Waldorfschule im Güterbahnhof

Umbau des alten Güterbahnhofs: Platz für die Waldorfschule Görlitz!

Die Freie Waldorfschule Görlitz, gegründet 2011, suchte lange eine zukunftssichere Bleibe in der Stadt. Seit dem Frühjahr saniert die Schulgemeinschaft nun den alten Güterbahnhof, um dort im Sommer 2020 den Schulbetrieb aufnehmen zu können. Ein inspirierender Ort für eine weit vernetzte Schule in einer deutsch-polnischen Grenzstadt.

Von Clara Steinkellner

„Wir erreichen in Kürze Görlitz auf Gleis ölf!“ – wer mit dem Zug in Görlitz einfährt, der stolpert womöglich zuallererst über den Oberlausitzer Dialekt, in dem sich die Elf stets so unverwechselbar auf die Zwölf reimt und der übrigens mit dem Sächsischen nur wenig gemeinsam hat. Von Westen aus Dresden oder von Norden aus Berlin und Cottbus kommend, nähert man sich der seit 1945 geteilten Stadt durch eine idyllische, hügelige Landschaft mit vielen Bäumen und kleinen Wäldern; im Süden thronen die blauen Berge des Riesengebirges, davor ragt der Vulkankegel der Landeskrone in die Luft und der aufmerksame Beobachter kann bereits hin und wieder aus der Ferne die aus dem Neißetal aufragenden Doppeltürme der in der Görlitzer Altstadt gelegenen Peterskirche erspähen. Dann sieht man die ersten Häuser der Gründerzeit, rechter Hand das große Siemens-Werk (das nun nach langem Bangen und Protestieren doch in Görlitz bleibt) und seit Neuestem ist der linkerhand liegende, langgestreckte Backsteinbau mit dem Banner „Freie Waldorfschule Görlitz“ geschmückt. Tatsächlich, der ehemalige Güterbahnhof wird zurzeit renoviert – und im kommenden Sommer soll die Görlitzer Waldorfschule, die sich den Görlitzer Schuster und Philosophen Jacob Böhme (1575 – 1624) zum Namenspatron erkoren hat, mit den dann erstmals 13 Klassen hier einziehen!

Gründung mit Kompromissen

Vor acht Jahren wurde die Schule von engagierten Eltern gegründet – nach jahrelanger Vorarbeit: Einige Familien mussten viel Geduld haben und ihre Kinder einstweilen anderswo einschulen, bis endlich alle bürokratischen, finanziellen und baulichen Hürden überwunden waren und die Freie Waldorfschule Görlitz „Jacob Böhme“ im Sommer 2011 mit 17 Kindern in den Klassenstufen eins bis vier im Dörfchen Zodel zehn Kilometer nördlich von Görlitz eröffnet werden konnte! Der Unterricht wurde in jahrgangsübergreifenden Doppelklassen erteilt, das waldorfpädagogische Konzept darauf abgestimmt. Von Anfang an wurde bewusst inklusiv gearbeitet. Die Schule wuchs stetig und der von Anfang an geplante Umzug nach Görlitz wurde vorbereitet. Verschiedene Standorte kamen in Frage – und der ehemalige Güterbahnhof war zweifellos der aufwendigste, aber auch interessanteste unter ihnen: Jahrelang stand das 1911 errichtete, bis 1993 genutzte und bis 2003 vermietete Gebäude leer, in dem einst die mit der Bahn hergebrachten Waren in Empfang genommen und über erhöhte Rampen unter den Vordächern auf (Pferde-)Wagen verladen wurden. Nun war die Deutsche Bahn bereit, das Grundstück mitsamt der riesigen Halle zu verkaufen; gleichzeitig bot sich die einmalige Chance, für die Sanierungskosten Zuschüsse zu erhalten: über ein EU-gefördertes Stadtentwicklungsprojekt, welches das gesamte Gebiet um den Güterbahnhof, das als unschöne Brachfläche die Südstadt von der Innenstadt trennt, durch Sanierung und Belebung aufwerten soll. Man entschied sich, das Projekt zumindest weiterzuverfolgen, auch wenn es noch in ferner Zukunft lag. Nun musste aber eine Zwischenlösung gefunden werden, denn das kleine Schulhaus im Dorf beherbergte bereits vier Doppelklassen der Jahrgangsstufen eins bis acht, aber für eine neue erste Klasse war beim besten Willen kein Platz mehr.

Umzug in die Stadt

Im Sommer 2016 erfolgte also der Umzug in die Stadt – in ein ehemaliges Schulhaus unweit des Bahnhofes. Hier gab es viel zu tun, um den Abschied von der Dorfidylle erträglich zu gestalten. Es wurde umgebaut, fleißig lasiert, Hochbeete wurden bepflanzt und Spielmöglichkeiten geschaffen. Von nun an wurde jedes Jahr eine neue erste Klasse aufgenommen, doch bald schon war es auch hier zu eng. Neben dem Einrichten des Hauses, der Aufnahme von Quereinsteigern, dem Einarbeiten neuer KollegInnen und dem Aufbau der Oberstufe war jetzt auch noch das Bauprojekt voranzutreiben – und ob es der langsam wachsenden Schulgemeinschaft tatsächlich gelingen würde, den Güterbahnhof zu erobern, das war keineswegs von vornherein klar. Die Vereinsversammlung, in der abgestimmt wurde, ob der Bankkredit von drei Millionen für das insgesamt neun Millionen schwere Projekt wirklich aufgenommen werden sollte, wird vielen noch lebendig in Erinnerung sein. In dieser Anfangsphase leistete der Architekt Sven Geiss (der auch an der Alanus Hochschule lehrt) mit seinem Team wunderbare Arbeit: In einem Werkstattverfahren wurde an mehreren Wochenenden gemeinsam mit Schülern, Eltern und Lehrern an der zukünftigen „Schule im Güterbahnhof“ gearbeitet und so auf eine partizipative Weise die Machbarkeit des Projektes geprüft.

Im August 2018 konnte endlich der Kaufvertrag unterschrieben werden! Im November gab es dann einen feierlicher Fackel- und Laternenzug vom aktuellen Schulhaus über die Fußgängerzone zum Güterbahnhof, wo ein Mitarbeiter der Deutschen Bahn mit guten Wünschen für die Zukunft einen symbolischen Schlüssel überreichte. Vor dem Baubeginn erfolgte dann im April 2019 eine feierliche Grundsteinlegung, bei der nicht nur der Görlitzer Bürgermeister, Funk und Fernsehen zugegen waren, sondern auch die gesamte Oberstufe unserer Dresdner Patenschule, die mit Chor, Orchester und Bigband ein unvergessliches Konzert in der Kulturbrauerei gab.

Aufbruch und Neuanfang

Nun steckt die Schule mitten im „Baujahr“ – jeden Dienstag tagen Delegierte der Schulorgane mit den Architekten im Baurat: Zuletzt wurde über die Farbe der Fenster verhandelt – und da hat durchaus auch der Denkmalschutz ein Wörtchen mitzureden, denn auch wenn der ehemalige Güterbahnhof bald eine Waldorfschule beherbergen wird, so ist und bleibt er ein Industriedenkmal. Die für Waldorfschulen anderorts typischen „runden Ecken“ wird man also in Görlitz auch in Zukunft vergeblich suchen, zumindest vom äußeren Erscheinungsbild her, denn die Klassenzimmer und Gänge werden keineswegs nur rechte Winkel haben. Auch an der lebendigen Gestaltung der großen Außenfläche wird bereits gearbeitet, der große gepflasterte Platz soll grüne Inseln bekommen: Klettergerüste, Büsche, Schaukeln, und vielleicht auch ein Amphitheater … Es gibt also viel zu tun, im Äußeren und auch im Inneren, damit die Waldorfschule im Güterbahnhof auch mehr und mehr Ausstrahlungskraft entwickeln kann und fruchtbare Impulse für die ganze Region zu setzen vermag. Neue Verbindungen mit dem in Görlitz traditionell lebenden Handwerk wollen hier ebenso weiterentwickelt werden wie die Zusammenarbeit mit den landwirtschaftlichen Höfen in der Umgebung. Die Fortführung des inklusiven Ansatzes in der Oberstufe bedeutet eine neue Herausforderung. Die deutsch-polnische Begegnung stellt ein weiteres intensives Arbeitsfeld dar: der Erfahrungsschatz für den Polnischunterricht wächst ebenso wie die Freundschaften mit den Schülern und Lehrern an der Warschauer Waldorfschule; und auch die Beziehungen zu Schulen in Zgorzelec, dem polnischen Teil von Görlitz, wollen gepflegt sein. Auch der Kontakt zu Tschechien ist durch die kleine Partnerschule in Třebušín lebendig – es tun sich also europäische Bezüge auf sowie die Aufgabe, in enger Anbindung an die regional lebenden Fragen einen Bildungsraum zu gestalten, in dem durch vertiefte Menschlichkeit immer wieder neu der Welthorizont aufleuchten kann. ///

Clara Steinkellner, geboren 1985, Autorin der Studie Menschenbildung in einer globalisierten Welt (Edition Immanente, Berlin 2012), gestaltet verschiedene Projekte im Rahmen der Freien Bildungsstiftung mit und unterrichtet Englisch und Sozialkunde an der Freien Waldorfschule Görlitz „Jacob Böhme“

Über den Autor / die Autorin

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