Wissenschaft! Welche Wissenschaft?

UmweltaktivistInnen stellen sich derzeit hinter die Ergebnisse der Klimawissenschaft, weil diese einen Zusammenhang von CO2-Konzentration und Erderwärmung belegen kann. Gleichzeitig verlangen Skeptiker und Politiker unter Berufung auf die Wissenschaft, dass im Gesundheitswesen nur noch materiell begründbare Verfahren eingesetzt werden dürfen. Das aber hat nichts mit Wissenschaft zu tun, sondern ist unkluge politische Bevormundung.

Wieder einmal ist die Homöopathie Streitpunkt in der Politik. Während Gesundheitsminister Jens Spahn jüngst noch für einen Verbleib der Homöopathie in der Erstattung plädierte, kommen jetzt sogar aus Kreisen der Grünen Forderungen, wonach alle Therapierichtungen, deren Wirkung sich nicht mit den gängigen Wirkungsnachweisen bestätigen lassen, aus der Kassenzulassung verschwinden sollen. Zur Begründung heißt es, wenn sich die KlimaaktivistInnen auf die Wissenschaft berufen, muss das konsequenterweise auch für die Gesundheitspolitik gelten. Auch Karl Lauterbach will für die SPD alles, was jenseits der Schulmedizin liegt, aus dem Gesundheitswesen verbannen: „Eine moderne Partei, auch die SPD, muss mit der Wissenschaft gehen, das ist Verantwortung“, so der Politiker in einem Tweet.

So erfreulich der Einsatz gegen den Klimawandel und so verständlich die Berufung auf die Ergebnisse der Klimawissenschaft auch ist – als politischer Kampfbegriff taugt „Wissenschaft“ nicht. Dazu ist der Begriff zu abstrakt und vor allem auch zu ambivalent. Denn die reduktionistisch-empiristische Wissenschaft, die hinter der Homöopathiekritik steht, gehört selbst mit zu den Verursachern der größten ökologischen Krise, welcher sich die Menschheit je gegenübersah. Ohne diese Form von Wissenschaft, zu der Mechanik, Physik und Chemie gehören, wäre die karbon-basierte Industriegesellschaft, die für die Klimakrise verantwortlich ist, technisch gar nicht möglich. Energiegewinnung durch Kohle und Gas, Kunststofferzeugung, Flugverkehr und Argrarindustrie – hinter allen Hauptverursachern der ökologischen Krise steht „die“ Wissenschaft, an die manche jetzt als Allheilmittel appellieren. Im Namen der Wissenschaft lässt sich also trefflich für Klimaschutz streiten, aber ebenso gut auch für Atomkraft, Gentechnik und Ackergifte.

Ambivalente Naturwissenschaft

Die Herausbildung der wissenschaftlichen Haltung als Leitbild für die moderne Zivilisation hat sicher eine Schlüsselrolle für die Verbreitung von Aufklärung und geistiger Freiheit gespielt, und darin liegt ihr vielleicht größter Verdienst. Prototypisch dafür war die Auseinandersetzung, die Galilei kraft seiner Entdeckungen mit dem Fernrohr gegen die damals herrschende kirchliche Autorität führte: Dem geozentrischen Paradigma entsprechend, das dem theologischen Schöpfungsverständnis entsprach, hätten sich die Jupitermonde einfach nicht um einen Planeten bewegen dürfen, da sich alle Himmelskörper um die Erde zu drehen hatten, die als Mittelpunkt des Kosmos galt.

Auf der anderen Seite aber ist der Schlachtruf Galileis und seiner Nachfolger: „Messen, was messbar ist und messbar machen, was nicht messbar ist!“ auch Ausgangspunkt jener zerstörerischen Haltung, die zu einer zunehmenden Entfremdung von unseren natürlichen Lebensbedingungen führte und welche die tiefere Ursache der gegenwärtigen ökologischen Krise bildet. Erst ein Paradigma, das die Welt in zähl- und messbare Kleinstteile zerlegt und jede emotionale Bindung von uns Menschen an die Natur unterdrückt, hat die vollständige Beherrschbarkeit der Erde und den Raubbau an ihr ermöglicht.

Wirksamkeit oder Erklärbarkeit?

Aber Wissenschaft ist immer schon mehr als der naturwissenschaftliche Reduktionismus gewesen. Sie ist eine Haltung, insofern sie das kritische und eigenständige Denken verlangt, und sie kann so vielfältig sein wie die Wirklichkeit selbst. Wer sich in den Wissenschaften umsieht, wird sehen, wie etwa Psychologie, Ethnologie, Erziehungs- oder Sozialwissenschaften jeweils ein ganz eigenes Methodenverständnis entwickelt haben, als es in den Naturwissenschaften gilt. Es gibt Verfahren, in denen zum Beispiel Verstehen und qualitative Befragungen eine wesentliche Rolle spielen. Erst recht gilt das für die verschiedenen Geistes- und Kulturwissenschaften.

Die Verabsolutierung eines verengten Begriffs von Wissenschaft zeigt sich indessen selten so klar wie in der Homöopathie-Debatte. „Viele ‚Skeptiker’ halten eine Wirkung hochpotenzierter Arzneimittel a priori für unmöglich. Sie berufen sich hierbei auf die Unvereinbarkeit mit bestimmten naturwissenschaftlichen oder medizinischen Theorien und Modellen“, kritisiert der Homöopathievertreter Jens Behnke. „Diese werden somit in den Status von Dogmen erhoben, welche prinzipiell keine Erfahrung zu widerlegen imstande sein kann. Auf diese Weise wird aber der Wissenschaftsbegriff ad absurdum geführt, weil genau jene Art von ‚letztgültigen’ Theorien in den Bereich der Metaphysik gehört.“ (Jens Behnke, Homöopathiekritik zwischen Wissenschafts-Dogmatismus und politischem Agendasetting, zuerst erschienen in ZKH 2017; 61(03): 124-128.)

Das heißt: Die Behauptung, nur das materiell Überprüfbare sei wirklich, ist selbst mit keiner Wissenschaft zu beweisen, sondern bildet vielmehr selbst als Normsetzung den Ausgangspunkt der empiriebasierten Naturwissenschaft.

„Der zugrundeliegende dogmatische Szientismus und die Strukturen der Organisation sind charakterisiert von einem dualen Weltbild, innerhalb dessen man nur für oder gegen paranormale Phänomene und folglich ‚Skeptiker’ oder ‚Gläubiger’ sein könne. Zwischenstufen sind unzulässig, und Andersdenkende werden in der Regel bekämpft“ (Jens Behnke). Auch die von den Skeptikern verwendete Diktion ist vielsagend: Bereits 1992 wurde in der sogenannten Marburger Erklärung, die sich einem befürchteten Vordringen in die akademische Ausbildung widersetzen wollte, die Homöopathie wörtlich als „Irrlehre“ bezeichnet.

Die Reduzierung der Wirklichkeit auf das materiell Nachweisbare ist falsch

Und wenn doch eine Studie die Wirksamkeit von Homöopathika belegt? Dann ist immer noch das Totschlagargument vom „Placebo-Effekt“ zur Hand, will sagen: Die betroffenen PatientInnen hätten eben geglaubt, sie seien mit einem wirksamen Mittel behandelt worden und sie hätten sich dann die Wirkung nur eingebildet und dadurch hätte sich ihr Zustand verbessert. Diese Argumentation aber hat eine vermutlich unerwünschte logische Nebenwirkung, die einer näheren Überlegung wert ist: Denn selbst wenn die in Studien nachgewiesene Verbesserung des Gesundheitszustandes von PatientInnen „nur“ auf den Placebo-Effekt zurückzuführen sein sollte, das heißt, wenn statt einer Wirksamkeit des Medikaments „nur“ die Einbildung des Patienten die Verbesserung bringt (was es im Übrigen auch bei allopathischen Medikamenten gibt!) – dann wäre doch zu fragen, wieso die Kraft der Einbildung eine kausale Wirkung auf die Gesundheit haben kann! Denn das würde ja bedeuten, dass Vorstellung, Geist oder Bewusstsein unmittelbare Wirkungen auf die natürlichen Lebensgrundlagen ausüben! Nichts ist gleichzeitig „esoterischer“ als Erklärung und beweiskräftiger gegen den wissenschaftlichen Naturalismus als die Erklärung durch den Placebo-Effekt.

Tatsächlich werden solche Aspekte auch bereits in der Medizin im Rahmen der Psychosomatik erforscht. Denn bekanntermaßen hat die sogenannte „Erwartungshaltung“ von PatientInnen einen nachweisbaren Einfluss auf die Gesundheit: „Die Tendenz ist hier, dass es Patienten, die höhere Erwartungen an das Behandlungsergebnis haben, auch tatsächlich besser geht als Patienten, die geringe Erwartungen haben“, erläuterte die Professorin für Komplementärmedizin Claudia Witt dieses Phänomen einmal gegenüber info3 (Ausgabe 6/2009).

Solche in der Medizin „Kontexteffekte“ genannten Faktoren sind beispielsweise auch bekannt geworden durch die sogenannte Nonnen-Studie in den USA. Sie zeigte, dass degenerative Veränderungen der Hirnstrukturen, wie sie für Alzheimer typisch sind, nicht notwendig mit einem Auftreten der Erkrankung korreliert sind und dass es Faktoren gibt, die die hirnphysiologischen Defekte ausgleichen können. Sie liegen, so die These von David Snowden, in der frühen psychosozialen Entwicklung: positive Lebenseinstellung, Selbstwirksamkeitserfahrungen, kreative Einstellung zur Umwelt, lebendige Wahrnehmung und ähnliches führe dazu, dass das Gehirn eine große Plastizität habe und um die Defekte herum „plastizieren“ könne. Ein anderes Beispiel sind in diesem Zusammenhang die Ergebnisse, die der Mediziner Dean Ornish in der Behandlung von Herzerkrankungen durch Meditation erzielen konnte. All diese Effekte sind seit etwa 20 Jahren zumindest in Ansätzen gut beschrieben durch die Psychoneuroimmunologie.

Empiristische Naturwissenschaft ist ungeeignet als Lebensvorgabe

Wissenschaft ist eben mehr als die Zusammenstellung von physischen Fakten, gerade in der Medizin. Der Wissenschaftstheoretiker Paul Feyerabend hat darauf aufmerksam gemacht, dass viele bahnbrechende Entdeckungen wie etwa die Röntgenstrahlen keineswegs durch methodische Konsequenz, sondern durch Probieren, unkonventionelle Herangehensweisen und nicht selten auch durch pure Zufälle entstanden sind. Zur Wissenschaft gehört ja vor allem das Fragen, die Neugier auf das Unbekannte, noch nicht Erklärbare. Gute Wissenschaft weiß immer um das Vorläufige ihrer Ergebnisse, die sie immer nur als Annäherung an die Wirklichkeit versteht. Ein Wissenschaftsbegriff, der die Welt auf das Zähl- und Messbare begrenzen will, ist zu eng. Ihn zu erweitern bedeutet eine Herausforderung gerade angesichts der ökologischen Weltkrise. Denn was uns fehlt, ist eine Diversität von Wissenssystemen, welche die Dinge nicht auf die simpelsten Faktoren reduziert, sondern die sich für Komplexität öffnet, die den Menschen nicht länger ausschließt, sondern uns mit den Dingen mitfühlen lässt und uns hilft, Verantwortung für die Welt zu übernehmen – so wie es übrigens gerade in der Klimawissenschaft ja auch passiert.

Bestimmte Kreise im Umfeld der Skeptiker-Bewegung und des missionierenden Atheismus wehren sich aber genau gegen solche Veränderungen, weil sie um die Deutungshoheit des materialistischen Paradigmas fürchten. Deshalb geht es auch gar nicht nur gegen Homöopathie, es geht auch gegen andere „Besondere Therapierichtungen“ wie Akupunktur und Anthroposophische Medizin. Und es geht auch nicht nur um das Gesundheitswesen, sondern um den Machterhalt einer naturalistisch reduzierten Weltsicht, nachdem in den letzten Jahren Ganzheitlichkeit und bewusste Lebensführung zunehmend Teil der Praxis von immer mehr Menschen geworden sind. Das betrifft auch die Schulen: Kritiker der Waldorfpädagogik erheben schon jetzt immer öfter der Vorwurf, „da wird keine Wissenschaft gelehrt“. Wollen wir uns wirklich einen solchen Dogmatismus vorschreiben lassen? Wie arm wäre denn ein Leben, dessen Werte sich nur im materiell Nachweisbaren definieren ließen? Was bliebe von Begriffen wie Freiheit, Toleranz und Menschenwürde, wenn sie naturwissenschaftlich „bewiesen“ werden müssten? Gegen solche Art von geistigem Zwang muss man aufstehen, solange es noch geht.

Ein Text aus der Schwerpunktausgabe „Homöopathie wirkt!“ der Zeitschrift info3 12/2019. Hier das Schwerpunktheft als Printausgabe oder als PDF bestellen.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.