Umstrittene Studie: Anthroposophie als Quelle des „Querdenkertums“?

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Basler Soziologen haben im Auftrag der grünen-nahen Heinrich Böll Stiftung versucht, die Corona-Proteste in Baden-Württemberg zu erklären. Ihre zentrale These, dass die sogenannten Querdenker wesentlich aus dem anthroposophischen Milieu genährt wurden, findet dabei große Medienresonanz. Bei näherem Hinsehen erweisen sich die methodische Basis und die inhaltlichen Ergebnisse der Studie allerdings als wenig tragfähig, um derart weitreichende Folgerungen ziehen zu können.

Die Botschaft der Studie der Uni Basel klingt verheißungsvoll: Nüchterne Wissenschaft erklärt, wie Querdenker in Baden-Württemberg ticken. „Eigenes Recherchieren, kritisches Hinterfragen und Aufspüren von Quellen sind zentrale Motive der Querdenken-Proteste“, stellt das Team um Professor Oliver Nachtwey fest. „Die Befragten verfügen über ein libertäres Freiheitsverständnis, in dem Individualität, Eigenverantwortung und Selbstbestimmung nahezu absolut gesetzt werden“, heißt es weiter. Insgesamt vier Gruppen, in denen solche Motive wichtig sind, machen die Basler Soziolog:innen in ihrer Studie aus: das Alternativmilieu allgemein, das anthroposophische Milieu, das christlich-evangelikale Milieu und das bürgerliche Protest-Milieu. Dabei findet das „anthroposophische Milieu“ in der Studie die bei weitem ausführlichste Beachtung. Die Anthroposophie sei schließlich „ein wesentlicher Faktor zum Verständnis der Corona-Bewegung“, wie die Autor:innen meinen.

Worauf gründen Nachtwey und seine Kolleg:innen nun ihre Aussagen im Einzelnen? Die Studie verwendet einen sogenannten Mixed-Methods-Ansatz, bei dem Fragebögen und Interviews ausgewertet sowie „Feldexpert:innen“ hinzugezogen wurden. Bei den Fragebögen handelt es sich um die Sekundäranalyse einer bereits 2020 von der gleichen Gruppe durchgeführten Erhebung. Grundlage dafür waren 1152 ausgefüllte Fragebögen, die durch Einladung in Telegram-Gruppen generiert wurden. Aus den entsprechenden Antworten werden zunächst keine spezifischen Folgerungen bezüglich der Bedeutung von Anthroposophen für die Proteste abgeleitet. Wichtiger sind diesbezüglich drei ausführliche Interviews mit Verantwortlichen anthroposophischer Einrichtungen in Baden-Württemberg. Konkret standen Geschäftsführende aus zwei Waldorfschulen in Baden-Württemberg sowie eine Persönlichkeit aus einer anthroposophischen Klinik zur Verfügung. Die Hauptthese einer Ursachenkette von Anthroposophie und Querdenkertum lässt sich allerdings aus den Gesprächen auch nach Einschätzung der Studie selbst nicht begründen: „Die drei Interviews legen die These nahe, dass nicht in erster Linie die Anthroposophie für die Ablehnung coronabedingter Maßnahmen ausschlaggebend ist, sondern die Verkopplung aus anthroposophischer Staatskritik und der  generell staatkritischen Haltung der betreffenden Akteure, die vor allem in der Selbstverwaltung zum Ausdruck kommt.“ (S. 46) Der in der Studie zitierte anthroposophische Klinik-Chef distanziert sich beispielsweise ausdrücklich von der Maßnahmenkritik (S. 40ff.) und bekennt sich zur Maskenpflicht. Auch bei den zitierten Aussagen der beiden Waldorf-Geschäftsführer:innen finden sich keinerlei Belege für „Querdenken“ im Sinne der Studie. Vielmehr betonen beide, dass aus der Elternschaft heraus das Missverständnis aufgekommen sei, dass sich die Waldorfschule als freie Schule nicht an staatliche Vorgaben halten müsse. Die Geschäftsführerin mache „in ihrem Kollegium keine anthroposophische Begründung der Maßnahmenablehnung fest“, heißt es wörtlich. (S. 46) Der zweite Waldorf-Geschäftsführer bezeichnet Corona-Maßnahmengegner an seiner Schule als „eine Minderheit, die auf Provokation aus“ sei.

Wertender Rahmen

Die insgesamt negative Charakteristik der Anthroposophie als einer unwissenschaftlichen und zu Verschwörungen neigenden Bewegung gründet sich also nicht auf etwaige belastende Aussagen, sondern kommt durch den durchgehend wertenden Rahmen der Studie zustande. Dazu gehört die pauschale Diskriminierung von Esoterik und die Unterstellung einer „Komplementarität von verschwörungstheoretischen und esoterischen Überzeugungen.“ Die Charakteristik der Anthroposophie folgt dabei übrigens ausschließlich den Arbeiten von Helmut Zander sowie einschlägig bekannter Anthroposophie-Bekämpfer:innen wie Jutta Ditfurth und André Sebastiani. Losgelöst von der eigenen Empirie lassen sich vor diesem Hintergrund dann medienwirksame Behauptungen aufstellen: „Es gibt eine starke Wahlverwandtschaft zwischen dem anthroposophischen Denkstil und der Corona-Kritik“, heißt es. „Auch wenn Kritik an den Corona-Maßnahmen nicht primär anthroposophisch begründet wurde, handelt es sich um Einrichtungen, die eine ideelle beziehungsweise institutionelle Grundlage dafür bieten.“ Man muss kaum betonen, dass sich aufgrund derart konstruierter „Wahlverwandtschaften“ eigentlich alles behaupten lässt – nur hat das mit Wissenschaft nichts zu tun.

Keine ausreichende Basis

Gegenüber info3 hat Professor Dirk Randoll eine Einschätzung der Studie versucht. Er verfügt als Bildungs- und Sozialforscher selbst über langjährige Erfahrung in der Methodik empirischer Studien und meint: „Durch den gewählten Mixed-Methods-Ansatz wird in beiden Studien die Erwartung geweckt, dass man das Phänomen ‚Soziologie der Corona-Proteste‘ aus verschiedenen Perspektiven auf einem hohen qualitativen Niveau beleuchten möchte. Die empirischen Teile entsprechen jedoch nicht den Kriterien wissenschaftlichen Arbeitens, weil sie nicht nachvollziehbar sind (unter anderem die Befragung über Telegram) und weil die Auswahl der Stichprobe und ihr Zustandekommen nicht transparent ist“, so Randoll. „Vor allem aber stellen im Falle der Anthroposophie drei Einzelinterviews keine ausreichende Basis für die Ableitung solch schwerwiegender Thesen dar.“  Dass man mit so wenigen qualitativen Interviews keine repräsentativen Ergebnisse erzielen kann, gestehen am Ende auch die Studien-Macher:innen selbst: „Die explorativ konzipierte Studie verfolgt nicht den Anspruch, eine vollumfängliche Klärung der Querdenker-Bewegung in Baden-Württemberg zu erarbeiten, vielmehr werden Thesen entwickelt, die weiterer Forschung bedürfen“, heißt es in der Zusammenfassung.

Und Heinrich Böll?

Die Studie wurde im Auftrag und mit finanzieller Unterstützung der Heinrich Böll Stiftung erstellt, die der Partei Die Grünen nahesteht. Diese politische Kraft hat sich auf dem Weg zu einer etablierten Regierungspartei „im Kern von einer Traditionslinie getrennt, die in ihrer Entstehungsphase von Bedeutung war“, heißt es in der Studie. Programmatisch dafür ist nicht nur die wachsende Ablehnung der Komplementärmedizin oder der direkten Demokratie durch die Partei. Es ist auch die Abkehr von Idealen wie Naturverbundenheit, Selbstbestimmung und dem kritischen Hinterfragen staatlicher Macht, die in der Studie schon fast als verdächtig gelten. Vermutlich würde Heinrich Böll, nach dem die Stiftung benannt ist und der sich seinerzeit staatskritisch an Sitz-Blockaden gegen Militäreinrichtungen beteiligte, heute den Kriterien der Studie zufolge auch als Querdenker gelten.

Aktueller Buchtipp: Wolfgang Müller, Zumutung Anthroposophie. Rudolf Steiners Bedeutung für die Gegenwart. Informationen und Leseprobe hier.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.