Butenland: „Die neue Kuhltur“

Karin Mück führt eine innige Beziehung zu jedem Tier. Foto: mindjazz pictures.

Wohin mit alten oder kranken Kühen und Rindern, die nicht geschlachtet werden sollen? Auf Hof Butenland in Niedersachsen dürfen Tiere in Würde ihren Lebensabend verbringen. Der Filmemacher Marc Pierschel hat einen berührenden Dokumentationsfilm über die Transformation des Demeterhofs zum Kuhaltersheim gedreht.

Wer denkt – ehrlich gesagt – schon jeden Morgen beim Schuss Milch in den Kaffee darüber nach, wie es der Kuh geht? Der ehemalige Milchbauer Jan Gerdes und die Tierschützerin Karin Mück haben das lange getan. Heute führen sie gemeinsam einen Lebenshof für Tiere in Niedersachsen. Zwei Jahre lang wurden die beiden sowie ihre Kühe und Rinder, Gänse und Schweine von Marc Pierschel (bekannt durch The End of Meat – Eine Welt ohne Fleisch stammt) filmisch begleitet. Gerdes wuchs auf dem Hof auf, den sein Vater führte, und übernahm ihn nach seinem Lehramtsstudium Ende der 1970er Jahre. Relativ bald stellte er auf Demeter-Landwirtschaft um, da ihn das wirtschaftliche Denken und der nutzenorientierte Umgang mit Kühen stark belasteten. Er sorgte für mehr Licht in den Ställen, Freilauf für die Kühe – und trotzdem ging es ihm nicht gut damit. „Der größte Irrtum ist“, stellt Gerdes fest, „dass die Menschen denken, eine Kuh gibt automatisch Milch.“ Spät im Leben lernte er Karin Mück und ihre Geschichte kennen. Die ausgebildete Krankenschwester setzte sich zusammen mit anderen als aktive Tierschützerin lange für die Befreiung von Labortieren ein. Als sich die Gruppe radikalisierte, wurden sie verhaftet. „Ich bereue nichts, aber es war doch gut, dass wir damit aufhörten“, kommentiert eine Aktivistin. Für Mück war das Ende dieser Aktionen der Anfang eines Traumes, den sie „eigentlich schon immer hatte, aber noch nicht kannte“: Hof Butenland.

Die Tierschutzstiftung Hof Butenland nimmt seit 18 Jahren altersschwache und kranke Tiere auf, die auf wirtschaftlichen Milchviehbetrieben keine Aufgabe mehr haben. Insgesamt können 45 Kühe und Rinder auf dem Lebenshof leben, dem mittlerweile 40 Hektar Land überschrieben worden sind. Mit der Zeit konnte das Kuhaltersheim genügend Unterstützung durch Spenden und Patenschaften finden – eine Kuh oder ein Rind kosten monatlich zwischen 200 und 300 Euro.

Der Dokumentarfilm zeigt kontrastreiche Bilder, die nicht mehr aus dem Kopf gehen wollen. Bilder von Massentierhaltung und Messen für effiziente Melkmaschinen auf der einen Seite. Auf der anderen Seite tiefgreifende, liebevolle Szenen auf dem Lebenshof in Niedersachsen. Ein Rindvieh grast im Morgennebel auf der grünen Wiese, ein Schwein suhlt sich genüsslich in einem kleinen Wasserloch, Kühe rennen über das weite Land: Jede Kuh, die hier aufgenommen wird, hat auf die eine oder andere Weise ein tragisches Leben hinter sich. „Das Schlimme ist, dass sich eine Kuh sehr schnell brechen lässt“, kommentiert Gerdes, während der Film Bilder von Kuh-Shows zeigt, bei denen sogenannte Hochleistungskühe wie Rennautos poliert und präsentiert werden.

Die eigentlichen Protagonist*innen des Films sind Paul, Lillja, Lady Welle, Uschi, Riesenbaby Mathis und andere wunderschöne Kühe und Rinder. Manche von ihnen genießen keinen langen, aber vermutlich einen sehr glücklichen Lebensabend. Es kommt vor, dass in kurzer Zeit viele Tiere sterben. Das sind auch schwere Momente für Mück und Gerdes. „Von den Kühen können wir noch vieles über Gelassenheit lernen“, schmunzelt Mück, die sich furchtlos unter den erhobenen Kopf einer liegenden Kuh schmiegt.

Die aktuellen Kinotermine finden Sie bei Mindjazz Pictures. Ab August wird der Film als DVD auch im info3-Shop erhältlich sein.

Über den Autor / die Autorin

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel hat Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis an der Universität Witten/Herdecke studiert und ist seit 2019 redaktionelle Mitarbeiterin bei Info3.