Das Internet abschalten?

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In seinem aktuellen Buch „Utopie einer lobbaren Zukunft“ nimmt Autor Otto Ulrich eine ungewöhnliche Perspektive ein: Aus der Perspektive des Jahres 2121 beschreibt er unsere Gegenwart als eine vergangene. Dabei kommt er zu einer radikalen Kritik der Digitalisierung.

Interview: Ingo Leipner

Herr Ulrich, in Ihrem Buch „Utopie einer lobbaren Zukunft“ blicken Sie aus dem Jahr 2121 zurück und wundern sich: Vor 100 Jahren hatten die Menschen Mobilfunk und Internet, was inzwischen alles verschwunden ist. Wie entstand diese Utopie?

Wir leben jetzt in der Gegenwart des Jahres 2021. Es stellt sich die Frage: Wie können wir aus den gegenwärtigen Strukturen ausbrechen, die oft technisch bestimmt sind? Wie schaffen wir es, „out of the box“ zu denken? Da können wir zuerst fragen: Wie werden sich heutige Trends in der Zukunft entwickeln? Doch ich habe bewusst eine andere Perspektive gewählt: Ich schaue 100 Jahre zurück, aus einer Zukunft des Jahres 2121 – und wundere mich, wie viele Dinge dann nicht mehr gefragt sein werden, obwohl sie 2021 unverzichtbar erschienen. Dazu zählt auch das merkwürdige Internet, das längst abgeschaltet wurde. Ich will mit meinem Buch Fragen aufwerfen. Was wird aus dem Internet, wie sieht künftig Landwirtschaft aus, wie ist das Verhältnis des Menschen zur Erde? Da hilft es, einen Blick aus dem Jahr 2121 in die Gegenwart zu werfen.

Haben Sie Antworten gefunden?

Welche Ressource hält unsere technische Infrastruktur am Laufen? Das ist die Elektrizität! Wir wissen schon jetzt, dass die Stromlücke immer größer werden kann, wenn die Rechenzentren und ihre Cloud-Wirtschaft ständig mehr Strom verbrauchen. Der Strombedarf wächst immens durch die gesamte Internet-Wirtschaft. Wo kommt die Elektrizität her? Heute wird sie vorwiegend aus fossiler Energie produziert, trotz der vielen Worte um eine „grüne Digitalisierung“. Das wird sich so schnell nicht ändern. Auf Jahrzehnte wird die Stromversorgung weltweit auf Öl, Kohle und Erdgas beruhen. Dieser Trend kollidiert immer stärker mit den sinkenden CO2-Emissionszielen, um die Erderwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen.

Der Klimawandel zwingt uns also, den Stromverbrauch zu reduzieren. Denn in Ihren Augen ist es eine Illusion, langfristig die digitale Wirtschaft mit grünem Strom zu betreiben. Als einzige Möglichkeit bleibt, das Internet abzuschalten, weil sonst das Klima kollabiert. Eine gewagte These, oder?

Es zeichnet sich ein großer Konflikt ab: Auf der einen Seite steht der Hype um die Digitalisierung, auf der anderen Seite der steigende Stromverbrauch, der durch fossile Brennstoffe den Klimawandel anheizt. Außerdem wird die Sesshaftigkeit der Viren gestört, wie uns Virologen mitteilen. Sie werden unter anderem unruhig durch elektromagnetische Felder; sie springen auf den Lebensraum der Menschen über. Diese Strahlen haben eine toxische Qualität, so dass Pandemien ein systemisches Phänomen werden. Und: Elektromagnetische Felder stehen im Verdacht, individuell Krebs auszulösen. Vielleicht müssen wir uns tatsächlich vom Mobilfunk trennen, wenn wir das Vorsorgeprinzip ernst nehmen. Da hilft wieder der Blick aus dem Jahr 2121, um aus gewohnten Denkbahnen auszubrechen.

Mobilfunk und Internet abschalten – das klingt erst einmal sehr provokativ. Vermutlich geht es Ihnen um die Haltung hinter dem Hype, alle menschlichen Probleme mit Technik lösen zu wollen, oder?

Es gibt ein großes ökonomisches Interesse, den Schwung der Digitalisierung weiter zu forcieren. Denn: Es besteht die einseitige Sichtweise, unser ganzes Leben auf Datenströmen aufbauen zu wollen. Das ist ein gefährlicher Reduktionismus, auf den sich viele Menschen festlegen, oft mangels bekannter Alternativen.

Dabei wird im Diskurs um Nachhaltigkeit übersehen, dass es neben der Effizienz technischer Systeme den wichtigen Begriff der Suffizienz gibt. Eine Geisteshaltung, die sich an der Lebensqualität orientiert und materiellen Wohlstand stückweise durch seelisch-geistige Erlebnisse ersetzt. Lebensglück hängt eben nicht davon ab, den neuesten SUV zu fahren. Ein Wald voller Leben kann viel wertvoller sein. Eine solche Haltung würde uns helfen, auch mit einem geringeren Konsumniveau zurechtzukommen. Diese Haltung wäre auch sinnvoll, um eine Null-Wachstumsgesellschaft zu entwickeln, verbunden mit einer Kreislaufwirtschaft.

Sie blicken ja vom Jahr 2121 auf unsere Gegenwart zurück und wundern sich darüber, wie unser mathematisiertes Weltbild „damals“ so vorherrschend sein konnte. Was meinen Sie damit?

Die Mathematisierung der Naturwissenschaften hat vor rund 500 Jahren begonnen – mit fatalen Folgen für unseren Zugang zu den Lebensprozessen der Natur, die wir heute nur in einer reduktionistischen Form verstehen und mit Algorithmen berechnen. Das führt zu einer großen Verarmung der Wahrnehmung. Doch die Natur wehrt sich, wofür das Artensterben ein Indikator ist, genauso wie die weltweite Aufheizung des Klimas und das Auftreten von Pandemien.

2121 wird der Mensch also mehr seine seelisch-geistige Seite entdecken, auch wenn er nicht völlig auf Technik verzichtet. Aber die Gewichte werden sich deutlich verschieben, so Ihr Gegenentwurf aus der Zukunft.

Wir müssen lernen, die Erde als lebendigen Organismus zu betrachten. So hat im März 2021 die EU-Kommission einen „Aktionsplan zur Förderung der Biolandwirtschaft“ vorgelegt. Ziel ist es, bis 2030 ein Viertel der Fläche in der EU ökologisch zu bewirtschaften. Landwirte arbeiten auf biologischen Höfen nicht mit Pestiziden, sondern mit der Erde als Organismus – und die Erde bedankt sich dafür. Dieser Trend wird sich bis 2121 deutlich verstärken.

Solche Wege zeichnen sich bereits in unserer Gegenwart ab. Daher auch der Titel meines Buches: „Utopie einer lobbaren Zukunft“. Ich will Hoffnung machen, dass wir die großen Probleme der Gegenwart bewältigen können. Es steht nämlich eine kopernikanische Wende an – hin zu einem völlig neuen Blick auf die Natur und den Menschen. Diese wichtige Perspektive hat bisher eine mathematisierte Naturwissenschaft zugeschüttet. ///

Zur Person:

Dr. rer. pol. Otto Ulrich ist Physikingenieur und hat als Politikberater viele Jahre im Bundeskanzleramt und als Diplomat in Brüssel die Innenseite der politischen Macht kennengelernt. Er ist Autor zahlreicher Bücher und Essays und hat das von der UN zertifizierte Weltklima-Konferenzspiel „Cooling down“ entwickelt.

Dieses Interview erschien in der Zeitschrift info3, Ausgabe Juni 2021.
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Über den Autor / die Autorin

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