Anthroposophische Medizin in der NS-Zeit

Ausschnitt aus dem Buchcover/Schwabe Verlag

Wie verhielten sich Vertreter der Anthroposophischen Medizin in der NS-Zeit? Eine neue Studie zeichnet ein differenziertes Bild mit allen Facetten zwischen Anpassung und Widerstand.

Welche Rolle spielte die Anthroposophische Medizin während des Nationalsozialismus? Einerseits wurde sie kritisch beobachtet und unterlag spätestens nach dem Verbot der Anthroposophischen Gesellschaft 1935 starken Restriktionen, anderseits gab es ein grundsätzliches Interesse der NS-Führung an „Naturmedizin“ und Homöopathie. Mehr Durchblick angesichts der komplexen Lage verspricht das breit angelegte Forschungsprojekt Anthroposophische Medizin, Pharmazie und Heilpädagogik im Nationalsozialismus. Acht Jahre lang haben Prof. Dr. Peter Selg, Susanne H. Gross und Matthias Mochner dazu im Auftrag der Gesellschaft anthroposophischer Ärztinnen und Ärzte in Deutschland Archivakten gesichtet und auch bislang unveröffentlichte Unterlagen analysiert. Beraten wurden sie dabei von zwei Medizinhistorikern der Berliner Charité, Prof. Dr. Thomas Beddies und Prof. Dr. Heinz-Peter Schmiedebach.

Ende Mai präsentierte der renommierte Schwabe Verlag nun den ersten Teil der insgesamt auf drei Bände angelegten Studie in den historischen Räumlichkeiten des ehemaligen Rudolf-Virchow-Hörsaals der Charité in Berlin. Anthroposophie und Nationalsozialismus. Die anthroposophische Ärzteschaft beleuchtet, wie diese Berufsgruppe sich ab 1920 entwickelte und welche Wege einzelne Vertreter nach 1933 einschlugen. Es waren etliche Hürden zu nehmen, angefangen bei der Frage, wie der untersuchte Personenkreis überhaupt einzugrenzen sei – schließlich handelte es sich um eine höchst heterogene Gruppe mit lediglich loser Verbandsstruktur. Hier leistete das Autorenteam akribische Recherchearbeit, sichtete Adresslisten des anthroposophischen Heilmittelherstellers Weleda ebenso wie unzählige weitere Archivunterlagen. Gut 600 Personen wurden schließlich der anthroposophischen Ärzteschaft zugeordnet – angesichts von damals rund 50.000 Ärztinnen und Ärzten in Deutschland eine überschaubare Größe.

Deutlich wird, dass ihre Haltung ein breites Spektrum möglicher Verhaltensweisen gegenüber dem Regime abdeckte: Es gab einzelne Kollaborateure und Mitläufer ebenso wie Menschen, die sich im Widerstand engagierten oder aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von den Nazis verfolgt wurden. Anders als von Kritikern wie Ansgar Martins oder Peter Staudenmaier vertreten, sehen die Verantwortlichen der Studie keine historischen Belege für eine generelle Systemnähe der Ärzteschaft, auch in der „Reichsarbeitsgemeinschaft für eine Neue Deutsche Heilkunde“ hätten sie „allen vorliegenden Quellen zufolge (…) keine Schlüsselrolle“ gespielt, heißt es in ihrem Resümee. Und obwohl einzelne Nazi-Größen mit ihren Familien anthroposophische Arztpraxen konsultierten, habe „eine prinzipielle Förderung der Anthroposophischen Medizin als Methode und Therapierichtung im NS-Staat nie zur Diskussion“ gestanden.

Allerdings: Auch wenn „nur“ zehn Prozent der anthroposophische Ärzteschaft NSDAP-Mitglied waren (in der deutschen Ärzteschaft allgemein waren es 40 Prozent), könne doch von einer eindeutigen „geistigen Gegenbewegung“ keine Rede sein – vielmehr habe wohl das „Motiv der ängstlichen Anpassung an die Verhältnisse“ eine „nicht unerhebliche Rolle“ gespielt. Auch bei der Präsentation und anschließenden Diskussion in Berlin wurde deutlich, dass einfache Schwarz-Weiß-Zuordnungen der damaligen Lage nicht gerecht werden. Mit dem jetzt veröffentlichten, umfangreichen Material liegt nun immerhin eine solide Datenbasis vor, die differenzierte Einblicke in dieses schwierige Kapitel der Medizingeschichte erlaubt.

Peter Selg, Susanne H. Gross, Matthias Mochner: Anthroposophie und Nationalsozialismus. Die anthroposophische Ärzteschaft. Schwabe Verlag, Basel Berlin 2024, Hardcover, 916 Seiten, € 92.

Über den Autor / die Autorin

Laura Krautkrämer

Info3-Redakteurin seit 2009. Verantwortet seit 2011 den wöchentlichen Newsletter Info3-Bewegungsmelder, der Nachrichten rund um Anthroposophie, Waldorfpädagogik und andere Praxisfelder zusammenstellt und kommentiert. Als freie PR-Texterin und -Beraterin ebenfalls im anthroposophischen Umfeld tätig.

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