Lob der Klorolle

Was macht die Rolle Klopapier zum absoluten Objekt der Begierde? Warum finden die Menschen in der Krise Sicherheit und Trost in ihr?

Wenn ich mir die Regale im Supermarkt so anschaue, kaufen meine Mitbürger in der Not gerne Nudeln aus Italien und Reis aus China – vor allem aber Klopapier! Nun leuchtet es ein, dass dessen Erfindung eine segensreiche ist und seine Anwendung einem ur-menschlichen Grundbedürfnis entspricht. Ein wenig überraschend ist es aber doch, dass die Leute jetzt in erster Linie Klopapier hamstern. Tout comprendre c’est tout pardonner – Alles verstehen, heißt alles verzeihen, sagte schon Tolstoi. Versuchen wir’s.

Mir scheint, sie ist ein Realsymbol für das Leben selbst! Eine runde Sache, die rollt und rockt. Wie das Leben selbst hat sie einen Anfang und ein Ende. Der Anfang erfreut uns, das Ende fürchten wir. Ist es so weit, so bedauern wir, dass nicht doch noch etwas mehr auf der Rolle ist. Mist, dass es gerade jetzt ausgeht! Wie wir vermutlich auch, ist sie recycelt. Oft ist sie mit einem fortlaufenden Muster pflanzlicher Motive bedruckt, die in das weiche Papier hineingestanzt wurden und nun in ihrem Ablauf ein in der Fläche und der Zeit lebendes Ätherisches zeigen. Zu ihrem Kern vorzudringen ist ein ebenso vergebliches Unterfangen wie das Schälen einer Zwiebel. Schicht um Schicht wird abgetragen, ohne je zum Geheimnis eines Zentrums vorzustoßen. Wie alles auf der Welt hat auch das Klopapier zwei Seiten: Der Erfolg liegt auf der Hand. Blickt man durch die Rolle hindurch, so wirkt sie fokussierend wie ein Fernrohr und hilft, sich in Situationen der Reizüberflutung auf eine Sache zu konzentrieren. Mit einem Wort: eine großartige Erfindung! Man versteht, dass keiner je darauf verzichten will.

Gestern Nacht hatte ich einen Traum. Mir träumte, die Menschen seien im Hinblick auf die Klimakrise zur Vernunft gekommen. Flugreisen machen wir nur noch, wenn es unbedingt nötig ist! riefen sie, und ein Drittel und mehr der Flugzeuge blieben am Boden. Statt Fernreisen wird dieses Jahr Urlaub zu Hause gemacht. Wozu ein Autosalon?! Wir brauchen keinen neuen Wagen, der alte hält noch für Jahre. Voller Begeisterung berauschten sie sich in meinem Traum an den eigenen Einsichten! BaselWorld wird abgesagt, Schmuck und Uhren sind zwar schön, aber erst mal auf was Neues zu verzichten ist doch kein Problem! Im Übrigen gibt es ja auch den Juwelier des Vertrauens gleich um die Ecke. Die Leipziger Buchmesse, ein tolles Event mit interessanten Autoren und einem regen Publikum, lassen wir einfach mal ausfallen und lesen endlich die vielen Bücher, die wir bisher nur gekauft hatten. Fußball!? Mein Gott, gucken wir halt Geisterspiele im Fernsehen. Ein weiterer Vorteil dabei: niemand wird von Ultras beleidigt und es gibt keinen Rassismus von den Rängen. Die Wirtschaft beginnt in meinem Traum massiv unter all dem zu leiden. Da führt der Staat über Nacht Hilfen ein, eine Art bedingungsloses Grundeinkommen für alle Mitarbeiter und Branchen, die in Not gekommen sind. Die Vernunft hatte endgültig gesiegt!

Dann bin ich aufgewacht.

Und stellt euch vor, all das war Wirklichkeit! Aber nicht aus Vernunft, nicht aus freiem Willen handelten die Menschen so, sondern ein winziges Virus, das Corona der Schöpfung hatte es fertiggebracht. Mutter Natur ist eben wirklich weise – und wenn wir Menschen ihrer auf Dauer vergessen und sie bis zur Selbstzerstörung schlecht behandeln, ist sie manchmal auch streng.

Mist, kein Klopapier mehr!

Über den Autor / die Autorin

Johannes Denger

Johannes Denger

Johannes Denger ist Heilpädagoge, Waldorflehrer und Info3-Autor.