Dali und die flüchtige Wirklichkeit

Salvador Dalí - Michael Bockemühl: Edition Kunst sehen, Band 11. © Info3 Verlag

Anfang August erschien der elfte Band der Reihe KUNST SEHEN im Info3 Verlag. Im Zentrum: die surrealistische Malerei Salvador Dalís. Drei Fragen aus der info3-Redaktion an David Hornemann v. Laer, Herausgeber der Reihe, zur Aktualität der in diesem Band versammelten beiden Vorlesungen Michael Bockemühls.

Herr Hornemann, in Zeiten der Pandemie fühlen wir uns zuweilen wie in einem surrealen Szenario. Sie haben sich gerade intensiv mit Salvador Dalí und dem Surrealismus beschäftigt und in der Reihe “Kunst sehen” einen Band dazu herausgegeben – worum ging es dabei vor allem? 

Wir haben als Herausgeberteam versucht, die Perspektive nachzuvollziehen, die Michael Bockemühl in seiner Vorlesung über diesen Künstler vorschlägt. Er macht darauf aufmerksam, dass das, was wir begrifflich verfügbar haben, nur eine Insel in einem Meer des Nicht-Wissens ist. Wir würden aus diesem Meer der Unwissenheit nur mit unserem Kopf herausschauen. Deshalb komme es darauf an, mit dem Nicht-Wissen umgehen zu lernen, das Gewusste zu hinterfragen und zu erweitern.

Persönlich ist mir vor allem der Satz von Bockemühl: „Die Zivilisationskrankheit heute ist die Entfernung von der Wirklichkeit der Welt durch Wissen“ zum Leitstern bei der Herausgabe dieses Bandes geworden, der sich gerade in der heutigen Situation in der Pandemie bewahrheitet: Was wird nicht alles gesagt, publiziert zum Thema Corona! Wir werden mit Unmengen von Artikeln, Meinungen und quantifizierbarem Fachwissen überhäuft. Was aber fehlt ist ein qualifizierbares Wissen, ein Wissen, das sich nicht auf eine Autorität gründet, sondern das aus sich selbst evident und für das Leben fruchtbar ist.

Wenn wir beim Betrachten von Werken Dalís unsere Wahrnehmung beobachten, was zeigt sich da? Und was genau ist das Surrealistische?

Es zeigt sich, dass wir beim Anschauen ganz bestimmte, vom jeweiligen Bild angeregte Wirkungen erfahren können, die sich auf unterschiedlichen Ebenen zum Ausdruck bringen. Beispielsweise zeigt die Zeichnung mit dem Titel: Entstehung der Ungeheuer zwei Gesichter, die im Anschauen in eins zusammengehen und zugleich als Profil- und als Frontalansicht unterschieden werden können. So kommt ein merkwürdig uneindeutiger, zwielichtiger Gesichtsausdruck zustande, der von unangenehmen Gefühlen begleitet wird: Wir werden Zeuge, wie Ungeheuer entstehen. 

Das „Surrealistische“ ist für Dalí die durch die reine Anschauung zugängliche Wirklichkeit, die eine größere Dimension umfasst als das, was wir normalerweise als Ausschnitt der Wirklichkeit wahrnehmen. Letztere ist begrenzt durch unsere Vorannahmen, durch unser schon mitgebrachtes Wissen. Die ganze Wirklichkeit schließt aber die Traumwelt, die über alle Logik hinausgreifende Liebe, das Irrationale mit ein. In seinem Essay Die Eroberung des Irrationalen bemerkt Dalí: „Mein ganzer Ehrgeiz auf dem Gebiet der Malerei besteht darin, die Vorstellungsbilder der konkreten Irrationalität mit der herrschsüchtigsten Genauigkeit sinnfällig zu machen.“

Was können wir daraus mitnehmen für unseren Umgang mit der gegenwärtigen Situation, in der unsere Gesellschaft sich aufgrund unterschiedlicher, unvereinbarer Anschauungen immer mehr spaltet?

Die Auseinandersetzung mit dem Surrealismus, wie er uns in Dalís Werk vor Augen geführt wird, macht es möglich, sich einen Zugang zu dem Teil der Wirklichkeit zu erobern, der „über“ dem liegt, was uns normalerweise von ihr zugänglich ist. Wir lernen weitere Dimensionen von Wirklichkeit kennen, die unserem normalen Leben unzugänglich sind, da wir sie buchstäblich übersehen. Werden diese Dimensionen aber sichtbar gemacht, wie das in Dalís Werk geschieht, so entsteht die Möglichkeit eines tieferen Verständnisses, weil fehlende Puzzlesteine zutage treten, die für gewöhnlich übersehen werden, die aber zum Ganzen gehören.

Auch das Corona-Virus ist für unser bloßes Auge unsichtbar. Wir erfahren aber seine Wirkungen, sein angsteinflößendes Potenzial, seine Spaltungskraft. Dalí hätte das sicher gereizt, diese Kraft in eine Sichtbarkeit zu bringen und auch hier die Abstraktion zu überwinden.

Interview: Silke Kirch

David Hornemann v. Laer, Carlotta Süring, Shaya Werner (Hg.): Michael Bockemühl, Kunst sehen Bd. 11: Salvador Dalí. Nach öffentlichen Vorlesungen zu Salvador Dalí vom 27. April 1993 im Saalbau Witten du vom 30. November 1995 im Museum für Moderne Kunst, Frankfurt/Main. Info3 Verlag 2020. 104 S. € 16,80.

www.kunst-sehen.info 

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