Eine spirituelle Ökologie aus dem Geiste Goethes

Goethe-Gedicht über den Ginko / Wikimedia

Eine ökologische Bewegung, die derzeit in den USA für Furore sorgt, heißt „Spirituelle Ökologie“ und tritt für einen ganzheitlichen Umweltschutz ein, der auch Geistiges in der Natur berücksichtigt. Ähnliche Ansätze gab es vor ein- bis zweihundert Jahren aber auch schon in Europa im Dunstkreis Goethes, an den später auch Steiner mit dem naturphilosophischen Goetheanismus anschloss. Eine geistesgeschichtliche Betrachtung.

Von Thomas Höffgen

Anhänger einer spirituellen Ökologie sind davon überzeugt, dass die große ökologische Krise unserer Zeit im Wesentlichen dem modernen materialistischen Weltbild geschuldet ist, das in der Natur nur mehr nutzbare Ressourcen und unbeseelte Rohstoffe wahrnimmt. Sie fordern eine völlig neue Geisteshaltung gegenüber dem gesamten Kosmos, die auch metaphysische Gedanken und Gefühle in den ganzheitlichen Umweltschutz miteinbezieht, der eigentlich eher eine aktive „Liebe zur Natur“ darstellt: Der spirituellen Ökologie liegt ein bio-theo-philes Umweltbewusstsein zugrunde, das den „Geist in der Natur“ erkennt und diesen gar als „heilig“ oder „göttlich“ wahrnimmt.

Wesentlich ist die Kritik am naturwissenschaftlichen „westlichen“ Weltbild mechanistischer Prägung, das in den letzten dreihundert Jahren die Natur endgültig entzaubert und zur toten Materie degradiert hat. Die Gegenentwürfe orientieren sich vor allem an den indigenen Traditionen aus Amerika oder Fernost, an ethnischen Religionen, animistischen Philosophien und alternativen Wissenschaften. Das moderne Europa hingegen wird eher negativ beäugt, nicht verwunderlich angesichts der Tatsache, dass dieser heute hochindustrialisierte Kontinent zu den größten Umweltsündern des Planeten zählt.

Die Erde sei „in Bedrängnis“ – ein „lebendes Wesen in Not“, „weil wir ihre heilige Natur vergessen haben, die auch unsere eigene heilige Natur ist“, heißt es in der Einleitung eines der Hauptwerke der Bewegung, dem Essay-Band Spirituelle Ökologie (dt. 2015; engl. 2013), herausgegeben von Llewellyn Vaughan-Lee. Nun sei eine Wiederverbindung „zwischen unserer Seele und der Seele der Welt“ vonnöten sowie die Erinnerung des „Wissens, dass alle Teil eines einzigen lebendigen und spirituellen Wesens sind“. Dann folgen zwanzig individuelle Beiträge spiritueller Akteure aller Couleur, ein Indianerhäuptling, ein buddhistischer Mönch, ein Sufi-Lehrer und so weiter, auch Wissenschaftler sind vertreten, um dem Anspruch eines ganzheitlichen Ansatzes gerecht zu werden. Indes fällt auf, wie wenig Europäer in dem Buch vertreten sind; aus Deutschland stammt gar kein Beitrag.

Goethe und Steiner

„Mitteleuropa scheint keine spirituell-ökologische Identität zu haben, keine eigene Stimme mit unverwechselbarem Beitrag“, bemerkt Renatus Derbidge in seinem Artikel in der Zeitschrift Die Drei (4/2016) mit dem Titel Was ist Spirituelle Ökologie? Und er fragt rhetorisch: „Könnte dieser fehlende Beitrag die Anthroposophie sein?“

Tatsächlich erschien bereits 2009 eine Sammlung ausgewählter Texte Steiners mit dem Titel Spirituelle Ökologie, herausgegeben von Matthew Barton, die durchaus aufzeigt, dass der Gründer der Anthroposophie Zentralgedanken moderner Öko-Spiritualität bereits formuliert hat; etwa die Grundannahme einer geistigen Welt hinter der stofflichen Erscheinung, aber auch die Vorstellung von einer lebendigen Erde und von ätherischen Naturgeistern. Mittlerweile liegt auch eine kleinere deutsche Untersuchung vor mit dem Titel Anthroposophie als spirituelle Ökologie (2018) von Peter Krause, in welcher wiederum der Mitwelt-Begriff Steiners spirituell-ökologisch interpretiert wird.

Wohlbegründet bringt Derbidge die Anthroposophie in den Diskurs ein. Und zurecht bedauert er, dass ein „Beitrag aus der Anthroposophie, der sich dieser neuen Bewegung der Spirituellen Ökologie anschließen könnte“ bis dato aussteht. Aber mehr als das: Derbidges selbstbewusste „These“ lautet, dass „Steiners Erkenntnistheorie“ der „neuen Bewegung“ fürwahr als „Fundament dienen“ könnte: „Ich möchte – zumindest als Frage – sogar so weit gehen, diese neue, in den USA förmlich aus dem Boden sprießende Bewegung als Metamorphose nicht aufgegriffener Impulse Steiners zu verstehen. Denn bei Steiner ist bereits alles angelegt, und die von Barton herausgegebene Zitatensammlung macht deutlich, wie sehr Steiner eigentlich als der geistige Urvater und Inspirator dieser Bewegung gelten müsste. […] Ich wage die Prognose, dass mit der Spirituellen Ökologie ein Ur-Steinerscher Ansatz neu aufkommt“. Das ist nun allerdings ein großes Diktum, und so sehr man auch bis hierhin folgen mag, verwundert doch der Absolutheitsanspruch dieser These, die gleichsam den globalen und ganzheitlichen Anspruch der Spirituellen Ökologie konterkariert – als wäre Animismus ein ur-anthroposophischer Ansatz.

Gerade seine Erkenntnistheorie und Naturauffassung hat Steiner doch ganz wesentlich von einem anderen Gelehrten hergeleitet, sogar nach diesem benannt, nämlich von Goethe, dessen naturwissenschaftliche, „ökologische“ Schriften er noch vor Gründung der Anthroposophie en détail studierte, kommentierte und herausgab. Goethes Einfluss auf die gesamte anthroposophische Geisteswissenschaft ist gar nicht zu überschätzten, wie Steiner selbst vielfach betonte, und auch für die spirituelle Ökologie spielt er wieder eine Schlüsselrolle. Oder um im Bild Derbidges zu bleiben: Wenn Steiner der „Vater“ der Bewegung ist, dann ist Goethe wohl ihr „Großvater“.

„Heilige Revolution“

Nach dem Dafürhalten führender Umwelthistoriker wie Joachim Radkau beginnt die moderne (mittel-)europäische Natur- und Umweltschutzbewegung bereits in der Goethezeit, und zwar mit dem pantheistischen Naturpathos der Stürmer und Dränger, Romantiker und Klassizisten, zweifelsohne eine spirituelle Ökologie par excellence: „Am Anfang stehen die Ideen, die Visionen, auch spirituelle Motive. Die im 18. Jahrhundert verehrte Natur trug die Züge einer säkularisierten Göttin; der Naturkult jener Zeit besaß einen pantheistischen Zug“ (Die Ära der Ökologie, 2011).

Goethes Werke sind allesamt von einer Grundhaltung geprägt, welche Natur und Gott in eins setzt: Für Werther ist die Natur ein „Heiligtum“. Faust spricht mit dem „Erdgeist“. Goethes naturmagische Balladen und naturwissenschaftliche Schriften sind gleichermaßen alldurchgöttert. Bei Betrachtung von Schillers Schädel ruft das lyrische Ich aus: „Was kann ein Mensch im Leben mehr gewinnen, als dass sich Gott-Natur ihm offenbare?“. Diese Vorstellung, dass die Natur „bis in‘s Innerste göttlich“ ist (An Reinhard, 13.8.1812) ist nun auch Zentralgedanke der naturspirituellen Ökologie Goethes. Mitnichten aber sieht dieses Modell vor, einen einseitigen Materialismus durch einen einseitigen Spiritualismus zu ersetzen. Tatsächlich zielt es ab auf Synkretismus und Synthese, so Kreutzer, „den Hauptgegner (Religion) und die Hauptstütze (Naturwissenschaft) der Aufklärung miteinander zu versöhnen; sie dadurch zu versöhnen, dass sie auf eine Weise transformiert würden, dass weder Gott völlig abgeschafft noch die Natur restlos entzaubert und rigoros unterworfen würde“. Goethe selbst zählte zu den führenden Naturforschern seiner Zeit, war Mitglied in der renommierten Leopoldina-Akademie, doch in den vorgefundenen Naturgesetzen erkannte er gleichwohl das Entelechische und Göttliche. Es handelt sich bei ihm um ein vermittelndes Modell mit dem ganzheitlichen Grundgedanken, dass „die Materie nie ohne Geist, der Geist nie ohne Materie existiert und wirksam sein kann“ (Erläuterungen zu dem aphoristischen Aufsatz Die Natur, 1828).

Zur Geistesgeschichte

Gewiss lässt sich dieser holistische Ansatz weit über Goethe hinaus zurückverfolgen: Über Spinoza, Böhme, Bruno und Paracelsus bis hin zu Heraklit und Thales; die kulturanthropologischen Wurzeln der Naturspiritualität selbst liegen wohl in der Altsteinzeit. Aber Goethe war der erste, der diesen Ansatz aus moderner europäischer Perspektive formulierte, Religion und Rationalität aufgeklärt vereinte, und damit alle nachfolgenden Strömungen und Schulen maßgeblich beeinflusste.

Allzumal die Anthroposophie: „Steiner gehört in die intellektuelle Linie, die in Deutschland vor allem über Johann Wolfgang von Goethe läuft und den Naturdiskurs maßgeblich geprägt hat“, heißt es in dem religionswissenschaftlichen Standardwerk Dunkelgrüne Religion von Bron Taylor (dt. 2020, engl. 2009), das übrigens auch von Derbidge herangezogen wird, „und dass er eher an Goethe und die deutsche Naturphilosophie anknüpfte als an die Faszination für buddhistisches und hinduistisches Gedankengut, war einer der Gründe für seine Abspaltung von der Theosophischen Gesellschaft“.

Aber auch die gegenwärtige Bewegung, wie sie sich etwa in Vaughan-Lees Sammlung zur Spirituellen Ökologie offenbart, folgt ganz der goetheschen Dialektik, wenn sie den Anspruch erhebt, das zurzeit vorherrschende „wissenschaftliche Modell wieder mit Bedeutung und Geist zu erfüllen. Die Menschheit verdient heute eine tiefere Wahrheit, für die es zu leben gilt, und diese kann weder die Religion noch die Wissenschaft alleine bieten“, heißt es in dem Beitrag von John Stanley und David Loy. Die spirituellen Ökologen sprechen gleichsam goetheanisch von einer „heiligen Natur“ (im Gegensatz zur „materialistischen Ödnis“) bzw. einem „der Natur innewohnenden Geist“ (Vaughan Lee): „Die Natur ist göttlich, heilig und sakral“, sagt auch Satish Kumar. Aber sie wissen auch: „Das ist alles andere als neu, wurden vergleichbare Gedanken doch schon immer von Dichtern und Mystikern geäußert“, wie die Autorin Joanna Macy schreibt.

Solche ideengeschichtlichen Zusammenhänge zu erinnern und sinnfällig zu machen, inwiefern sich im Dunstkreis goetheschen Denkens eine moderne spirituell-ökologische Naturwissenschaft entwickelte, ist allerdings bereits ein geisteswissenschaftlicher Beitrag zur Spirituellen Ökologie.

Et voilà. ///

Literaturauswahl:

Bron Taylor: Dunkelgrüne Religion. Naturspiritualität und die Zukunft des Planeten. Aus dem Englischen und mit einer Nachbemerkung von Kocku von Stuckrad. Paderborn 2020.

Joachim Radkau: Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte. München 2011.

Llewellyn Vaughan-Lee (Hrsg.): Spirituelle Ökologie. Der Ruf der Erde. Saarbrücken 2015.

Matthew Barton (Hrsg.): Rudolf Steiner. Spirituelle Ökologie. Ausgewählte Texte. Dornach 2009.

Peter Krause: Anthroposophie als spirituelle Ökologie: Die Unterweisungen durch Steiner. Berlin 2018.

Renatus Derbidge: Was ist Spirituelle Ökologie? In: Die Drei (4/2016), S. 3-12.

Dr. phil. Thomas Höffgen studierte Germanistik und Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum, war Lehrbeauftragter am Germanistischen Institut der RUB und promovierte über Goethes Faust. Er ist Autor mehrerer Bücher im Bereich der europäischen Ethnosophie und nordischen Naturspiritualität. www.thomashoeffgen.de

Dieser Text erschien in der Ausgabe Juli/August der Zeitschrift info3.

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