Esoterik – ein Stolperstein der Waldorfpädagogik?

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Waldorfpädagogik wird häufig angegriffen, weil man ihr weltanschauliche Beeinflussung unterstellt. Genau das hat Steiner jedoch ausgeschlossen.

Von Jost Schieren

Corona hat die Welt verändert, auch die Waldorfwelt. 2019 wurde mit einem international positiven Medienecho der 100-jährige Geburtstag der Waldorfpädagogik gefeiert. Der alternative, kunstbasierte, an der Individualität des Kindes orientierte und von einem hohen pädagogischen Ethos geleitete Ansatz der Waldorfschulen hat sich in unterschiedlichen kulturellen Traditionen weltoffen etabliert. Diese positive Resonanz ist seit 2020 verschwunden. Wie ein Rückfall in die 1980er Jahre klingen die Pressestimmen mit Bezug auf die Waldorfpädagogik in der Coronazeit. Esoterik, Rassismus, Antisemitismus, Verschwörungstheorie, Impfgegner und Maskenverweigerer – das sind die vernichtenden Schlagworte nicht nur der üblichen Anti-Waldorfblogger, die die niedrigschwellige Öffentlichkeit der Social Media für ihre Kampagnen nutzen. Auch die seriösen Medien stimmen unisono in diesen Chorus der Waldorfschelte ein. Die Zeit, Der Spiegel, FAZ, die Taz und die Süddeutsche Zeitung, sie alle fällen das Schwert über eine angeblich dem rechtsaffinen Abseits zugehörige Waldorfclique (siehe unsere Zusammenstellung der entsprechenden Artikel unter dem Artikel).

Dabei machen es manche Waldorfvertreter solchen Kritikern natürlich auch einfach. Da schwadroniert eine Waldorfdozentin auf Telegram mit Blick auf die Corona-Maßnahmen von dem Heraufkommen des Bösen. Auf Querdenker-Demonstrationen treten anthroposophische Redner auf, ohne sich deutlich von Reichsbürgern abzugrenzen. Durch viele Lehrerkollegien an Waldorfschulen und durch die Elternschaft geht ein Riss bezogen auf die Maskenpflicht.

Auf der anderen Seite wurde vom Vorstand des Bundes der Freien Waldorfschulen ein klares Corona-Statement veröffentlicht. Es heißt dort unter anderem: „Wir distanzieren uns ausdrücklich von simplifizierenden, mystifizierenden, diskriminierenden sowie demokratie- und staatsfeindlichen Aussagen und verurteilen es, wenn diese unter Berufung auf die Waldorfschule, die Waldorfpädagogik oder die Anthroposophie verbreitet werden.“

Esoterik und Wissenschaft

Solche Positionierungen werden aber nicht hinreichend sein, um die vehemente öffentliche Anti-Waldorfstimmung aufzuheben. Denn es kommt noch etwas hinzu, das die gesamte Waldorf- und Anthroposophieszene betrifft: Rudolf Steiner und sein Werk werden in der Öffentlichkeit als mystisch, esoterisch, als un- oder pseudowissenschaftlich deklariert. Dies sei untragbar. Gerade in der Coronazeit, wo mehr denn je die Stimmen der Wissenschaft der Politik den Takt diktieren, wird die Anthroposophie als anstößig und geradezu gefährlich eingestuft. Das bekommen die Waldorfpädagogik und auch die Anthroposophische Medizin derzeit besonders zu spüren.

Das Grundproblem dahinter besteht darin, dass mit dem Heraufkommen des neuzeitlichen wissenschaftlichen Bewusstseins im 15. Jahrhundert und insbesondere durch die Aufklärung im 18. Jahrhundert eine Opposition zwischen Wissenschaft und Spiritualität, zwischen Physik und Metaphysik geschaffen worden ist. Kants berühmter Satz: „Ich musste das Wissen aufheben, um zum Glauben Platz zu bekommen“ betont die Unverträglichkeit beider Bereiche. Das hatte und hat nicht nur wissenschaftstheoretische, sondern besonders auch gesellschaftspolitische Implikationen. Mit dem Aufkommen eines wissenschaftlichen, auf Vernunft und Rationalität beruhenden Zeitalters ist zugleich die Erfahrung eines unabhängigen Subjektes verbunden gewesen. Die freiheitliche Individualität, die sich keiner Autorität unterwirft, weder Kirche noch Adel, wird zum Ideal einer neuen Gesellschaft, für die in der französischen Revolution gekämpft worden ist. Zusammen mit dem Wissenschaftsbewusstsein wurde das Freiheitsideal geboren. Zugleich hat sich die Menschheit im Zuge der Säkularisierung von mehrere tausend Jahre alten spirituell-religiösen Traditionen losgesagt. Wissenschaft steht seitdem für Freiheit und Unabhängigkeit, Spiritualität dagegen für Unmündigkeit und Unfreiheit. Von dieser Problematik scheint auf den ersten Blick auch das Werk Rudolf Steiners betroffen. Ihm wird vorgeworfen, dass er mit dem Eintreten für Spiritualität zugleich in ein vormodernes, mythisches und wissenschaftsabstinentes Bewusstsein zurückfällt, das die unkritische Akzeptanz geistiger Weisheiten und die individualitätsnegierende Unterwerfung unter geistige Mächte einfordert. Diese Lesart der Anthroposophie eint die meisten Kritiker. Es ist aber gerade die besondere Leistung Rudolf Steiners, dass er ausgehend vom rationalen Denken ein modernes Spiritualitätskonzept begründet hat. Das menschliche Ich, das sich im Denken selbst ergreift, erfährt darin die Freiheit einer indiviual-geistigen Existenz. Die Vertiefung und Erweiterung des rationalen Denkens in eine spirituelle Erfahrung ist das zentrale Anliegen der Anthroposophie.

Dieser Unterschied zwischen einer alten Unterwerfungsspiritualität und einer modernen freiheitlichen und Ich-gegründeten Spiritualität wird oft nicht trennscharf genug gehandhabt. Das moderne naturwissenschaftliche Bewusstsein hinterlässt bei vielen Menschen eine Sinnentleerung und Sinnverzweiflung, denn mit Urknall, Wärmetod und sinnloser Zufallsevolution hält die Wissenschaft keine Sinnperspektiven bereit. Der Mensch ist dem Nichts einer ziellosen Materiewirkung in der Außenwelt und dem Nichts eines biochemisch-elektrischen Gehirnprozesses in der Innenwelt ausgesetzt, der allenfalls Illusionen produziert, die dann als Gefühl, Gedanke und Bewusstsein erscheinen. Aus der Leere, die dieses Denkmodell hinterlässt, entsteht bei vielen Menschen eine nachvollziehbare und berechtigte Metaphysiksehnsucht. Das macht auch die Anthroposophie attraktiv, ohne dass bemerkt wird, dass sich der moderne Spiritualitätsansatz Rudolf Steiners allein einer wissenschaftlichen Bewusstseinshaltung erschließt, die ins Geistige erweitert wird.

Revision der Waldorfpädagogik

Es ist interessant, dass Rudolf Steiner diesen Schritt gerade in der Waldorfpädagogik in gewisser Weise sehr streng vollzogen hat. Von vielen Kritikern wird die Anthroposophie als substanzieller Bestandteil der Waldorfpädagogik gewertet, was zweifellos auch zutrifft. Es ist aber wichtig zu bemerken, dass Rudolf Steiner bei der Begründung der Waldorfpädagogik keinesfalls seine gesamte Lehre in Anschlag gebracht.

Es war offensichtlich nicht seine Absicht, Anthroposophie als Ganze zum Gerüst der Waldorfpädagogik zu machen. In den sogenannten „grünen“ Bänden der Rudolf-Steiner-Gesamtausgabe, die alle pädagogischen Vorträge Rudolf Steiners von 1919 bis 1925 umfassen, wird man zentrale anthroposophische Inhalte gar nicht finden. Das wird leicht übersehen. Rudolf Steiner stützt sich bei der Begründung der Waldorfpädagogik auf Psychologie, Anthropologie sowie Epistemologie und besonders auch auf die Bereitschaft der spirituellen Selbstentwicklung der einzelnen Lehrerinnen und Lehrer, wo auch die Anthroposophie ihren Platz hat. Was aber keinen Eingang findet, sind klassische Inhalte aus Steiners übrigem Vortragswerk: Kosmologie, Christologie, Hierarchienlehre und – das klingt vielleicht überraschend – auch nicht die Lehre von Reinkarnation und Karma. Obwohl Rudolf Steiner zeitgleich zu der Begründung der Waldorfschule seine „Karmavorträge“ gehalten hat, fließen in die Waldorfpädagogik (im Kontrast zur anthroposophischen Heilpädagogik) keine sogenannten karmischen Betrachtungen ein. Es wäre ja durchaus denkbar gewesen, dass in den damaligen Lehrerkonferenzen bei der Besprechung von einzelnen Kindern die auftretenden Erziehungsprobleme im Lichte karmischer Besonderheiten von Rudolf Steiner angesprochen worden wären. Dies ist aber nicht der Fall gewesen, auch wenn Kritiker dies unterstellen (und manch naiv-esoterischer Waldorflehrer dies für sich heute freizügig so handhaben mag). Der Begriff der Reinkarnation hat in der Waldorfpädagogik einen rein methodisch-funktionalen Charakter, wenn es darum geht, die menschliche Individualität in einem Entwicklungsverhältnis zur Leiblichkeit zu begreifen. Es geht dabei aber nie um inhaltliche Reinkarnationsaussagen geschweige denn um Mutmaßungen über das Karma von Kindern.

Genauso wenig spielen die vielfältigen Aussagen Rudolf Steiners zur Christologie in der Waldorfpädagogik eine Rolle, abgesehen von direkten Ansprachen beispielsweise bei Weihnachts- und Schulfeiern. Allein dies gewährleistet im Übrigen, dass die Waldorfpädagogik heute in einem multireligiösen und internationalen Kontext wirksam sein kann. Auch Engel oder Elementarwesen gibt es in der Waldorfpädagogik nicht. Mögen manche „Jahreszeitentische“ und Tafelbilder hier eine andere Sprache sprechen, so ist auch dies allein einem vielleicht hier und da anzutreffenden anthroposophischen Sendungsbewusstsein geschuldet, das Rudolf Steiner aber gerade vermieden hat.

Die Krise der Gegenwart, die mit der Coronapandemie einhergeht und die eine Tendenz der allzu großen Konfrontation mit sich bringt, geht auch an der Waldorfpädagogik nicht vorbei. Sie erfährt die gleichen Spaltungen nach innen und außen, die auch gesamtgesellschaftlich sichtbar sind. Umso dringender ist es, sich zu vergegenwärtigen, dass Anthroposophie und Waldorfpädagogik nicht im Widerspruch zu einem modernen Wissenschaftsverständnis stehen. Im Gegenteil, es geht darum, den wissenschaftlich-rational verstehbaren Kern der Anthroposophie, der zugleich deren Spiritualität ausmacht, herauszustellen, indem die Anthroposophie und die Waldorfpädagogik selbst wissenschaftlich behandelt werden. Am Ende sollte die Waldorfpädagogik gerade in einer Krisenzeit wie der gegenwärtigen das leisten, wozu sie berufen ist: sich rückhaltlos für die Unterstützung und Förderung der Entwicklung von Kindern und Jugendlichen einzusetzen. ///

 

Jost Schieren ist Professor für Schulpädagogik mit Schwerpunkt Waldorfpädagogik an der Alanus Hochschule in Alfter bei Bonn. Er ist außerdem international in der Waldorflehrerausbildung tätig und Autor zahlreicher Bücher und Fachartikel.

Am 10. Februar ist Jost Schieren Auftaktredner einer Veranstaltung der Ruhruniversität Bochum zum Thema Waldorfpädagogik. Der Vortrag ist öffentlich und kann online besucht werden, Anmeldemöglichkeit auf der Website.

Links zu Waldorf-kritischen Medienberichten in den zurückliegenden Wochen:

FAZ, 4.8.2020
Rüdiger Soldt: Protest in Berlin. Die Organisationsstruktur hinter den „Hygiene-Demos“

Süddeutsche, 31.8.2020
Claudia Henzler: Reichsbürger trifft Impfskeptiker. Welche Organisationen die Corona-Demonstration in Berlin unterstützt haben – und was sie verbindet.

Die Zeit, 1.9.2020
Annika Brockschmidt: Querdenken-Demo. Sind das jetzt alles Nazis? Esoterische Hippies und anthroposophische Hausfrauen mögen ästhetisch mit der linken Mitte zu verwechseln sein. Ihr Brückenschluss zur radikalen Rechten ergibt aber Sinn.

Focus, 12.9.2020
Jan Fleischhauer: Die braunen Wurzeln der Grünen. Wo Esoterik und Corona-Protest zusammenfinden

Der Spiegel, 24.11.2020
Swantje Unterberg: Corona-Leugner in der Lehrerschaft. Wie Schüler alleingelassen werden

taz, 4.12.2020
Paul Wrusch: Waldorfschulen und Corona. Gefährliche Freiräume. Die Waldorfpädagogik baut auf „Erziehung zur Freiheit“. In der Pandemie ist an Waldorfschulen nicht klar, wo Freiheit aufhört und Diktatur beginnt.



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