„Seid jung im Herzen!“

Teilnehmende des Forums lauschen der Musik und genießen die Sonne in Ägypten.

Der globale gesellschaftliche Wandel kann nicht stattfinden, wenn wir auf das Handeln anderer warten. Jeder Mensch kann selbst Vorbild für künftige Generationen sein. Wie gelingt es, individuelles Potenzial für die Zukunft zu entfalten? Mit dieser Frage beschäftigte sich das Social Initiative Forum in Ägypten in Zusammenarbeit mit der Sekem Initiative. Info3 war dabei.

„Wir sind soziale Wesen und brauchen ein offenes Herz, um in der Welt zu sein.“ So eröffnete Projektleiterin Joan Sleigh das Social Initiative Forum in der Heliopolis Universität für nachhaltige Entwicklung in Kairo. 250 Menschen aus 26 Ländern der Welt trafen sich, um gemeinsam an globalen sozialen Fragen zu arbeiten. Das übergeordnete Motto der viertägigen Konferenz in Ägypten lautete Unfolding Individual Potential for the Future. Zum ersten Mal seit zwanzig Jahren fand das Forum in einem arabischen Land in Nordafrika statt, zwischen Wüste und Nil, Pyramiden und Palmen: in Sekem, einer Initiative für nachhaltige soziale und ökologische Entwicklung in der Wüste nahe Kairo. Im Vordergrund der globalen Konferenz stand die Rolle der Bildung für eine zukunftsfähige Gesellschaft. „Die Frage ist, was brauchen Lernende, um selbst Führungskräfte der Zukunft zu werden?“, so Sleigh für das fünfköpfige Organisationsteam. Die Sekem Vision, die auf den Gründer Ibrahim Abouleish zurückgeht, und der Initiativgeist vor Ort galten als Inspiration für die Tagung: ökologische Nachhaltigkeit, Zusammenleben in Würde und wirtschaftliche Tätigkeiten im Einklang mit ökologischen und ethischen Prinzipien.

Es ist schwer zu sagen, wo Bildung anfängt. Wie muss sie sein, damit sich Menschen frei entfalten können? Was macht Bildung für alle Menschen möglich? Bildung kann nicht isoliert betrachtet werden, sie hängt immer mit gesellschaftlichen, ökologischen, kulturellen und ökonomischen Bedingungen zusammen. „Es geht um Potenzialentfaltung!“, hielt Helmy Abouleish, Geschäftsführer der Sekem Initiative,  zum Auftakt fest. Es gehe für die Bewältigung der gesellschaftlichen und ökologischen Krisen darum, auf menschliche Entwicklung als Schlüssel für globalen Wandel zu schauen.

Vom Leben lernen

Internationale AkteurInnen aus Europa, Asien, Afrika, Nord- und Südamerika sprachen aus verschiedenen Kontexten (Pädagogik, Soziale Arbeit, Soziales Unternehmertum, Landwirtschaft und Ökonomie) über Räume für Potenzialentfaltung. „Lernende müssen lernen, dem Leben zu begegnen. Denn alles, was uns begegnet, hat etwas mit uns zu tun“, betonte Florian Osswald, Leiter der Pädagogischen Sektion am Goetheanum, in seinem einleitenden Vortrag über Bildung, die Kinder von heute und morgen brauchen: eine Bildung, die spirituelle Elemente des Wachsens und menschliche Beziehungen mehr berücksichtigt. Für Schulen heißt das, so Margret Rasfeld von der Evangelischen Schule Berlin Mitte: „Schule bereitet nicht auf das Leben vor, sie ist Leben.“ Mit ihrer Initiative Schule im Aufbruch geht sie selbst mit gutem Beispiel voran.

Bildung findet aber nicht nur innerhalb formaler Bildungsräume statt, sondern lebenslang. Das breite Spektrum der vorgetragenen Initiativen verdeutlichte außerdem den Umfang schon stattfindender gesellschaftlicher Transformationsprozesse. Nahezu alle Vortragenden teilten ein Bild: Jeder Mensch braucht ein Vorbild, das inspiriert und Mut macht, sowie einen Menschen, der an das Unmögliche in einem glaubt. Besonders eindrücklich schilderte dies zum Beispiel James Sleigh vom Camphill Village in Südafrika. Anstatt den Menschen mit einer reinen Fürsorge-Haltung zu begegnen, werden die Jugendlichen zur Herstellung von Joghurt und Brot angeleitet, das sie selbst in der Region vermarkten. Durch die Arbeit an Produkten, die in der Region gebraucht werden, wächst das Gefühl der Wertschätzung und Anerkennung. Die Menschen strahlen wieder.

An ganz anderer Stelle arbeitet beispielsweise Simone Helmle von der Demeter Akademie Deutschland an der Bildung für SupermarktverkäuferInnen. Bei ihren Seminaren, die auf Demeter-Höfen stattfinden, um die Arbeitsweise und -haltung von Demeter-BäuerInnen erfahrbar zu machen, schafft sie einen Raum, in dem sich die Teilnehmenden nicht nur als Lernende, sondern auch als Wissende und Erkennende begreifen.

Zauberhafte Atmosphäre

An den Vor- und Nachmittagen wurden die Teilnehmenden selbst aktiv. Künstlerische und andere Workshops zur Vermittlung praktischer Fähigkeiten führten die Hände an den Ton, Geist und Körper in Bewegung und die Stimme zur Entfaltung. Ein Workshop über die Bewegungskunst Capoeira zog auch zahlreiche junge Studierende auf dem Campus an, die gar nicht an der Konferenz teilgenommen hatten. „Das ist wundervoll, was hier passiert“, meinte Organisationsmitglied Juan Bottero, „so viele Menschen tragen hier dazu bei, dass etwas Schönes entsteht, ohne dass wir das vorher geplant hätten.“ Innerhalb weniger Tage entwickelte sich eine Atmosphäre, in der Alter, Geschlecht oder Herkunft kaum mehr eine Rolle spielten. „Ich erlebe die Menschen hier als sehr offen. Alle erzählen von ihren eigenen Bedürfnissen und Erfahrungen. Sie wollen etwas teilen, da spielt der soziale oder kulturelle Hintergrund keine Rolle“, bemerkte Sleigh.

„Für mich hat das Wesentliche zwischen den Vorträgen stattgefunden.“ Damit meint Bruno Sandkühler, der seit über 60 Jahren zum ägyptischen Altertum und der Begegnung mit dem Islam forscht, die kleinen Gespräche in den Pausen. Dabei konnte ein intensiverer Austausch auf Augenhöhe entstehen, der durch die eher frontalen Vortrags- und Workshop-Formate nicht gegeben war. In den kurzen Pausen im Foyer oder zwischen den grünen Pflanzen im Innenhof der Universität, in der einen Hand eine Dattel, in der anderen ein Glas Guavensaft, entstanden viele kleine herzliche Begegnungen, die in Erinnerung bleiben. Momente, in denen sich Individuen begegnen, sich zeigen und sich gegenseitig die Fragen stellen, die sie aneinander haben. Ein kleiner Kritikpunkt lag in der fehlenden Präsenz ägyptischer RednerInnen und Workshop-Leitenden. Auch die 89-jährige Mitgründerin des Forums Truus Geraets bemängelte: „Unsere ganze Idee war, dass die Leute, die nie zu Wort kommen, doch einmal zu Wort kommen. Und das ist auch hier nicht geschehen.“

Einander Vorbild sein

Die große Sekem Vision 2057 für Ägypten, die Helmy Abouleish präsentierte, steht beispielhaft für ein mutiges Vorbild: „Der Wandel zu einem unerwarteten Besseren ist möglich“, so Abouleish, „es braucht eine Vision und unsere gemeinsame Anstrengung, dann gibt es keine Mission impossible.“ Ägypten selbst ist ein Land voller Herausforderungen. Das Bevölkerungswachstum ist seit den 1950er von 18 auf heute 104 Millionen angestiegen. Es herrschen eine große Wasserknappheit (die Hälfte des Wassers wird trotz des Nils importiert), ein rigides Bildungssystem und soziale Ungleichheit. Für eine gelingende Zukunft braucht es Visionen und Vorbilder wie Sekem. Doch genauso sehr braucht es die Kraft und Stimme der jungen Generation. Für die Qualität der Kraft ist die Performance-Künstlerin und Projektkoordinatorin in Sekem Nana Woo hervorzuheben. Ihre Improvisations- und Begeisterungsfähigkeit ließ viele kleine Flammen der Freude leuchten. Der intergenerationale Austausch beflügelt die Sinne – und so bleibt man mit Truus Geraets‘ Worten „im Herzen jung.“

Info: Seit fünf Jahren wird das Social Initiative Forum vom Sozialwissenschaftlichen Bereich des Goetheanums in der Schweiz unter der Projektleitung von Joan Sleigh jährlich in verschiedenen Ländern ausgerichtet. Ursprünglich entstand das Forum vor 20 Jahren als globales Netzwerk für soziale Initiativen aus einem Impuls von Ute Craemer, Gründerin der sozialen Organisation Monte Azul für Kinder und Jugendliche aus Favelas in São Paulo, und Truus Geraets, Eurythmistin und Gründerin der ersten Waldorfschule in einem schwarzen Township in Südafrika. Ihr Anliegen war es, Menschen, die aus anthroposophischen Impulsen heraus weltweit gegen soziale Ungerechtigkeit, gegen Ausgrenzung und Armut arbeiten, zusammenzuführen. Und für die heute 89-jährige Truus Geraets war und bleibt dabei wichtig, „dass die Menschen, die nie zu Wort kommen, doch einmal zu Wort kommen.“ Wenn es um Potenzialentfaltung geht, so gehe es, so Ute Craemer, immer darum, „am Potenzial der Menschen zu arbeiten, die nicht das Gefühl haben, Potenzial entfalten zu können.“

Mehr zu vergangenen und zukünftigen Foren: www.socialinitiativeforum.org

Über den Autor / die Autorin

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel hat Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis an der Universität Witten/Herdecke studiert und ist seit 2019 redaktionelle Mitarbeiterin bei Info3.