Beuys und sein Dank an Lehmbruck

Joseph Beuys bei seiner letzten Rede neben der "Sinnenden" von Lehmbruck. Youtube/Lehmbruckmuseum

„Alles ist Skulptur“. In seiner letzten Rede kurz vor seinem Tod hat Joseph Beuys den Bildhauer Wilhelm Lehmbruck als Lehrer gewürdigt, der ihn auf das Prinzip der Plastik aufmerksam gemacht hat. Wer war dieser Bildhauer, der für Beuys nach eigenen Worten eine geradezu initiatorische Bedeutung hatte?

Von Jens Heisterkamp und Tom Tritschel

„Ich möchte meinem Lehrer Wilhelm Lehmbruck danken.“ Mit diesen Worten beginnt Joseph Beuys seine Rede, als er den Lehmbruck-Preis der Stadt Duisburg entgegennimmt. Das Pult steht im Lehmbruck-Museum der Geburtsstadt des Bildhauers, neben ihm jenes Werk, das Lehmbruck als Die Sinnende betitelt hat. Es ist der 12. Januar 1986, keine zwei Wochen später, am 23. Januar, stirbt Beuys.

Die Rede, als Video bei Youtube dokumentiert, ist ein Vermächtnis. In seinen Dankesworten erinnert sich Beuys, wie Lehmbruck ihn dazu brachte, sein eigenes Leben der Skulptur zu widmen. Als Jugendlicher habe er zufällig eine Broschüre mit Abbildungen von Plastiken des Bildhauers in die Hand bekommen, die Wirkung sei erschütternd gewesen. Da muss er ungefähr 17 Jahre alt gewesen sein. „Alles ist Skulptur“ – diese Worte Lehmbrucks wurden sein eigenes Lebensmotto. Sein Werk habe ihn inspiriert zu einer „ganz neuen Theorie des plastischen Gestaltens … das nicht nur physisches Material ergreift, sondern seelisches Material ergreifen kann“. Kunst also, die die Seele selbst als Stoff gestalten will und damit ausbricht aus einer isolierten Kunstwelt in das menschlich-soziale Leben hinein. So wurde er von Lehmbruck „zu der Idee der ‚Sozialen Plastik‘ regelrecht getrieben“, erzählt Beuys. Und er beschreibt ein weiteres Ausnahmeerlebnis: Aus der unscheinbaren Broschüre mit Werken des Bildhauers, die er damals in Händen hielt, sei ihm eine Flamme entgegengekommen mit dem Auftrag: „Schütze die Flamme“.

Der Gipfel des Skulpturalen

Was hat Beuys an Lehmbruck derart fasziniert? In seiner Rede skizziert er, wie dieser Künstler die Bildhauerei über Rodin hinaus zu einer höheren Stufe entwickelt habe. Zur Wahrnehmung der Plastiken Lehmbrucks reiche der Sehsinn allein nicht mehr aus, so Beuys, man könne diese Skulpturen eigentlich gar nicht mehr sehen, man müsse sie auch mit anderen Sinnen aufschließen, insbesondere mit dem Hör-Sinn und dem Denk-Sinn. (Lehmbrucks Rede ist auch in dem Band „Mein Dank an Lehmbruck“ im Verlag Schirmer und Mosel zusammen mit anderen Materialien nachzulesen.)

Ein Vergleich des bekannten Denkers von Rodin mit einer motivisch ähnlichen Plastik von Lehmbruck (auch bekannt als Sitzender Jüngling) zeigt, was gemeint ist: Rodins Denker mag zwar in Gedanken brüten, vor allem aber ist er ein „Boxer mit Muskeln“, wie Lehmbruck einmal ironisch gesagt hat. Rodin hat einen heroisierten männlichen Akt gestaltet, der nur entfernt mit dem Denken zu tun hat. Lehmbrucks Denker dagegen ist, wie die beiden unterschiedlichen Handgesten zeigen, ein Verzweifelter, ein Ohnmächtiger, aber auch ein Entschiedener; man hat den Eindruck, er wird entweder zugrunde gehen oder aus dem Nichts heraus etwas schaffen. Wenn Beuys sagt, dass bereits das Denken ein plastischer Vorgang sei, dann macht Lehmbrucks Denker genau das erfahrbar. Gestalterisch hat er sich von der Akt-Vorlage gelöst und ist ganz Geste geworden, die sich auf die Betrachtenden überträgt. Sein Schaffen setzt die naturalistische Ästhetik von Rodin nicht fort, Lehmbruck baut stattdessen seine Skulpturen geradezu ab – bis dahin, dass er sie oft wieder zersägt und manche nachträglich zum Torso gemacht hat.

Bei Rodin ist die Skulptur äußerlich an der Raumesstelle da, wo sie steht. Bei Lehmbruck wird die Außenseite zur Innenseite der Skulptur. Sie beginnt, im Umkreis zu leben und unsere feineren Sinne herauszufordern.

Lehmbrucks Leben als Skulptur

Beuys weist bei seiner Duisburger Ansprache darauf hin, dass der 1881 geborene Lehmbruck mit seinen nur zweimal 19 Lebensjahren, die genau auf das 19. und das 20. Jahrhundert aufgeteilt sind, „wie ein Doppelbild von einem Jüngling oder auch von einer Jungfrau“ gewesen sei – ein Rätselwort mehr in dieser Rede.

Lehmbruck war als Bildhauer durchaus erfolgreich. Er fand schon früh Förderer und Sammler, nahm an zahlreichen Ausstellungen teil und hat, ähnlich wie später Beuys, als einer der wenigen deutschen Künstler schon zu Lebzeiten in den USA ausgestellt. Lehmbruck pflegte zu zahlreichen anderen Kulturschaffenden engen Austausch und lernte dabei auch die Anthroposophie kennen, beispielsweise durch die Malerin und Sammlerin Hilla von Rebay, die Rudolf Steiner 1904 in Berlin gehört hatte. Sie ging übrigens später in die USA und baute zusammen mit Solomon R. Guggenheim in New York das berühmte Museum auf, in dem dann 1979 Beuys als erster deutscher Gegenwartskünstler eine große Werkausstellung bekam.

Zeit seines Lebens kannte Lehmbruck Phasen euphorischen Schaffens und tiefer Schwermut. Am Ende sei er „durch das Tor des Todes seiner eigenen Skulptur hindurchgegangen“, sagt Beuys in seiner Rede mit Blick auf den Suizid des Künstlers.

Er deutet damit zugleich auf das Schicksal der Moderne, die in der Plastik von Lehmbruck einen Höhepunkt und Abschluss fand. Eine weitere Entwicklung der traditionellen Skulptur war offensichtlich nicht mehr möglich. Bei seinem Lehrer Ewald Mataré hatte Beuys zwar zunächst noch das traditionell Skulpturale, das von Lehmbruck gewürdigte „Maß gegen Maß“, gelernt und beispielsweise an Kirchenbauten mitgewirkt. Die entscheidende Metamorphose des Skulpturalen in seinem Schaffen hängt aber mit der neuen Rolle des Materials zusammen. In der Skulptur vor Beuys spielt dieses nur eine untergeordnete Rolle – die Nike von Samotrake ist genauso wie die LaokoonGruppe aus Marmor. Und noch Lehmbruck konnte seine Figuren je nach Bedarf in Steinguss oder Bronze umsetzen, da ging es mehr um praktische Fragen, zentral war immer die Form.

Beuys ist der Erste, der den Stoff nicht nur als Träger einer Form betrachtet, sondern als Substanz selbst. Fett, Filz, Kupfer – was ist das eigentlich? Der Künstler setzt da an, wo die Natur endet, er nimmt sie in Form von Substanzen auf und in die Skulptur hinein. Er beginnt, seine Materialien wie ein Alchemist zu verwenden. Und bei allem wird das Zeit-Element, dessen Anfänge Beuys bei Lehmbruck so betont, wichtiger als die sinnliche Form: die bewegte Skulptur entsteht. Die Aktion, die Seele und die Menschen selbst werden zum Material, das Soziale als Plastik kommt in den Blick.

Lehmbruck und Steiners „Aufruf“

Auch diese Dimension, so erfahren wir in der Dankesrede, war bereits für Lehmbruck präsent. Er gehörte in den ersten Wochen des Jahres 1919 zu den Unterzeichnenden eines Aufrufs, mit dem Rudolf Steiner zu einem gesellschaftlichen Neuanfang nach dem Ende des Krieges beitragen wollte. „Nach den Erfahrungen des Krieges, an dem Lehmbruck so gelitten hatte, steht also ein Mann auf und sieht die Gründe in diesem Kriege in der Ohnmacht des Geisteslebens“, betont Beuys. Steiner dachte damals an eine neue gesellschaftliche Ordnung auf Grundlage der Dreigliederung des sozialen Organismus, der Idee also, dass sich die Bereiche des Geisteslebens, des Rechtslebens und des Wirtschaftslebens nach ihren eigenen Wirkprinzipien der Freiheit, der Gleichheit und der Brüderlichkeit entfalten könnten.

Lehmbruck hat somit nicht nur die Plastik entscheidend weiterentwickelt, sondern er stellte sich durch seine Unterstützung dieses Aufrufs auch in eine sozialästhetische Aktion hinein, die jeden Menschen als Mitwirkenden der Sozialen Plastik (und insofern als Künstlerin oder Künstler) ansprechen wollte. Was bei Lehmbruck am Ende seines Lebens schicksalhaft wie ein Same gepflanzt wurde, hat sich im gesamten Schaffen von Beuys dann entfaltet: Man denke nur an die diversen politischen Gruppierungen, die er (mit-)gründete oder seine 100 Tage währenden Gespräche auf der Documenta im Jahr 1972 zum Thema Volksabstimmung. Das Prinzip Soziale Plastik und der Bezug zu Steiners Dreigliederungsidee blieben ihm zentral wichtig.

Auch am Ende der Duisburger Rede geht er noch einmal konkret darauf ein. Die Weiterentwicklung der Demokratie, die Freiheit des Geisteslebens und eine post-kapitalistische Ökonomie sind Fragen, die auch heute in keiner Weise abgeschlossen sind. Sie wirken im Gegenteil angesichts der gesellschaftlichen Polarisierungen drängender denn je. Die Soziale Plastik wartet noch immer darauf, an Stelle des zunehmend auseinanderfallenden Abstraktums „Gesellschaft“ zu treten. Das Motto „Schütze die Flamme“ ist aktueller denn je. ///

Dieser Text erschien in der Aprilausgabe 2021 der Zeitschrift info3.

Jens Heisterkamp, Jahrgang 1958, stammt aus Duisburg und wuchs in der Nachbarschaft von Lehmbrucks Geburtshaus im Stadtteil Meiderich auf – ohne damals davon zu wissen. Er ist heute Chefredakteur der Zeitschrift info3 und lebt in Frankfurt am Main.

Tom Tritschel wurde 1958 in Weimar geboren. Er ist gelernter Schriftsetzer, nahm Unterricht in Zeichnen und Malen und wurde durch eine Kunstpostkarte auf Joseph Beuys aufmerksam, den er in die DDR einzuladen versuchte, was die Behörden aber nicht zuließen. In Leipzig begann Tritschel die Ausbildung zum Priester der Christengemeinschaft, einer auf Rudolf Steiner zurückgehenden Bewegung für religiöse Erneuerung. Heute ist er in Bochum als Priester der Christengemeinschaft tätig.

Über den Autor / die Autorin

Jens Heisterkamp

Jens Heisterkamp, geboren 1958 in Duisburg, wuchs im Ruhrgebiet auf. Er studierte an der Ruhruniversität Bochum Geschichte, Literaturwissenschaft und Philosophie und wurde 1988 zum Dr. phil. promoviert. Nach der Begegnung mit der Anthroposophie lernte er während seines Zivildienstes die Heilpädagogik kennen und arbeitete als Dozent in der Erwachsenenbildung, kurzzeitig auch als Waldorflehrer, dann als Herausgeber und Autor. Seit 1995 ist er verantwortlicher Redakteur der Zeitschrift info3 sowie Verleger und Gesellschafter im Info3 Verlag in Frankfurt am Main. Seine Themen sind Dialoge in Religion, Philosophie und Spiritualität, Offene Gesellschaft, Ethik.

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