Fake News über Waldorfschulen

Foto: Waldorfschule Cottbus

Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, die Süddeutsche Zeitung, Zeit online und weitere Medien haben unter Berufung auf eine Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN) behauptet, es gäbe an Waldorfschulen häufiger Gewalt als an staatlichen Schulen. Der damalige Direktor des KFN stellt klar: In Wirklichkeit trifft das Gegenteil zu.

Von Christian Pfeiffer

Ausgangspunkt der Berichte in den Medien war eine 2005 durchgeführte Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN). Primär in größeren Städten hatten wir insgesamt 14.101 Schülerinnen und Schüler neunter Klassen zu ihren Gewalterfahrungen befragt. In Dortmund, Kassel, München, Oldenburg, Schwäbisch Gmünd und Stuttgart konnten wir dadurch auch an zehn Waldorfschulen 306 Jugendliche in die Untersuchung einbeziehen. 2007/2008 hatten wir ferner eine Repräsentativbefragung von 45.000 Jugendlichen dazu genutzt, die Gewalt an zehn anderen Waldorfschulen zu untersuchen – dieses Mal mit 314 Schülerinnen und Schülern. In dem Fragebogen wurden hierbei die erzieherischen Rahmenbedingungen der Jugendlichen etwas differenzierter erfasst als das 2005 möglich war. Ferner haben wir den Begriff der Gewalt noch enger definiert.

  1. Das Gewaltniveau an Waldorfschulen im Vergleich zu anderen Schultypen

Nachfolgend soll zunächst dargelegt werden, wie die Waldorfschulen in beiden Studien im Vergleich zu anderen Schultypen abgeschnitten haben. 2005 ergab sich zu den Waldorfschulen im Hinblick auf Raubdelikte, Körperverletzung, Erpressung und Bedrohung mit Waffen die mit 7,8 Prozent niedrigste Täterquote der fünf untersuchten Schultypen. Es folgten die Gymnasien mit 9,7 Prozent, die Realschulen mit 18 Prozent, die Gesamtschulen mit 19,8 Prozent und die Hauptschulen mit 26 Prozent. Auch die Opferquoten der Gewalt fielen bei Waldorfschulen ähnlich wie bei Gymnasien besonders niedrig aus.

2007/2008 hatten wir uns erstmals am engeren Gewaltbegriff der Polizeilichen Kriminalstatistik orientiert (Raubdelikte, gefährliche Körperverletzung, sexuelle Gewalt). Für die Waldorfschulen bestätigte sich erneut das niedrige Gewaltniveau – dieses Mal im Vergleich zu Gymnasien, Realschulen/Gesamtschulen und Hauptschulen/Förderschulen. So zeigte sich, dass die Waldorfschüler neben den Gymnasiasten am seltensten unter Gewalt der Mitschüler zu leiden hatten. Auch die Täterquote fiel mit 8,5 Prozent wieder sehr moderat aus (Gymnasien 7,9 Prozent, Realschulen/Gesamtschulen 13,7 Prozent, Hauptschulen/Förderschulen 19,4 Prozent). Besondere Beachtung verdient hierbei der Befund, dass sich bei den Waldorfschülern die mit Abstand niedrigste Quote von nur 0,7 Prozent rechtsextremistischer Gewalt ergeben hat.

Wir sehen dieses eindrucksvolle Ergebnis als Indiz dafür, dass die Lehrkräfte der Waldorfschulen dem Rechtsextremismus gezielt entgegengewirkt haben. Im Übrigen ist zu beachten, dass sie im Vergleich aller Schultypen von ihren Schülern in doppelter Hinsicht die beste Bewertung erhalten hatten – zum einen für ihre besonders hohe Interventionsbereitschaft gegenüber tätlichen Auseinandersetzungen der Schüler, zum anderen dafür, dass sie ihre Schüler am seltensten öffentlich gemein behandelt haben. Hinzu kommt, dass die Waldorfschüler der abschließenden Gesamtbewertung „An dieser Schule gefällt es mir richtig gut“ am häufigsten zugestimmt hatten.

Die dargestellten Erkenntnisse sollten schließlich auch vor dem Hintergrund der Befunde zur elterlichen Erziehungspraxis betrachtet werden. So haben die Waldorfeltern in der Kindheit der befragten Jugendlichen mit 90 Prozent am häufigsten auf massives Schlagen verzichtet und so wenig Anreiz zu eigenem Gewaltverhalten ihrer Kinder gegeben. Andererseits streiten sie untereinander häufiger als die Eltern anderer Schultypen und werden dabei auch etwas öfter tätlich gegeneinander, als das von Gymnasiasten oder Real-/Gesamtschülern berichtet wurde. Zum Vergleich: Gymnasien 2,9 Prozent, Realschulen/Gesamtschulen 3,9 Prozent, Waldorfschulen 4,2 Prozent und Hauptschulen/Förderschulen 6,2 Prozent. Außerdem erreichen die Waldorfeltern mit 38,7 Prozent die mit Abstand höchste Scheidungsrate. Das gibt Anlass zu der These, dass sie die Waldorfschule möglicherweise auch deshalb gewählt haben, weil sie ihren Kindern zum Ausgleich für all den familiären Stress eine Schule mit besonders positiven Angeboten für die eigene Persönlichkeitsentwicklung bieten möchten. Angesichts der familiären Belastungen, denen die Waldorfschüler ausgesetzt sind, beeindruckt ihr relativ niedriges Gewaltniveau.

2. Die KFN-Studie von 2005 aus der Sicht der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung

Alexander Kissler war in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung (FAS) vom 8. Juli 2007 der erste Journalist, der sich mit den Waldorf-Erkenntnissen unserer Untersuchung von 2005 auseinandergesetzt hat. Sein umfangreicher Artikel widmete sich allerdings primär der Frage, ob zwei von Rudolf Steiner vor fast 100 Jahren verfasste Bücher wegen ihrer rassentheoretischen Aussagen als jugendgefährdende Schriften verboten werden sollten. Daneben ging es ihm aber offenbar darum, die auf Steiner zurückzuführenden Waldorfschulen als stark von Gewalt belastete Einrichtungen zu präsentieren. Das zeigt bereits seine Zwischenüberschrift: „Eine Studie verzeichnet Gewalt an Waldorfschulen“. Eigentlich hätte er verkünden müssen: „Eine Studie ermittelt an Waldorfschulen die niedrigste Gewaltrate aller Schultypen“.

Über dieses Forschungsergebnis hat er durchaus auch berichtet. Aber Kissler hat einen Weg gefunden, wie er trotzdem den Waldorfschulen ein böses Gewaltimage verpassen konnte. Leichte Delikte wie Sachbeschädigungen oder Raufereien, die von der Jugendgerichtsbarkeit meist in Verbindung mit Ermahnungen und kleinen Sanktionen eingestellt werden, wurden von Kissler einfach als besondere Formen von Gewalt definiert, die an Waldorfschulen besonders oft anzutreffen seien. „Wohl aber werden Schüler nirgends häufiger geschlagen oder getreten oder wird ihr Eigentum zerstört als an Waldorfschulen“, so Kissler. Zwar zitierte er mich dann zunächst korrekt: „Laut Pfeiffer seien diese relativ oft auftretenden Formen leichter Jugenddelinquenz von Waldorfschülern auch auf deren hohe familiäre Belastungen zurückzuführen.“ Doch dann hat er mir in den Mund gelegt, diese Kinder „wüssten mit den unaufgearbeiteten Konflikten nicht anders umzugehen als auf gewalttätige Weise, womit wiederum die Lehrer nicht umzugehen wüssten“. Damit hat er ein mit mir seinerzeit geführtes Gespräch jedoch völlig falsch dargestellt, die Ergebnisse der Studie missachtet und zudem den Begriff der Gewalt inflationär aufgebläht.

3. Weitere Falschmeldungen der Medien und erste Erklärungsangebote

Am 21. Mai 2010 hatte die Süddeutsche Zeitung unter der Überschrift „Mehr Gewalt an Waldorfschulen“ Kisslers Thesen und Argumente einfach übernommen – und dies unter völligem Verzicht auf eigene Recherche zu dem, was die KFN-Studie von 2005 zur Gewalt an Waldorfschulen tatsächlich berichtet hatte. Dagegen hatte ich in einem dpa-Interview protestiert. Dies veranlasste wiederum die Süddeutsche dazu, am 27. Mai 2010 meine Richtigstellung zu veröffentlichen. Danach gab es über fast zehn Jahre hinweg keine Fortsetzung dieser Debatte. Doch dann entwickelte sich während der Corona-Pandemie eine kritische Stimmung gegen manche Lehrkräfte von Waldorfschulen. In öffentlichen Protestdebatten waren sie als Verschwörungstheoretiker, Querdenker und radikale Impfgegner aufgetreten. Möglicherweise hat das sehr dazu beigetragen, ein bis dahin eher positives Image dieser Schulen zu beschädigen. Auf einmal waren andere Sichtweisen gefragt. Wer sich dann mit den Stichwörtern „Gewalt und Waldorfschulen“ auf die Suche begab, landete schnell bei dem Artikel der FAS und fand dort bestens geeignete Ansätze für kritische Attacken.

So hatte der Blogger Oliver Rautenberg schon 2019 unter Berufung auf den Kissler-Artikel behauptet, das KFN hätte bereits 2005 nachgewiesen, die Gewalt unter Jugendlichen sei an Waldorfschulen häufiger als an allen anderen Schulformen. Ferner war bei Zeit online am 23. 11. 2022 in einem Text von Nora Imlau unter Hinweis auf unsere Studie zu lesen, Gewalt durch Lehrkräfte komme an Waldorfschulen signifikant häufiger vor als an staatlichen Schulen – „und zwar in Form von Tritten, Schlägen sowie der Zerstörung persönlichen Eigentums“. Die gedankliche Anleihe bei Kissler ist offenkundig. Neu ist allerdings, dass hier die Gewalt bei Lehrkräften verortet wird – und dies, obwohl das KFN damals deren Verhalten überhaupt nicht erfragt hatte. Auch das ist ein klarer Fall von Fake News.*

Aber vielleicht hat ja Jan Böhmermann am 18. November in seiner Sendung dazu angeregt, bei der Waldorf-Kritik als kreativer Erfinder aufzutreten. Schließlich gäbe es auch dort Einzelfälle von Lehrergewalt. „Und wenn dann mal was vorkommt, dann haben sich die Waldorfschulen eine perfekte Struktur geschaffen, damit niemand etwas mitbekommt“, hieß es in der Sendung. Auf die Angabe einer Quelle für seine kühne These hat Böhmermann freilich ebenso verzichtet wie sein ZDF-Kollege Dietrich Krauss (Die Anstalt) im Haller Tagblatt vom 2. Dezember 2022: An Waldorfschulen gäbe es keine wirklichen Kontrollinstanzen, die Vorfälle unabhängig untersuchen würden. Die These, an Waldorfschulen werde häufiger von Lehrkräften zugeschlagen, vertraten ferner die Krautreporter Bent Freiwald und Leonie Bender. Auch sie nannten als Quelle den 2010 von der Süddeutschen Zeitung zitierten FAS-Artikel und die KFN-Untersuchung. Als ich die Krautreporter in einem Telefonat darauf hinwies, dass unsere Studie ihre These klar widerlegen würde, übernahmen sie meinen Hinweis zwar in ihren Text. Danach setzen sie aber den Text mit der Frage fort, wie es sein kann, dass Gewalt von Lehrern an Waldorfschulen jahrelang folgenlos bleibe.

Doch warum haben so viele der Akteure einfach von Kissler abgeschrieben? Warum wird so oft auf gründliche Recherche und die Angabe von Quellen verzichtet? Ich habe mit einer Reihe von Medienexperten über mögliche Ursachen des Phänomens diskutiert. Dabei berichteten diese durchweg über eine Entwicklung, die ihnen Sorge bereitet. Zur Einsparung von Kosten würden in den Redaktionen die Kernteams schrittweise verkleinert. Die Arbeit werde zunehmend auf externe Freelancer verlagert. Anstelle eigener Recherchen wird auch ungeprüft auf die Inhalte von Bloggern zurückgegriffen. Die Arbeitgeber sparen damit nicht nur den Anteil zur Sozialversicherung. Wenn ihnen dann zunehmend nicht mehr starke Redaktionen, sondern Einzelkämpfer:innen gegenübersitzen, dürften die Widerstände gegen Kosteneinsparungen bei aufwändigen Recherchen schwächer werden.  Werden also engagierte Fachkräfte zunehmend durch Billigangebote verdrängt? Verringert sich so die Qualität der journalistischen Arbeit? Verstärkt sich dieser Effekt auch dadurch, dass die Arbeit im Team in steigendem Maß durch Home-Office und Online-Arbeit ersetzt wird? Schwächt die Vereinzelung die Kraft, das Richtige zu tun? Die Antworten auf diese Fragen können wichtige Hinweise darauf geben, warum es zu den beschriebenen Fake News über die Gewalt an Waldorfschulen gekommen ist. ///

Ein Text aus der Ausgabe Juni 2023 der Zeitschrift info3.

Professor Dr. Christian Pfeiffer war von 1985 bis 2015 Leiter des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen und hatte daneben an der Universität Hannover eine Professur für Kriminologie, Jugendstrafrecht und Strafvollzug. Von 2000 bis 2003 war er Justizminister des Landes Niedersachsen. Er ist ein gefragter Experte vor allem in Sachen Jugendgewalt und zu den Folgen übermäßigen Medienkonsums bei Jugendlichen.

* Am 13. Dezember wurde nach Protesten von mir der Artikel von Nora Imlau um folgenden Passus ergänzt: „In einer ersten Version dieses Textes war das Ergebnis einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens nicht korrekt wiedergegeben. Entgegen unserer Darstellung wurde Gewalt durch Lehrer gegenüber Schülern damals nicht untersucht. Da die Ergebnisse der Studie differenzierter zu betrachten sind, als es unser Artikel getan hat, haben wir uns nun entschieden, sie im Text nicht mehr zu erwähnen.“  

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