Der große und der kleine Bruder

Der Historiker Andreas Kappeler ist Experte für die Geschichte der Ukraine. Seine Darstellung der gemeinsamen Schicksale von Russen und Ukrainern entwirft ein Panorama von Ruhm und Leid, das gerade heute wichtige Orientierungen bietet. Denn diese Geschichte ist noch nicht vergangen.

„Es ist an der Zeit, dass wir der Ukraine einen eigenen festen Platz auch auf der mentalen Landkarte Europas einräumen.“ Mit diesen Worten lädt Andreas Kappeler gegen Ende seines Buches dazu ein, das eigene Verständnis Europas zu überprüfen. Eine eigenständige Ukraine hatte ich früher für ein Produkt erst der post-sowjetischen Zeit gehalten, nicht wissend, dass bereits im 17. Jahrhundert durch die Kosaken ein erster ukrainischer Nationalstaat, das sogenannte Hetmanat, gegründet wurde, das sich als Protektor des viel älteren „Rus‘-Volkes“ verstand.

Die mehr als tausend Jahre währende gemeinsame Geschichte von Ukrainern und Russen ist voller Reichtum, aber auch voll von leidvollen Geschichten. Schon der „Erbstreit der Historiker“ über die gemeinsame Wiege der Kiewer Rus‘ wäre ein längeres Kapitel. Das Gebiet der Ukraine war oft Spielwiese und Schlachtfeld größerer Mächte. Die Wirren des ersten Weltkriegs und der bolschewistischen Revolution sorgten für immer neue Grenzziehungen, unterschiedlichste Bündnisse, nationale Erhebungen und gewaltsame Neuordnungsversuche.

Ein besonderer Faktor in ihrem mit den Russen verbundenen Leid-Gedächtnis betrifft die Hungerkatastrophe in der Ukraine Anfang der 30er-Jahre, für die sich der Begriff Holodomor eingebürgert hat und der heute in der Ukraine als genozidaler Akt bewertet wird. Kappeler formuliert vorsichtig: „Es spricht vieles dafür, dass Stalin die Krise der Getreidebeschaffung nutzte, um nicht nur die Bauern, sondern die ukrainische Nation als Ganzes zu treffen.“ Kappeler schätzt die damaligen Opfer auf 3,5 Millionen Ukrainer. Die schlechte Behandlung durch Sowjet-Russland bildete einen Nährboden dafür, dass sich in der späteren Zeit der deutschen Besatzung viele Ukrainer zur Kollaboration mit den Deutschen bereitfanden. Tatsächlich gibt es bis heute Kräfte, die den damaligen ukrainischen Faschisten Bandera als Volkshelden feiern – ein Fakt, der von der russischen Propaganda dankbar aufgegriffen wird, um die angeblich nötige „Entnazifizierung“ der Ukraine zu legitimieren.

Beim Lesen merke ich immer wieder, wie stark auch ich von dem Narrativ geprägt bin, wonach alles in der Region westlich des Schwarzen Meeres mehr oder weniger als russisch anzusehen ist. Hitlers Angriffskrieg im Osten etwa hatte zwar Russland gegolten, aber die fruchtbarsten Böden und die wichtigsten Industriezonen lagen in der Sowjet-Ukraine. Umgekehrt kämpften in der Roten Armee, die Berlin einnahm, nicht nur Russen, sondern auch viele Ukrainer und natürlich Angehörige anderer Völker. Einwohner der Ukraine hatten ihrem Bevölkerungsanteil entsprechend Anteil am Blutzoll ebenso wie am Erfolg des Krieges. Erst nach 1945, so erfahre ich bei Kappeler, begann Stalin mit einer einseitigen Heroisierung des Russentums. Gleichzeitig setzte nach Kriegsende und nach erneuter und erweiterter Etablierung der Sowjet-Ukraine – wie schon nach der ersten sowjetischen Vereinnahmung des Landes Anfang der 1920er Jahre – abermals eine neue Welle von Verhaftungen, der Verschleppung und auch Ermordung der ukrainischen Eliten ein. All diese Geschehnisse sind bis heute in der Ukraine lebendig und viele Wunden werden durch das gegenwärtige Verhalten Russlands frisch aufgerissen.

Ukraine und „Neurussland“

Kappeler erzählt eine kühle historische Chronik, hinter deren nüchternen Zahlen die millionenfachen Schicksale leicht zu Abstraktionen werden können. Was diesem Buch fast gänzlich fehlt, sind persönliche Geschichten. Aber ein Engagement ist spürbar, mit Hilfe der Geschichte Brücken zu schlagen. In dieser Hoffnung hat Kappeler auch während seiner Zeit als Professor in Wien Symposien organisiert, bei denen russische, ukrainische und neutrale Historiker sich über ihre Sichtweisen austauschen sollten. Dies sei in den Jahren vor 2014 immer weniger gelungen, stellt Kappeler resigniert fest.

Das Buch ist vor kurzem in der dritten Auflage erschienen, die jüngsten Entwicklungen nach dem 24. Februar 2022 hat der Autor aber nicht mehr berücksichtigen können. Die von ihm aufgearbeiteten Hintergründe der russischen Krim-Annektion und der Donbas-Besetzung von 2014 lesen sich jedoch bereits wie ein Drehbuch für das heutige Kriegsdrama: Kappeler rekonstruiert (vor allem aus den damaligen Reden Putins) ein ethno-nationalistisches Programm der Wiederherstellung einstiger russischer Größe. Es ist Putins Vision von „Neurussland“, das neben der Ost-Ukraine auch den Süden des Landes mitsamt Odessa umfassen soll – und vielleicht noch mehr, denn die „sowjetnostalgischen“ Phantasien in Russland sind mächtig. Kappeler weiß dabei wohl, dass der Westen lange Zeit das „postimperiale Trauma“ zu wenig berücksichtigt und die Sicherheitsinteressen Russlands kaum ernstgenommen hat. Allerdings betont er auch, „dass Russland nicht einfach mit der Sowjetunion gleichgesetzt werden kann und deshalb auch keinen begründeten Anspruch auf Hegemonie über den postsowjetischen Raum oder gar ganz Osteuropa hatte.“

Lange Zeit stand die Ukraine im Schatten des „großen Bruders“, und bis heute tun sich Politiker in Ost und West schwer damit, den „Kleinrussen“ den Status einer eigenen Nation zuzubilligen. Kappeler wirbt dafür, der Ukraine endlich den souveränen Platz in Europa einzuräumen, der diesem Land gebührt. Und an Russland gewendet schließt der Historiker mit dem Appell, seine überholte Rolle als „großer Bruder“ aufzugeben und die Ukraine als eigenständigen Partner anzuerkennen. Für solche Ideen hat sich die russische Führung bisher als nicht empfänglich erwiesen – gegenwärtig noch weniger als zuvor. Ich wünschte, ein Buch wie dieses wäre schon nach dem Jahr 2014 auf mehr Interesse gestoßen. ///

Andreas Kappeler: Ungleiche Brüder. Russen und Ukrainer vom Mittelalter bis zur Gegenwart. C.H.Beck München (3) 2022, 267 Seiten, € 16,95. Erhältlich auch im Info3 Buchshop, für Abonnent:innen in Deutschland versandkostenfrei.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.

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