Okay Boomer!

Unser Autor mit passendem T-Shirt / Foto Johannes Denger

Auf Facebook zu kommentieren geht nicht immer gut – manchmal reicht ein einzelnes falsches Wort.

Wider besseres Wissen habe ich mich mal wieder hinreißen lassen, einen Post auf Facebook zu kommentieren. Einer der offensichtlich woken jüngeren Teilnehmer namens Marc schrieb Ok Boomer! unter meinen Kommentar. Gerne hätte ich mich kurz inhaltlich mit ihm ausgetauscht, aber in Anbetracht meines Profilbildes, das einen älteren Mann zeigt, schien ihm das nicht lohnend. Gut, er hätte auch einfach auf einen Kommentar verzichten können, denn, das wird immer wieder vergessen, kommentieren ist ja freiwillig. Aber er wollte mir doch auf den absehbar nicht mehr so langen Weg meines Lebens mitgeben, dass die Meinung eins Gruftis hier nicht interessiert. Dass ich auf Grund meiner Zugehörigkeit zu einer Alterskohorte stigmatisierend abgewertet wurde, überraschte mich insofern, als es thematisch um Diversität und Mobbing gegenüber Minderheiten ging. Diesen zumindest logischen Widerspruch schien er nicht zu bemerken oder er interessierte ihn so wenig wie ich.

Und er hat ja recht! Ich gebe zu, dass ich 1955 geboren wurde. Aber ich kann nichts dafür, ehrlich. Weder wurde ich gefragt, noch hatte ich andere Wahlmöglichkeiten – jedenfalls nicht, wenn man es exoterisch betrachtet. Ich wurde mitten in der einzigen Phase seit dem 19. Jahrhundert gezeugt, in der die Fertilitätsrate wieder stieg (ich finde das irgendwie geil!) und ihr daran anschließendes Sinken wird als Pillenknick bezeichnet. Sollen wir die Generationen danach als „Pillen-Knicker“ bezeichnen, Marc!? Demographisch betrachtet war ich immer in der Mehrheit. Zehn Jahre nach dem Krieg kriegte man wieder viele Kinder. Es ging alles aufwärts! Ich bin der lebende Beweis dafür … Wir waren viele Schüler in großen Klassen. Wir waren viele, die relativ wenige Rentner sponserten. Jetzt sind wir viele, die älter werden und bald werden wir als Alte die Mehrheit sein. Die Mehrheit hat in einer Demokratie immer recht. Wir werden recht behalten bis ins Grab, denn wir sind dann auch die Leichen-Boomer! Wenn wir sterben, stirbt mit uns halb Deutschland aus. Bei einer Nettozuwanderung von 250 000 Einwanderern pro Jahr, so ein Statistiker in einem Vortrag, werden in Deutschland im Jahr 2080 statt heute 82 noch 51 Millionen leben, ohne Zuwanderung 39 Millionen. Oh, ja, lieber Marc, glaube mir, wir werden euch noch fehlen!

„Wir sind ja als erste Nachkriegsgeneration in einem weitgehend antiautoritären Umfeld groß geworden. Die Baby-Boomer stellten in den 1980er-Jahren als Schülerinnen und Studenten die Masse der Friedensbewegung und der Umweltbewegung, haben in dieser Zeit also ein starkes politisch-gesellschaftliches Engagement an den Tag gelegt“, schreibt Bernhard von Becker. Ich war auch dabei, damals auf der großen Friedensdemo in Bonn und jetzt, vor Corona, bei Fridays for Future. OK Boomer, antwortet Marc (leider weiter nur in meiner Vorstellung), aber ihr seid doch grundsätzlich schuld an der Umweltkatastrophe.

Ich habe nie verstanden, warum ich generell etwas gegen andere Generationen haben sollte. Im Gegenteil finde ich zum Beispiel Konferenzen immer spannender, wenn viele Altersgruppen beteiligt sind. Abgesehen von den Individuen, die ohnehin immer auch einen von der Alterskohorte abweichenden, eigenen Beitrag liefern können, erlebe ich die unterschiedliche Art der Wahrnehmung, mit der die verschiedenen Generationen auf die Welt schauen und was sie daraus beitragen können, als Bereicherung.

Das alles ging mir durch den Kopf, als ich auf Marcs OK Boomer-Kommentar starrte. Meine Antwort war: „ça marche, ça boom! :-))“

Johannes Denger ist regelmäßiger Kolumnist der Zeitschrift info3.
Dieser Text erschien in der Ausgabe 7/8 2022.

Über den Autor / die Autorin

Johannes Denger

Johannes Denger ist Heilpädagoge, Waldorflehrer und Info3-Autor.

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