Bei Hassreden sprachfähig bleiben

(v.l.n.r.) Marina Chervinsky, Alice Hasters, Sebastian Winter und Canan Topçu reden über Hate Speech. Foto: Jüdisches Museum Fankfurt

Gewalt gegen Minderheiten oder unliebsame Politiker*innen bis hin zum Mord beginnen oft mit Worten – so auch zuletzt bei den Tätern von Halle oder Hanau. Was können wir gegen diskriminierende Sprache tun? Eine Podiumsdiskussion des Jüdischen Museums Frankfurt hat konstruktive Gedanken zu Wort kommen lassen.

Welche Bilder kommen Ihnen in den Kopf, wenn Sie an eine muslimische Frau denken? Oder an einen Geflüchteten mit dunkler Hautfarbe?

Sofort treten Vorurteile hervor. Besonders kritisch ist es, wenn sich die Vorurteile mit negativen Gefühlen wie Neid oder Hass vermischen. Das kann zu Hassrede und sogar zu Gewalt führen. Hassrede zielt auf eine bestimmte Gruppe von Menschen ab, meistens mit der Intention, sie abzuwerten. Der Begriff ist politisch umkämpft und stellt noch keine juristische oder polizeiliche Kategorie dar, selbst wenn Strafbestände vorliegen (zum Beispiel Volksverhetzung). Die Autorin Alice Hasters betont auf dem Podium außerdem, dass das Wort Hassrede beispielweise nicht von Nazis instrumentalisiert werden kann und darf.

Nach dem rechtsterroristischen Anschlag in Hanau darf das Nachdenken über Diskriminierung, Hass und Rassismus nicht aufhören – das kommt auch vermehrt in der Politik an. Grünenpolitikerin Katrin Göring-Eckardt fordert aktuell, dass auch „Kommunalpolitikerinnen und Kommunalpolitiker ausdrücklich vor übler Nachrede durch unser Strafrecht“ geschützt werden (Neue Osnabrücker Zeitung) und Bundesjustizministerin Christine Lambrecht spricht sich für die strafrechtliche Verfolgung von Hassrede im Internet aus. Eine Veranstaltung des Jüdischen Museums in Frankfurt am Main widmete sich Anfang März diesen Fragen. Auf dem Podium sprachen die Leiterin des Kompetenzzentrums Zentralwohlfahrtsstelle der Juden in Deutschland e.V. Marina Chervinsky, die Journalistin und Autorin des Buches Was weiße Menschen nicht über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten Alice Hasters und der Sozialpsychologe Sebastian Winter. Die Moderation hatte die Journalistin und Dozentin Canan Topçu.

Längst ist klar, dass ein Anschlag wie jener in Hanau keine einzelne Tat war und dass Rassismus kein Problem nur der Extreme ist: Hass gegen bestimmte Gruppen spielt sich im Alltag ab, im Netz und auf der Straße. Damit Sprache nicht zu Gewalttaten führt ist frühzeitige Sensibilisierung notwendig – und die fängt wie so oft bei sich selbst an. Die Autorin Alice Hasters forderte „Nach einer Tat wie in Halle oder Hanau muss ich nicht nur fragen, wie es den Betroffenen geht, sondern auch, wie es mir geht.“

Reden über rassistische Taten

Wie spricht man über Hanau? Welche Worte verwenden Politiker*innen, über wen berichten die Medien und wer spricht bei einer Trauerfeier? An Hanau wurde deutlich, dass Fremdenfeindlichkeit ein falsches Wort ist und dass hier das Wort Rassismus ausgesprochen werden muss. Dass wir nicht von „gemäßigten Rechten“ sprechen dürfen und dass wir vor allem erkennen müssen, dass nicht der Täter wahnhaft war, sondern dass „die Struktur des Diskurses wahnhaft ist“, so Winter. Anstatt einzelne Menschen zu pathologisieren lohne sich eher ein Blick in Schulbücher, in denen immer noch rassistische Denkweisen und Begriffe enthalten sind. Die weiße Bevölkerung muss außerdem lernen, sich zurückzunehmen, damit diejenigen sprechen können, um die es geht – Menschen, die den Opfern nahe stehen und die täglich von Hass und Diskriminierung betroffen sind. Und es sind auch diese Menschen, die am besten vom Staat einfordern können, was sie brauchen, um eines Tages wieder angstfrei auf die Straße gehen zu können (von dieser Angst sprach beispielsweise ein Freund der Opfer bei der zentralen Trauerfeier in Hanau). Hanau war nur ein Ausdruck dessen, was ein Klima der Hetze in Sprache und Gesellschaft bewirkt.

Was tun bei diskriminierender Sprache?

Es gibt verschiedene Varianten, mit Hassreden umzugehen. Zwei davon sind: in die Konfrontation gehen oder sich entziehen. Beide haben ihre Berechtigung. Erstere hat mit aktiver Annahme der eigenen Verantwortung zu tun, birgt aber auch die Gefahr, dem Thema und vor allem den Hassredner*innen eine zu große Plattform zu bieten. Zweitere bedeutet nicht unbedingt, wegzuschauen und Diskriminierung zu ignorieren. Alice Hasters schilderte, dass sie – nur weil sie von Rassismus betroffen ist – nicht jedes Mal diejenige sein will, die aufklären und erklären muss. Als Gesellschaft tragen alle die Verantwortung für ein friedliches Miteinander, in dem wir offen über Rassismus oder Antisemitismus sprechen und an der Überwindung dieser Haltungen arbeiten können. „Wir dürfen rassistische, sexistische oder antisemitische Sprache nicht normalisieren, sondern müssen Widerspruch leisten. Denn eine gewaltvolle Sprache ist die Vorläuferin von kollektiver Gewalt und autoritären Regimen“, so Marina Chervinsky.

Aufstehen und Strukturen ändern

„Es reicht nicht, die Sprache zu ändern, auch die materielle Herrschaft muss sich ändern, zwischen arm und reich, zwischen Mann und Frau“, betonte Winter. Dafür gibt es allerhand Möglichkeiten, zum Beispiel mehr Minderheitenschutz oder Vernetzung der betroffenen Communities. Institutionen müssten mehr migrantische Menschen in Führungspositionen einstellen, damit sie die Chance haben, sich zu vertreten. Eine bunte Gesellschaft ist eine resiliente Gesellschaft, weil reale alltägliche Begegnungen negative Vorurteile sowie Abwertung und Hass abbauen. Strukturelle Veränderung funktioniert nur durch Einbeziehung aller Menschen, damit sich diskriminierende Einstellungen und Verhaltensweisen nicht reproduzieren.

Haltung aufbauen, Verantwortung tragen

Wo Vorurteile wirken, mangelt es an: Einfühlung. Man spricht von der sogenannten Empathie-Lücke. Mitmenschen der eigenen Gruppe können wir in der Regel mehr Empathie entgegenbringen – in unserer Happy Bubble fühlen wir uns wohl, so Winter. Über bestimmte Regeln, Normen, Geschmäcker, sprachliche Ausdrücke und so weiter müssen wir uns in der Happy Bubble nicht streiten. In der eigenen Blase ist es bekanntlich am bequemsten. Doch eine Gesellschaft der Vielheit erfordert es immer wieder, Gewohnheiten aufzugeben und Unbekanntes zuzulassen. „Unsere Gesellschaft muss lernen, Widerspruch auszuhalten… Wir müssen immer annehmen, dass es etwas gibt, das wir nicht sehen und nicht verstehen können. Und wir brauchen die Fähigkeit, uns jenseits von Differenzierungslinien erkundend einzulassen“, so Chervinsky. Damit beschreibt sie das prozessuale Miteinander einer postmigrantischen Gesellschaft.

Sensibilisierung ist eine tägliche Übung. Die Verantwortung tragen wir alle – und jeder Anfang zählt, egal ob wir uns zum Beispiel aktiv für die Aufnahme dieser Themen in das Bildungssystem einsetzen oder erst einmal mit anderen darüber sprechen. Hauptsache, wir verlieren nicht den Mut, bei uns selbst anzufangen.

Weiterführende Links:

Glossar für diskriminierungssensible Sprache

Bestseller Autor Ta-Nehisi Coates in einem Video darüber, warum nicht jede*r immer das Recht hat, alles zu sagen.

Rassismus-Test auf Zeit Campus

Über Hate Speech

Über den Autor / die Autorin

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel

Andrea Kreisel hat Philosophie, Kulturreflexion und kulturelle Praxis an der Universität Witten/Herdecke studiert und ist seit 2019 redaktionelle Mitarbeiterin bei Info3.