um etwas geht, das von der Gemeinschaft erwirtschaftet wird oder das Gemeinwohl betrifft, wäre „Verantwortungseigentum“, wie es das Projekt Purpose Economy vorantreibt, geeigneter, oder das Modell einer Genossenschaft oder Solidarischen Landwirtschaft. Hier gehören die Unternehmen nicht nur den Aktionär:innen oder der Geschäftsführung, sondern sind in den Händen aller Mitarbeiter:innen beziehungsweise einer treuhänderischen Gruppe, die für den Unternehmenssinn Sorge trägt. Treuhänderschaft bedeutet, sich einem Sinn zu verschreiben, ohne übermäßig eigenen Vorteil daraus zu ziehen. Dieser Sinn und Auftrag ist es, auf den die Treuhänderin sich ausrichten muss, was eine hohe Selbstgenügsamkeit erfordert. Der Archetyp des Treuhänders ist über alle Bereichsgrenzen hinaus die Personifizierung des Sozialen Hauptgesetzes. Übrigens auch für den Kosmos der Natur: Wir Menschen sind nur Treuhänder der Erde und des Bodens.

Soziales Denken

Nun sind wir an einem kritischen Punkt: Nicht nur die Produkte bilden sich heute in einer arbeitsteiligen Gesellschaft, auch das Wissen und die Erkenntnis folgen dem gleichen Muster. Man könnte sagen: Im geistigen Bereich sind wir zunächst alle Subsistenz-Denker:innen, also auf Selbstversorgung ausgerichtet, und das sei der Unterschied zum Wirtschaftlichen. Wenn ich mein Ich nicht ergreife und es nicht selbst bewusst habe, werde ich nicht wirklich ins Denken kommen. Allerdings ist das auch im arbeitsteiligen Wirtschaften so: Ich muss meine eigene Arbeitskraft ergreifen; wenn ich meine Finger nicht rühre, werden sie nicht von einem anderen bewegt. Nun wird das Produkt meiner Arbeit in den wenigsten Fällen von mir allein überschaut; beim Denken ist das in unserer Welt aber meistens noch der Fall: Ich denke einen Gedanken, ich schreibe einen Text, ich arbeite an einer Forschungsfrage. Das ist jedoch keineswegs eine philosophische Auszeichnung des Menschen, sondern ein beklagenswerter Zustand. Ebenso wie Selbstversorgung wirtschaftlich möglich ist, ist sie auch geistig möglich; aber ob sie erstrebenswert ist, wage ich zu bezweifeln. Wenn nämlich mehrere dieser selbst Denkenden sich wirklich auf ein Ideal hin ausrichten, werden sie wie im Wirtschaftsleben einen rückstrahlenden Effekt dieser Denkbewegungen untereinander erleben, der sie gegenseitig nährt und den Sinn der Ideen anreichert, die in Frage stehen. Die Menschen werden dann gemeinsam Treuhänder:innen ihrer Ideale in der Welt.

Engel an die Macht

Was wäre dieses Hohelied auf das Miteinander ohne auf die Gefühle und das Herz zu sprechen zu kommen? Herzenswärme ist die Atemluft des Sozialen. In seinem Vortrag „Was tut der Engel in unserem Astralleib?“ beschreibt Steiner die Wirkung der Engel: „Sie wollen solche Bilder in den menschlichen astralischen Leibern erzeugen, welche ganz bestimmte soziale Zustände im menschlichen Zusammenleben der Zukunft erzeugen.“ Dies geschehe mit dem Ergebnis einer unumstößlich gefühlten Brüderlichkeit unter den Menschen, die sich nicht mit Hunger oder Armut vereinbaren ließe. Man könnte sagen: Wenn die Rückstrahlung der Arbeit und des Denkens nicht auch auf einer Empfindungsebene passiert, wird sie wenig Wirkung zeigen. Ist aber dasjenige, worauf das Soziale Hauptgesetz zielt, verwirklicht, kann von Liebe gesprochen werden. Dabei geht es dann nicht mehr nur um unmittelbare und persönliche Liebe wie in der Partnerschaft, sondern um strukturelle Liebe. Auch unser Wirtschafts-, Finanz-, Politik-, Sozialsystem sollte liebevoll gestaltet und von Liebe durchdrungen sein. Dafür brauchen wir jedoch, was Friedrich Glasl das „Lachs-Bewusstsein“ genannt hat – also die Möglichkeit, stets zur Quelle zurückzuschwimmen. „Da müssen wir mit den Lieferanten ganz andere Beziehungen eingehen“, schreibt Glasl. Wenn wir es gefühlsmäßig nicht mehr aushalten, dass die Rohstoffe unserer Produkte unter Ausbeutung von Natur und Mensch extrahiert werden oder dass wir unseren Abfall untreuhänderisch entsorgen, fordern wir die Reinheit der Quellen zurück. Wenn ich am Punkt meiner größten Bemühungen in praktischer oder geistiger Arbeit den Anderen nähre und dieser wiederum mich bedenkt und versorgt, ist die kleinste Grundstruktur eines liebevollen Systems geboren, und ich bin mehr bei mir, als ich es ohne den Anderen wäre. Hegel hat dieses Mysterium des Sozialen in der Enzyklopädie schön auf den Begriff gebracht: „Der Geliebte ist uns nicht entgegengesetzt, er ist eins mit unserem Wesen; wir sehen nur uns in ihm, und dann ist er doch wieder nicht wir – ein Wunder, das wir nicht zu fassen vermögen.“ ///

Ein Beitrag aus der Juniausgabe der Zeitschrift info3.

Über den Autor / die Autorin

Alexander Capistran

Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin und an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. Nach seinem Studium an der Universität Witten/Herdecke arbeitet er als Berater und Projektmanager. Außerdem promoviert er an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg über Neue Mobilität im Lichte Walter Benjamins.