Einander zähmen

Matthias Niedermann hat schweizerisch-afrikanische Wurzeln und arbeitet aktuell als Öffentlichkeitsarbeiter bei der Anthroposophischen Gesellschaft in Deutschland sowie als Redakteur der Zeitschrift Erziehungskunst. Foto: privat

Der drohende Verlust der Wärmeplastik, persönliche Diskriminierungserfahrungen und notwendige Resonanzräume: Ein Gespräch über gesellschaftliche Nähe und Distanz in Zeiten von Corona.

In den vergangenen Monaten hat sich in vielen Bereichen das gesellschaftliche Klima stark verändert. Wie nehmen Sie den sozialen Organismus wahr, der Sie umgibt?

Ich schaue immer auf die Gesellschaft mit den Augen von Joseph Beuys und da ist ein ganz zentraler Begriff die „Wärmeplastik der Gesellschaft“. Das ist etwas, das unter anderem durch Beziehung entsteht – Beziehung mit einer besonderen Qualität. Haben wir ein feststehendes Bild voneinander oder lassen wir uns auf eine Veränderung dieses Bildes ein? Gehen wir zusammen auf den Weg, zähmen wir einander, wie es im Kleinen Prinzen beschrieben wird? Kennen wir uns so gut, dass der Andere auch noch da ist, wenn er äußerlich nicht mehr da ist? Das wäre eine Stufe, wo sich in der Beziehung wirklich eine Wärmesphäre bildet. Momentan, im Zusammenhang mit Corona, sehe ich aber eher fragmentierte Beziehungslosigkeit und damit auch kein organisches Beziehungsgeflecht mehr, das Nähe und Distanz reguliert.

Wie ist es dem sozialen Organismus im Zeichen von Corona in der Tiefe ergangen?

Eine der ersten sozialen Veränderungen in der Coronazeit war ja: „Distanz ist gut“. Vor drei Jahren hätte man noch gesagt, „Nähe ist gut“. Auf dieser Grundlage sind dann viele Maßnahmen aufgebaut worden – das Handeln von ganzen Organisationen und Gemeinschaften wurde dadurch geprägt. Das hat dazu geführt, dass Gemeinwesen, die so etwas wie eine soziale Haut hatten, plötzlich ihre Haut nicht mehr aufrechterhalten konnten. In den ersten drei Monaten war das erst mal gar nicht dramatisch, in der Folge hat es aber dazu geführt, dass die Gesellschaft keine Nischen, keine kommunikativen Ökosysteme beibehalten konnte. Ich habe von einer Gemeinschaft in Israel erfahren, die sehr früh Schutzmaßnahmen eingeführt hatte und so ihr kulturelles Leben intensivieren konnte. Nach mehreren Monaten wollten dann die älteren Menschen, die dort betreut werden, ihre Kinder wiedersehen und haben eingefordert, dass die Einrichtung ihre Grenzen wieder öffnet. Ab diesem Moment galten dann die anderswo auch üblichen Regelungen wie Abstand, Quarantäne, Testpflicht. Es konnten keine kulturellen Veranstaltungen mehr stattfinden. Alle sind auf Distanz gegangen. Und das ist in unserer Gesellschaft auch passiert.

Ist jetzt in Coronazeiten vielleicht eine neue Epoche des Biedermeier angebrochen? Da lautete ja ein Schlagwort „Rückzug ins Private“, inmitten einer politisch stürmischen Zeit um die 1848er-Revolution herum. Auch in der heutigen „neuen Normalität“ wird dieses Private öffentlich verhandelt.

Eine für mich wichtige Beobachtung ist: In der „neuen Normalität“ ist das Öffentliche nach privaten Maßstäben gestaltet. Meine private Meinung, mein privates Sicherheits- und Freiheitsbedürfnis werden zum Maßstab der gesellschaftlichen Ordnung erhoben. Das ist das Hauptproblem, dass im öffentlichen Raum immer weniger öffentliche Maßstäbe gelten und ausgehandelt werden, die gemeinschaftsstiftend sind. Sie wurden aus Pandemie-Gründen außer Kraft gesetzt und jetzt müssten sie wiederhergestellt werden. Was aber de facto passiert: wir übertragen die Qualität einer privaten Beziehung auf den öffentlichen Raum.

Es ist wohl auch eine Typfrage, wie man die Pandemie und die Maßnahmen auffasst. Diejenigen, die den Rückzug ins Private schätzen, sind damit gar nicht so unzufrieden wie andere Menschen, die den sozialen Organismus als solchen, als Kunstwerk schätzen. Für diese Menschen ist der soziale Organismus auf einmal eine aufgeblähte Version einer Gated-Community-Familie geworden ist. Droht der Eigenwert des Sozialen, der vor Corona schon kaum jemandem mehr bewusst war, gänzlich verloren zu gehen?

Ich denke, dass das mit der Kunst steht und fällt. Ein zentraler Aspekt der sozialen Wärmeplastik ist für mich, ob Kunst in einem sozialen Kontext stattfindet. Neulich ist mir klargeworden, dass meine und viele andere Kinder seit mehr als einem Jahr keine darstellende Kunst oder kein Konzert in der Öffentlichkeit gesehen haben. Ich erinnere viele Momente, wo ich im öffentlichen Raum jemanden höre, der Gitarre spielt, oder ein Streichquartett auftritt: Etwas, das mich zutiefst berührt, das zu mir spricht. Das wird im öffentlichen Raum kaum mehr praktiziert und ist als Privatereignis nicht zu ersetzen. Das kleine Dorf, in dem ich lebe, leidet unter der Oberfläche, weil der Posaunenchor nicht mehr als Gemeinschaftsereignis wahrgenommen werden kann.

Einseitig kognitiv geprägte Materialist:innen könnten dazu sagen: Verkörperung, Kunst, Präsenz, das Soziale sind sowieso nur teils störende Begleitfaktoren eines Lebens, das digital-produktiv, wissenschaftlich und sicher sein soll. Viele dieser Menschen machen heute alles über Plattformen wie Zoom und sagen, dass ihnen nichts fehlt. Für sie war der Posaunenchor vielleicht ein überkommenes Relikt aus vormodernen Zeiten.

Damit habe ich ja kein Problem, wenn das für diese Menschen so ist. Aber eine plurale Gesellschaft und Öffentlichkeit darf das nicht zum universellen Maßstab machen – das andere muss auch möglich sein! Die Gesellschaft ist eben nicht nur modern, sondern sie ist auch archaisch und trans-modern. Es wäre ein Gewaltakt, das aussondern zu wollen.

Damit sind wir beim Thema „Cancel Culture“: Damit ist das Phänomen gemeint, wenn Menschen aufgrund von Äußerungen, geächteten Kontakten und Identitätsmerkmalen Öffentlichkeit verlieren und berufliche und soziale Konsequenzen fürchten müssen. Welches Denken liegt dem Ihrer Sicht nach zu Grunde?

Wenn ich die Dinge, die in der Gegenwart geschehen, für die Zukunft unsichtbar mache, wenn ich ihnen die Plattform entziehe, also die Möglichkeit, Spuren zu hinterlassen, nehme ich der Zukunft die Möglichkeit, sich von etwas abzugrenzen. Dazu ein Beispiel: Viele stoßen sich heute an der Figur des „Neger-Königs“ in Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf und wollen diesen Begriff löschen; wenn es davon aber keine Spuren mehr in dem Buch gibt, also keine Referenz, dass das einmal so war, dann habe ich in der Zukunft keine Möglichkeit mehr, das zu sehen und mich davon abzugrenzen. Etwas pathetisch ausgedrückt: Das Unsichtbarmachen von etwas Bösem ermöglicht es ihm erst, Raum zu greifen. Das ist das Problematische an Cancel Culture.

Wie ist es denn für Sie als „People of Colour“, haben Sie selbst Diskriminierungserfahrungen gemacht und wenn ja: welche Schutzmaßnahmen würden Sie sich dagegen wünschen?

Ich habe solche Erfahrungen gemacht. Es hat mich vor allem dann verletzt, wenn ich zu herabwürdigenden Aussagen keine selbstbewusste Haltung entwickeln konnte. Wenn jemand kommt und sagt: „Hau ab, du Neger!“, und ich nicht aus mir heraus erlebe, dass das Blödsinn ist, was der da erzählt, hilft es mir nicht, dass jemand anderes mich davor bewahren will. Das Erlebnis der Emanzipation ist also etwas, das sich in mir ereignen muss, zu dem nur ich selbst ja sagen kann.

Und das Ihnen nicht abgenommen werden kann?

Ja, das muss ich selber machen. Deswegen ist ein Ansatz, der das kollektiv steuern möchte – auch über die Sprache –, aus meiner Sicht nicht zielführend.

Sie haben ja den Begriff der Wärmeplastik erwähnt. Auf Ihrer Webseite bieten Sie Trainings an, um den „kommunikativen Resonanzraum wieder zu entfalten“ – was meinen Sie damit? Was kann gesellschaftlich passieren, damit mehr Wärme im Sozialen entsteht?

Kälte entsteht zum Beispiel in einer Gesprächssituation dadurch, dass alles nur nach Konventionen abgewickelt wird. Damit wieder ein Resonanzraum entsteht, braucht man ein wirkliches Gespräch. Ein Gespräch lebt davon, dass ich unterscheide, ob Dissonanzen da sind und woher sie kommen, ob der andere wirklich das gesagt hat, was ich gehört habe, oder ob ich nur meine, das gehört zu haben, was er gesagt hat. Das ist der erste Schritt, wieder einen Resonanzraum zu schaffen. Dann geht es darum, aufmerksam zu sein für das, was sich ereignet, und ein gemeinsames Gehör zu entwickeln für die wichtigen Inhalte aus dem Gespräch. Das wäre mein Ansatz, wie man in der Familie, in Organisationen, in der Gesellschaft, nach und während Corona wieder in einen konstruktiven Dialog kommt. ///

Interview: Alexander Capistran. Erschienen in der Ausgabe Oktober 2021 der Zeitschrift info3.

Über den Autor / die Autorin

Alexander Capistran

Alexander Capistran studierte Philosophie in Berlin und an der Cusanus Hochschule in Bernkastel-Kues. Nach seinem Studium an der Universität Witten/Herdecke arbeitet er als Berater und Projektmanager. Außerdem promoviert er an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg über Neue Mobilität im Lichte Walter Benjamins.

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