Ist die Homöopathie noch zu retten?

Aufnahme: fotolia

Ärzteverbände und weite Teile der Politik wollen seit langem mit Unterstützung einiger Medien die Homöopathie aus dem Gesundheitswesen verdrängen. Der jüngste Beschluss des Deutschen Ärztetages könnte nun das Ende der beliebten und erprobten Therapierichtung einläuten. Das hat auch für die Anthroposophische Medizin Folgen.

Von Johannes Wilkens und Frank Meyer

Es steht in Deutschland nicht gut um die Homöopathie, denn sie hat mächtige politische Gegner:innen. Einer davon ist der Gesundheitsminister selbst. Auch die Vorsitzende der Grünen Partei hält Homöopathie für eine Pseudo-Wissenschaft. Homöopathie-Bashing liegt voll im Trend. Bei solchem Rückenwind nimmt es nicht wunder, dass am 26. Mai 2022 die Homöopathie beim Deutschen Ärztetag in Bremen mit großer Mehrheit als Zusatzbezeichnung aus der Weiterbildungsordnung der Bundesärztekammer gestrichen wurde. (1) Es fehle an wissenschaftlichen Studien und dadurch die Möglichkeit, den Wissenserwerb in der Weiterbildung zu überprüfen, so die merkwürdige Begründung.

Die mehrjährige ärztliche Weiterbildung in Homöopathie und deren Anerkennung durch die Kammern, die Verleihung der offiziellen Zusatzbezeichnung „Homöopathie“ bei bestandener Prüfung waren bislang Ausdruck der erfolgreichen Integration eines alternativmedizinischen Verfahrens in die medizinische Versorgung auf hohem Niveau. Und selbstverständlich gibt es homöopathische Lehrbücher und qualifizierte ärztliche Prüfer:innen. Durch den Ärztetagsbeschluss wird die Homöopathie nun bewusst ausgegrenzt. In diesem Sinne begrüßte auch Karl Lauterbach, der die Homöopathie bereits früher einmal als „medizinischen Humbug“ bezeichnet hatte, die Entscheidung der Delegierten. Er twitterte: „Gute Medizin steht auf dem Boden der Wissenschaft. Für Homöopathie gibt es dort keinen Platz. In einer solchen Frage muss man Farbe bekennen“. Nathalie Grams-Nobmann, die bekannte Homöopathie-Kritikerin und Aktivistin, bejubelte ebenfalls auf Twitter diesen Etappensieg im Kampf gegen die Homöopathie, für den sie zusammen mit anderen sechs Jahre gekämpft habe. Und sie deutete bereits an, wie es weitergehen soll: Als nächstes müsse den homöopathischen Arzneimitteln der Arzneimittel-Status aberkannt werden, was den Wegfall der Apothekenpflicht und der Erstattung durch Kassen bedeuten würde. Am Endpunkt dieser Agenda stünde dann wohl das Aus für die Homöopathie.

Erfolge mit Arnika

Ausgerechnet in Bremen nun der Anfang vom Ende. Denn Bremen steht eben auch für eine beispiellose Bürgerbewegung, die mit dem Bremer Bürger und späteren Bundespräsidenten Karl Carstens und seiner Frau Veronica 1982 begann. Beide gründeten 1982 die Carstens-Stiftung zur wissenschaftlichen Erforschung der Naturheilkunde und der Homöopathie. Zahlreiche Bürger:innen (zu den besten Zeiten 40.000!) unterstützten dieses Anliegen, und so konnten in den vergangenen 40 Jahren viele homöopathische Studien im europäischen Rahmen von der Carstens-Stiftung gefördert werden. Besonders beeindruckend war dabei die 2005 veröffentlichte Langzeitstudie von Claudia Witt (2) zu chronisch Kranken, die über acht Jahre fast 4000 Patienten mit schweren chronischen Erkrankungen begleitete und wo sich zeigte, dass die Erfolge der Homöopathie durchaus nicht nur Placebo-Effekte sind oder auf Einbildung beruhen, sondern dass die Beschwerden auch langfristig erheblich reduziert werden können. Diese Studie ist nach wie vor einzigartig, weil es eine vergleichbare Längsschnittstudie mit konventioneller Medizin über so einen Zeitraum nicht gibt.

Mit etwas weniger als einem Zehntel dieser Patientenzahl konnte einer der Autoren dieses Artikels, Johannes Wilkens – ebenfalls gefördert von der Carstens-Stiftung – eine große Doppelblindstudie durchführen (3), wo also die eine Gruppe ein Placebo bekommt, die andere eine echte Arznei – in diesem Fall Arnica D 30. Arnika (4) stellt nach wie vor die vielleicht bekannteste homöopathische Heilpflanze dar, die in ihrer Wirkung vielen Kindergarteneltern, längst nicht nur in der Waldorfszene, bekannt sein dürfte. Tatsächlich wurde der Nachweis erbracht, dass nach einer Kreuzband-Operation am Kniegelenk die Schwellungsneigung signifikant, d.h. weit über die Zufallswahrscheinlichkeit hinaus reduziert wird. (3) Das war von der Tendenz ähnlich, wenn ein neues Kniegelenk implantiert wurde, aber nur in einem sehr geringen Maße nach einer einfachen Kniegelenkspiegelung. Kritiker der Homöopathie würden hier einer Studie mit einem positiven Resultat zwei andere gegenüberstellen, die ein negatives Resultat zeigen. Somit sei das Forschungsergebnis als Ganzes negativ zu bewerten. Dann wird eben nur quantitativ gezählt und nicht qualitativ erkannt, dass sich als Schlussfolgerung aus dieser Studie die Arnikawirkung tatsächlich dokumentieren lässt, aber eben nur dann, wenn sich ein gravierender Weichteilschaden wie bei der Kreuzband-Operation findet.  

Vermutlich war diese Arbeit damals in den 1990er Jahren eine der letzten homöopathischen Studien im deutschen Sprachraum, die noch als Doktorarbeit zugelassen wurde. Ein Medizinstudent würde wohl heute nicht den Hauch einer Chance haben, zu diesem Thema zu promovieren. Denn die „Beweispflicht“ für die Wirksamkeit der Homöopathie wird deren Befürwortern auferlegt, und so gibt es in Deutschland keine öffentlichen Gelder für die Erforschung dieser weitverbreiteten, zigmillionenfach angewendeten Therapierichtung. Dabei stehen die bis heute veröffentlichten Studien zur Homöopathie erstaunlich gut da, sind sie hoch interessant und dialogfähig.

Gute Studienlage

Bereits 1991 wurde bei 105 Studien zur Homöopathie in 81 Studien ein positives Ergebnis gefunden. (5) 1997 waren es dann schon 185 Studien. „Die Ergebnisse unserer Meta-Analyse sind nicht mit der Hypothese vereinbar, dass die klinischen Effekte der Homöopathie vollständig auf Placebo zurückzuführen sind“, hieß es Ende der 1990er Jahre in einer Studie der angesehenen Fachzeitschrift Lancet. (6) Auch nach der Jahrtausendwende blieben die Ergebnisse ähnlich.

Eine unzureichende Wirkung der Homöopathie zeigte sich nur dann, wenn der größte Teil (90-95 Prozent) der Daten von der Auswertung ausgeschlossen wurde beziehungsweise wenn fragwürdige statistische Methoden zur Anwendung kamen. Dies ist ein Vorgehen, dass wir auch von der Bewertung der Anthroposophischen Medizin her kennen, vor allem von Übersichtsarbeiten über die Misteltherapie bei Krebs. (7) Das Problem ist, dass in den „Qualitätsmedien“ ausführlich nur über Veröffentlichungen berichtet wird, die zu einer negativen Einschätzung gekommen sind, wohingegen Erfolge kaum wahrgenommen und kommuniziert werden.

Die positiven Erfahrungen mit der Homöopathie bestätigen auch die Wirtschaftlichkeitsstudien der Krankenkassen Securvita und TKK bei ihren Versicherten. Sie belegen eindeutig den Nutzen der Homöopathie: „Bei der Versorgung von Patienten mit Depressionen, Krebs und mehrfachen schweren Krankheiten zeigten sich deutliche Vorteile für die Homöopathiegruppe in Bezug auf Krankenhauseinweisungen, die Dauer von Klinikaufenthalten und Krankenfehltage. Für die Wirtschaft und das Gesundheitswesen sind Arbeitszeitverluste ein besonders relevanter Faktor. Im Laufe der Studie sank beispielsweise die Zahl der Krankschreibungstage mit homöopathischer Behandlung um 16,8 Prozent, ohne Homöopathie stieg sie um 17,3 Prozent (absoluter Unterschied: 34,1 Prozent weniger Fehltage durch Depressionen mit Homöopathie)“. (8)

Geringe Kosten

Dabei sind die Kosten für die Homöopathie für die Krankenkassen gering: „Die Ausgaben für homöopathische Behandlungen inklusive Arzneimittel machen etwa 0,003 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenversicherungen aus. Umgerechnet sind das 0,03 Promille oder 30 parts per million (ppm): Das liegt ähnlich weit unter der Nachweisgrenze, wie es die Inhaltsstoffe in den Globuli durch die Verdünnung tun“. (9) Wir können es auch andersherum sagen: Allein der Umsatz für ein einziges spezielles Medikament gegen bestimmte Autoimmunerkrankungen (Humira) übertraf 2019 mit ca. einer Milliarde Euro (10) den gesamten Umsatz mit naturheilkundlichen Arzneien in Deutschland (550 Millionen Euro 2020) bei weitem. Da klingt es schon sehr befremdlich, wenn deutsche Medien und Politiker über die Kosten der Homöopathie für die Krankenkassen beklagen. (11)

Könnte die ganze Diskussion um die Homöopathie uns als anthroposophische Ärzte nicht gleichgültig lassen? Basiert denn die Anthroposophische Medizin nicht auf einem eigenen Fundament und forderte nicht schon Rudolf Steiner eindringlich dazu auf, die geisteswissenschaftlichen Erkenntnisse nach den besten naturwissenschaftlichen Grundsätzen zu überprüfen, was übrigens zwischenzeitlich zu einer Fülle von spannenden Forschungsergebnissen geführt hat? Allerdings hat die wissenschaftliche Kritik längst auch die Anthroposophische Medizin im Fokus, denn diese setzt – ähnlich wie die Homöopathie – teilweise potenzierte Arzneimittel ein, manchmal bis zur Hochpotenz D 60, in der rein rechnerisch kaum noch Moleküle enthalten sei dürften. Auch von der Entstehungsgeschichte her sind beide Ansätze verbunden. Es waren vor allem homöopathisch tätige Ärzte, die im Jahre 1920 beim ersten Medizinischen Ärztekurs unter Steiners Leitung teilgenommen haben, und eine gewisse homöopathische Grundausbildung und Orientierung ist auch weiterhin für die Ausübung der Anthroposophischen Medizin unabdingbar.

Zwei verbundene Ansätze

Wenn also vereinzelt in anthroposophischen Medizinerkreisen geäußert wird, dass die Homöopathie doch zu Recht abqualifiziert würde, dann wird dabei ausgeblendet, dass die Homöopathie eine unerlässliche Basis der Anthroposophischen Medizin ist. Hätte die Homöopathie nur den Grundsatz „Follow the science“ beachtet, so ein befreundeter Kollege im persönlichen Gespräch, dann stünde sie heute nicht am Abgrund. Das mag wohl sein, denn wenn man den rein konventionell argumentierenden Kritiker:innen folgen würde, dann gäbe es gar keine Homöopathie mehr, und das dürfte wohl genauso für die Anthroposophie gelten.

Beide Richtungen, Homöopathie und Anthroposophische Medizin, waren bei ihrer Entstehung der Wissenschaft ihrer Zeit weit voraus, sie haben sich unabhängig vom Wissenschaftsbetrieb entwickelt und sind auch heute noch mit konventionellen wissenschaftlichen Begriffen schwer zu fassen. Zugleich sind sie eng miteinander verbunden, insofern die Anthroposophische Medizin wenigstens zum Teil auf der Homöopathie aufbaut und diese integriert. Entsprechend sind Forschungen zu potenzierten Arzneien für die Anthroposophische Medizin existenziell, nur diese können das Fortbestehen der Anthroposophischen Medizin auf Dauer sichern. Wer keine Bereitschaft zeigt oder nicht über die Mittel verfügt, sich nach heute gültigen wissenschaftlichen Maßstäben überprüfen zu lassen, hat schon verloren. Glücklicherweise entstehen derzeit neue Stiftungen, welche diese Notwendigkeit erkannt haben und entsprechende Vorhaben unterstützen, wie zuletzt die Stiftung Integrative Medizin in Stuttgart. Zugleich darf aber auch die Bedeutung einer proaktiven und wo nötig auch kämpferischen Öffentlichkeitsarbeit nicht unterschätzt werden. Hier haben Patientenvereinigungen, Dach- und Berufsverbände eine wichtige Aufgabe.

Ist die Homöopathie noch zu retten? Wir wissen es nicht. Aber wir erleben, dass die beste Studie nichts nutzt, wenn ihre Ergebnisse von den Medien ignoriert werden und auf die politische Willensbildung keinen Einfluss haben. Die Homöopathie und ihre Anwender:innen laufen aktuell Gefahr, aus unserer vermeintlich so auf Vielfalt bedachten Gesellschaft ausgegrenzt zu werden, und zwar ironischerweise gerade am meisten von denen, die sich Inklusion und Diversität ganz unübersehbar bunt auf ihre Fahnen schreiben. Wollen wir das zulassen?   

Dr. med. Frank Meyer und Dr. med. Johannes Wilkens sind anthroposophische Ärzte und Gesundheitsautoren.
Zahlreiche Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen,
unter anderem regelmäßig in der Zeitschrift info3.

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