Ukrainehilfe der Waldorfschule Böblingen

Friedensdemonstation / Foto: info3

Innerhalb weniger Tage haben engagierte Lehrer:innen und Eltern der Waldorfschule Böblingen im Landkreis über 300 Unterkünfte für geflüchtete Schüler:innen und Familien ihrer Partnerschule in Odessa organisiert. Bereits am Montag, dem 7. März konnten 57 Schüler:innen aus der Ukraine ihren ersten Schultag in Böblingen beginnen.

Da etliche Waldorfschulen in Deutschland Russisch als Fremdsprache unterrichten, gibt es in ihrem Umfeld seit Jahren einen engen Austausch zwischen Ost und West. Umso größer war die Betroffenheit über die russische Invasion in der Ukraine. Mehrere Waldorfschulen haben Partnerschulen in der Ukraine – so auch die Waldorfschule im baden-württembergischen Böblingen, die seit vielen Jahren einen Schüleraustausch mit einer Schule in Odessa organisiert. Die letzten Schüler:innen, die vor Corona in die Hafenstadt am Schwarzen Meer reisen konnten, sind jetzt in der elften Klasse. Als sie am 24. Februar von den Entwicklungen in der Ukraine erfuhren, boten sie ihren Austauschpartner:innen spontan eine sichere Unterkunft an.

Ihre Russisch-Lehrerin unterstützte diese Solidaritätsbekundung und begann gemeinsam mit dem Klassenlehrer Andreas Rysavy, der 2018/19 mit der damaligen achten Klasse am Schüleraustausch teilgenommen hatte, ein privates Hilfsnetzwerk für die befreundeten Familien zu knüpfen: Sie suchten Unterkünfte für die Austauschschüler:innen und deren Angehörige – zunächst in der Elternschaft, dann auch darüber hinaus in der Region. Unterstützung erhielten sie von Heidi Pussel, deren Tochter ebenfalls beim letzten Schüleraustausch dabei war. Die studierte Waldorfpädagogin richtete innerhalb weniger Tage auf einer Online-Plattform eine virtuelle Gruppe ein, in der sich Helfer:innen und Gastgeber:innen vernetzen und Hilfsangebote koordiniert werden können. Mittlerweile beteiligen sich über das direkte Umfeld der Schule hinaus immer mehr Menschen: Aktuell (Stand 10. März) stellen knapp 100 Personen aus dem Landkreis Böblingen zusammen über 300 Betten zur Verfügung.

Interview

Frau Pussel, am 7. März waren in Böblingen die Faschingsferien vorbei und 57 Schüler:innen aus Odessa konnten bereits den ersten Schultag nach ihrer Flucht erleben. Wie haben Sie das so schnell organisieren können?
Die Resonanz auf unsere Hilfsaktion war wirklich beeindruckend. Schon wenige Stunden nach der Veröffentlichung auf der Homepage erhielten wir zahlreiche Unterstützungsangebote. An unserer ersten Videokonferenz am 5. März, also gerade mal gut eine Woche nach Beginn des Krieges, nahmen bereits 89 Menschen teil. An jedem Bildschirm saßen mindestens zwei Personen, eher drei oder vier. Das waren Eltern der Böblinger Waldorfschüler:innen oder Menschen aus dem Landkreis, die sich als Gastgeber beteiligen, einige der bereits angereisten Gäste aus Odessa, aber auch weitere Helfer, die sich als Paten angeboten haben oder Transporte übernehmen. Die Konferenz hat zweisprachig mit Übersetzung stattgefunden. Und nun sind die ersten Schüler:innen in der Schule angekommen! Die beiden verantwortlichen Lehrer haben in den Tagen zuvor ein Video gedreht, auf dem unsere Gäste schon mal sehen konnten, wie es bei uns an der Schule aussieht. Darin hieß es: Montag um acht geht der Unterricht für die Schüler:innen aus Odessa los, jeder bekommt ein Mäppchen und dann starten wir.

Können denn alle geflüchteten Schüler:innen der Schule aus Odessa einen Platz an Ihrer Schule bekommen?
So ist zumindest der Plan. Zunächst hatten wir ja vor allem die Schüler:innen aus der damaligen Austauschklasse eingeladen, doch es sind jetzt schon wesentlich mehr. Unsere Schule ist einzügig und wird von rund 400 Schüler:innen besucht, die Puschkin-Schule in Odessa hat 700 Schüler:innen. Es ist klar, dass wir nicht alle hier unterbringen können. Als die Zahl der Gäste etwa 300 erreichte, haben wir erstmal einen Anmeldestopp für potenzielle Gastgeber gesetzt, um uns auch angemessen um die Kinder, begleitende Mütter sowie Großeltern kümmern zu können. Aber wir wissen noch nicht, wie sich die Lage weiterentwickelt. Vielleicht werden wir erneut Gastgeber-Familien suchen müssen.

Wie läuft die Kooperation vor Ort – mit der Stadt oder anderen Stellen?
Sehr angenehm und vertrauensvoll. Wir sind zunächst aufs Jugendamt zugegangen, weil wir ja wussten, dass auch unbegleitete minderjährige Geflüchtete ankommen werden. Die Mitarbeitenden sind sehr kooperativ. Die ersten Inobhutnahmen haben schon stattgefunden, das hat alles gut geklappt. Wichtige Unterstützung haben wir auch von der Hilfsorganisation Helfen statt Hamstern erhalten, die in Sindelfingen Sachspenden aus der Bevölkerung sammeln, sortieren und in die Krisengebiete transportieren. Da konnten unsere Gastgeber:innen zum Beispiel bei Bedarf Ausstattung für die Gäste wie Bettdecken, Kopfkissen oder Wäsche bekommen.

Was ist die aktuell die größte Herausforderung?
Die Unsicherheit der erwachsenen Gäste. Wir halten sie immer auf dem Laufenden, was hier in Deutschland politisch beschlossen wird, etwa das vereinfachte Aufnahmeverfahren. Aber sie sind natürlich unruhig und wollen möglichst schnell, dass ihr Status geklärt ist und sie die nötigen Papiere zusammen haben. Sie wollen arbeiten, nach vorne schauen. Wenn eine Böblinger Familie zusammenrückt, um ein Zimmer freizumachen, ist das keine Lösung auf Dauer – das sehen unsere Gäste ja auch. Deshalb versuchen wir jetzt, auf privater Basis möglichst schnell Deutschkurse für die Erwachsenen zu organisieren. Zum Glück haben wir dafür einen Raum an der Schule, die mit dem öffentlichen Nahverkehr gut erreichbar ist. Ich denke, entscheidend für das gelingende Miteinander ist unsere Haltung. Wir wollen ein offenes Ohr haben und empathisch mitfühlen: Was brauchen diese Menschen jetzt, um den nächsten Schritt zu gehen? Und was können wir dazu beitragen, damit dieser Schritt möglich wird? So kann hoffentlich ein Miteinander entstehen, das von Toleranz und Verständnis geprägt ist – und das ist dann auch eine gute Grundlage für das längerfristige Zusammenleben. ///

Mehr Informationen zur Odessa-Hilfe aus der Waldorfschule Böblingen.

Interessierte Helfer:innen können sich direkt hier registrieren.

Über den Autor / die Autorin

Laura Krautkrämer

Info3-Redakteurin seit 2009. Verantwortet seit 2011 den wöchentlichen Newsletter Info3-Bewegungsmelder, der Nachrichten rund um Anthroposophie, Waldorfpädagogik und andere Praxisfelder zusammenstellt und kommentiert. Als freie PR-Texterin und -Beraterin ebenfalls im anthroposophischen Umfeld tätig.

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